Krimi: „Das Stahlwerk“ von Christian Piskulla spielt in Duisburg

Serienmorde in einem Stahlwerk im Zweiten Weltkrieg
Von Petra Grünendahl

Hüttenwerk Rheinhausen.
Gemälde von Heinrich Schützig 1938.
Foto: Meinhard Weiss.

1942. In Warschau war Jarek Kruppa noch Kriminalkommissar, einer der besten seines Berufsstandes. Nachdem ihm die SS ein Verbrechen untergeschoben hatte, wird er verurteilt und landet als Zwangsarbeiter in einem Duisburger Stahlwerk. Innerhalb weniger Monate werden dort zehn Mitarbeiter ermordet. Werkschutz und Polizei sind überfordert. Die Arbeiter haben Angst. Der Werksleiter Doktor Hermann von Kessel beauftragt Kruppa mit der Klärung des Falles: Mit einem eigenen Büro, einem Werkschutz-Ausweis und entsprechenden Befugnissen. Schließlich hat auch von Kessel einiges zu verlieren, wenn die Mordserie nicht abreißt. Die Morde beunruhigen die Belegschaft und gefährden die Produktionsziele: Das kommt im Rüstungsministerium nicht gut an. Unterstützt vom Werkschutz-Leiter Paul Schöppke nimmt Jarek Kruppa die Ermittlungen auf. Die Jagd nach dem Serienmörder geht durch dunkle Hallen, finstere Keller, Tunnel und Katakomben, die sich unter dem Stahlwerk befinden.

 

Stahlwerk. Foto: Petra Grünendahl.

Mit seinem Thriller „Das Stahlwerk“ hat Christian Piskulla sein Roman-Debüt vorgelegt. Er nimmt den Leser mit auf die Jagd nach einem Serienmörder. Kulisse ist das größte Stahlwerk Deutschlands, die fiktive „Germania Metall Union“, welches im Zweiten Weltkrieg für die Kriegsführung von besonderer Bedeutung ist. Das Buch orientiert sich eher am klassischen Kriminalroman als an einem modernen Thriller, auch wenn Piskulla hier gekonnt Elemente beider Kategorien vereint.

Foto: Wilfried Maehler,
Bochumer Studienkreis für Bunker, Stollen, Deckungsgräben und unterirdische Fabrikationsanlagen e. V.

Piskullas Schilderungen sowohl des Malocher-Milieus in der Schwerindustrie, der Örtlichkeiten in einem Stahlwerk als auch im historischen Kontext des Nationalsozialismus überzeugen. Anspielungen lassen das dunkle Kapitel deutscher Geschichte lebendig und die Kulisse real werden. Man fühlt das dreckige Werksareal ebenso wie die bedrückende Realität der Kriegswirtschaft für die Menschen.

 

Stahlwerk. Foto: Petra Grünendahl.

Gut lesbar und mitunter witzig geschrieben merkt man, dass Piskulla an seiner Erzählung Spaß hat. Begierig folgt der Leser den Folgerungen des polnischen Kommissars, deren Erfolg ihm ein erträglicheres Leben bis zum Kriegsende sichern soll. Für die Lösung des Falles bleibt ihm nicht viel Zeit. Geschickt gesponnen entwickelt sich die Geschichte rund um glaubwürdige Charaktere, die mit ihren Perspektiven – zusätzlich zu der des polnischen Kommissars – die Handlung bereichern. Das ist nicht nur für Fans von Krimi und Triller ein Lesevergnügen!

 

 
Fiktion an realistischen Orten

Stahlwerk. Foto: Petra Grünendahl.

Vor über 30 Jahren hat Christian Piskulla (Jahrgang 1966) selber als Brenner und dann als Kranfahrer bei den Stahlwerken Peine-Salzgitter AG* gearbeitet. Dieses im Dritten Reich größte, „Hermann Göring Werke“ benannte Stahlwerk wollte er aber nicht als Kulisse verwenden, so dass er sein fiktives Werk am heute größten deutschen Stahlstandort verortete. Es liegt an einem Nord-Süd-Kanal, wie das Werk in Salzgitter**, wo der Autor aufgewachsen ist. Das Ambiente des Stahlwerks ist echt, lokale Bezüge nach Duisburg hingegen gibt es nicht.

 

Foto: Wilfried Maehler,
Bochumer Studienkreis für Bunker, Stollen, Deckungsgräben und unterirdische Fabrikationsanlagen e. V.

„Die Idee zu dem Buch kam mir, als ich vor über dreißig Jahren im Stahlwerk arbeitete“, erzählte Christian Piskulla. Seine Erfahrungen im Stahlwerk mit seinen gigantischen Dimensionen und unterirdischen Keller- und Tunnelsystemen ließ er in die Geschichte ebenso einfließen wie Details aus seiner Familiengeschichte: Sein Großvater mütterlicherseits war Pole (*1905 in Baranowicze), der später in Wilna*** lebte und 1941 nach Stettin (Pommern)**** verschleppt wurde, wo er als Zwangsarbeiter in einem Hüttenwerk arbeitete. „Seine Geschichte inspirierte mich, einem Zwangsarbeiter die Hauptrolle in meinem Roman zu geben“, so der Autor.

 

 

Titelbild: Uli Staiger / Die Licht gestalten, Berlin (nach einer Idee von Christian Piskulla).

Das Buch und der Autor
 
Der 420-seitige Roman ist als Taschenbuch im Verlag Cleverprinting erschienen. Es ist für 14,90 Euro im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-944755-22-9). Das eBook gibt es in unterschiedlichen Formaten bei Amazon, auf Apple Books, im Google Play Store oder für Tolino zum Preis von 9,99 Euro.

 
 
 
 

Stahlwerk. Foto: Petra Grünendahl.

Aufwändig produziert hat Christian Piskulla zusammen mit hoerbuchproduktion.com das Hörbuch zum Krimi. Sprecher Stefan Barth liest die Erzählung mit ihren wechselnden Perspektiven. Dramatische Musik und Geräuschuntermalung ebenso wie der wandlungsfähige Sprecher, der den Charakteren sprachlich „ein Gesicht“ gibt, lassen das Ganze fast als Hörspiel wirken. Unter https://das-stahlwerk.de/hoerbuch/ gibt es das 1. Kapitel (Der Vorabend) als Hörprobe (45 Minuten). Die Hörbuch-Doppel-CD mit einer Spielzeit von ca. 15 Stunden ist für 19,95 Euro zu haben (ISBN 978-3-944755-26-7).

Der Autor Christian Piskulla.
Foto: Anja Nothdurft.

Christian Piskulla ist Experte für Grafik, Bildbearbeitung, PrePress- und Publishing-Software. Mit seiner Firma Cleverprinting PreMedia-Solutions bietet er Schulungen, verlegt aber darüber hinaus im Verlag Cleverprinting auch seine Schulungs- und Fachbücher zum Thema, viele davon Standardwerke und Bestseller. Bislang hat Piskulla ausschließlich Fachliteratur geschrieben und veröffentlicht. „Das Stahlwerk“ ist sein Roman-Debüt: Und ein sehr empfehlenswertes!

 
*) heute: Salzgitter AG
**) der Stichkanal Salzgitter zweigt bei Braunschweig vom Mittellandkanal ab
***) heute: Vilnius in Litauen
****) heute: Szczecin im polnischen Woiwodschaft (Westpommern)

 

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (4), Wilfried Maehler / Studienkreis Bochumer Bunker (2), Meinhard Weiss (1), Anja Nothdurft (1),
Titelbild: Uli Staiger / Die Licht gestalten, Berlin (nach einer Idee von Christian Piskulla)

 

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Freizeit-Tipps: Ann Baers „Eskapaden im Ruhrgebiet” führen auch nach Duisburg

„Draußen“-Touren für Ziele in der Region<
Von Petra Grünendahl

Ann Baer mit Hund im Landschaftspark Duisburg-Nord unterwegs. Foto: Britta Knappmann, Essen.

Wo Bergbau und Industrie sich zurückgezogen haben, machten sie Flächen frei, die in der Metropole Ruhr gerne auch für Anlagen zur Entspannung und Freizeitgestaltung umgebaut wurden. Das gilt für Produktionsstätten und Zechen ebenso wie für die mittlerweile begrünten und mit Landmarken versehenen Halden, die Alpen des Ruhrgebiets. Wasserläufe wie Ruhr und Emscher – früher Transport- und Abwasserwege – sind renaturiert, die Ufer haben gute Aufenthaltsqualitäten.

Das Geleucht auf der Halde Rheinpreußen in Moers. Foto: Britta Knappmann, Essen.

Erlebnis- und Freizeitangebote finden sich nicht nur auf, sondern auch rund um die früher industriell genutzten Areale: Der Strukturwandel schaffte Wohlfühlorte inmitten des urbanen Raumes – teilweise sogar in Bio-Qualität. Und die Urbanität garantiert zumeist auch die gute Erreichbarkeit der Ziele. Und wem noch nicht klar ist, wie Grün das Ruhrgebiet ist, der sollte wanderfeste Stiefel anziehen und mit dem Eskapaden-Führer auf Tour gehen!

 

Im Blick auf der Route um den Baldeneysee: die Krupp’sche Villa Hügel. Foto: Ann Baer, Essen.

Ann Baer stellt in ihrem Buch „Eskapaden im Ruhrgebiet“ 52 kleine und große Touren vor, die den Leser ganz Corona-konform „Ab nach draußen!“ schicken. Aufgeteilt ist das Buch in Abstecher (21 Touren für ein paar Stunden), Ausflüge (21 Touren für einen ganzen Tag) und den Miniurlaub (10 Touren fürs Wochenende), die sich aber ganz nach persönlichen Vorlieben länger oder kürzer gestalten lassen. Die Ziele liegen im Ruhrgebiet und ein wenig auch darüber hinaus. Die Orte sind frei zugänglich und unter freiem Himmel. In Zeiten von Corona ist der Outdoor-Guide mit Sicherheit eine gute Empfehlung, denn draußen (und mit Abstand) ist die Ansteckungsgefahr noch am geringsten. Und die beschriebenen Orte sind alle so kostenlos zu besichtigen. Teilweise sind zusätzliche Hinweise auf benachbarte Museen angeführt: Die kosten dann jedoch Eintritt.

 

Schleusenpark Waltrop: Die Schleusenkammer der alten Schleuse Henrichenburg. Foto: Ann Baer, Essen.


Neben gut recherchierten informativen Texten zu den Locations gibt es wertvolle Tipps zur Anreise (Auto, ÖPNV und ggf. Fahrrad), zur besten Besuchszeit, Dauer & Strecke sowie Ausrüstung. Manche Touren sind nur zu erwandern, andere können auch mit dem Fahrrad absolviert werden. Einladende Fotos und Detailkarten erleichtern die Orientierung. Webadressen ermöglichen weitere Recherchen, bevor man sich selbst auf den Weg macht. Für unterwegs gibt es alle Touren auch zum Download: Für Android- und Apple-Smartphones mit installierter Outdoor-App.

 

 
Das Buch und die Autorin

Ann Baer am Baldeneysee in Essen. Foto: Britta Knappmann,

Die „Eskapaden im Ruhrgebiet“ sind gerade erschienen im DuMont Reiseverlag. Auf 232 Seiten – mit vier Seiten für jedes Ziel – findet der Leser neben vielen Informationen auch 200 Abbildungen sowie Karten mit der Verortung der Ausflugstipps. Das Taschenbuch im Format 15×21 cm ist für 16,95 Euro im lokalen Buchhandel zu bekommen (ISBN 978-3-7701-8087-5).

 
Nachdem es Ann Baer vor knapp 30 Jahren beruflich ins Ruhrgebiet verschlagen hat, ist die freie Journalistin und Autorin im Essener Süden heimisch geworden. Am Ruhrgebiet liebt sie den spannenden Mix aus Natur und Industriekultur. Als „Draußen-Mensch“ begibt sie sich gerne – auch mit Familie und Hund – auf skurrile Pfade: Selten wird sie dabei enttäuscht vom Erlebnisfaktor unbekannter Flecken. Ihre eigenen Erfahrungen und Einblicke hat sie in diesem Buch verarbeitet.

 

 
DuMont Reiseverlag

Titelbild: DuMont Reiseverlag.

Der DuMont Reiseverlag aus Ostfildern (bei Stuttgart) ist spezialisiert auf Reise- und Freizeitbücher. Die „DuMont Eskapaden“ sind die neuen „Aktivguides“ des Verlages, eine Buchreihe mit Ausflugstipps für Regionen und Städte in ganz Deutschland (und ein wenig darüber hinaus). Ob für wenige Stunden, einen Tag oder ein Wochenende, ob allein, mit Freunden oder der Familie – unwiderstehliche Ausflüge ins Grüne warten: „Also ab nach draußen!“, wirbt der Verlag.
www.dumontreise.de

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Ann Baer (2), Britta Knappmann (3)

 

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Roman zur Loveparade 2010 in Duisburg: Jessika Westen erzählt aus Sicht von Betroffenen

„Ich wollte verstehen, was passiert ist!“:
Die Katastrophe aus drei Perspektiven

Von Petra Grünendahl

Buchvorstellung im Steinhof (v. l.): Britta Schmitz (Emons Verlag), Vasco Engelhardt, Jessika Westen, Gabi Müller und Jessica Ploenes. Foto: Petra Grünendahl.

Mit Vorfreude machen sich Katty und ihre Freunde auf den Weg nach Duisburg zur großen Techno-Party am alten Güterbahnhof. Sie wollen feiern, tanzen, Spaß haben. Noch ahnen sie nicht, was ihnen bevor steht: Die Party endet für die Clique an der Rampe, im dichten Gedränge, in dem erste Menschen ihr Leben verlieren. Katty ist als Ich-Erzählerin Protagonistin, aber nicht die einzige Erzählerin des dokumentarischen Roman. Zwei weitere Perspektiven, der Sanitäter René und die Journalistin Emma, geben Einblicke in andere Aspekte des Geschehens. Mit diesen Handlungssträngen ermöglicht die Autorin dem Leser eine vielschichtige Rekonstruktion der Tragödie abseits der rechtlichen Aufarbeitung. Das Strafverfahren hatte im Mai dieses Jahres mit der Einstellung des Verfahrens ein Ende gefunden, was viele – vor allem Opfer und Betroffene – unbefriedigt gelassen hatte.

 

Jessika Westen mit ihrem Roman-Debüt „Dance or Die“. Foto: Petra Grünendahl.

Die Reporterin, Moderatorin und Autorin Jessika Westen stellte ihr Roman-Debüt „DANCE OR DIE: Die Loveparade-Katastrophe“ einen guten Monat vor dem zehnten Jahrestag des Ereignisses vor. Bei der Buchvorstellung mit dabei waren Gabi Müller, Mutter des damals 25-jährig verstorbenen Christian, Jessica Ploenes, die als Besucherin vor Ort war, Sanitäter Vasco Engelhardt sowie Vertreter der Betroffenen Initiative LoPa 2010 e. V., die das Buchprojekt unterstützt haben. Der Titel „Dance or Die“ stammt von den Flyern und Stickern, die an Rampe und Tunnel auf dem Boden pappten – und verhängnisvoll zu dem passten, was dort geschah. „Ich wollte verstehen, was da passiert ist“, schilderte die Autorin Jessika Westen ihre Intention zur Aufarbeitung. Entstanden ist eine Art dokumentarischer Roman, der Einzelschicksale im Ablauf der tatsächlichen Ereignisse schildert. Eine Kartendarstellung im Vorspann hilft Ortsunkundigen bei der geographischen Einordnung des Geschehens.

 

 
Mitten im Geschehen

Gabi Müller verlor bei der Loveparade 2010 ihren damals 25-jährigen Sohn Christian. Foto: Petra Grünendahl.

„Gut, dass du arbeiten musstest, sonst wärest du vielleicht selber dort dabei gewesen“, hatte die Mutter von Jessika Westen gesagt nach der Loveparade 2010. Zuvor war die WDR-Reporterin schließlich mehrfach in Berlin zur großen Techno-Party gewesen. Bei der Loveparade 2010 war Westen als Reporterin für die WDR Lokalzeit im Einsatz: Am Hauptbahnhof berichtete sie über das Geschehen, bis sie gegen Abend dann von dort aus ihrem Publikum eine erste Katastrophen-Berichterstattung liefern musste. Nach der Loveparade führte sie viele Gespräche mit Angehörigen und Betroffenen, mit Augenzeugen und Ersthelfern, die schließlich auch mit in dieses Buch einflossen. Lange schon hatte Westen mit dem Gedanken gespielt, ein solches Buch zu schreiben. Ab 2014 wurde es ihr ernst. Ihr Mann Thomas bestärkte und unterstützte sie darin.

Vasco Engelhardt war bei der Loveparade 2010 als Sanitäter im Einsatz. Foto: Petra Grünendahl.

„Es ist kein Buch, was man so einfach runter schreibt“, erklärte die Autorin die lange Zeit, die sie für das Buch brauchte. „Ich dachte manchmal, ich schaffe das nicht. Es belastet.“ Auch Recherchen über die Gespräche mit Betroffenen hinaus nahmen viel Zeit in Anspruch: So konnte Westen ausgiebige Einblicke in staatsanwaltschaftliche Ermittlungsakten nehmen. Das Buch führt aus drei Perspektiven mitten hinein in das Geschehen an der Rampe, in die Katastrophe, die für 21 Menschen tödlich endete. Funksprüche der Polizei stellen Bezüge zu den Abläufen der Ereignisse dar. Westens Darstellung ist präzise, mitunter recht graphisch, auch da wo es weh tut: Das ist nicht unbedingt was für schwache Nerven!

 

Jessica Ploenes wurde bei der Loveparade 2010 in Duisburg verletzt. Foto: Petra Grünendahl.

Insbesondere der Charakter der Katty und ihre Erlebnisse vereint in sich eine Vielzahl von Berichten und Schicksalen, die Westen nach der Loveparade von Betroffenen aller Art gehört hatte. Hier finden sich Eltern von Verstorbenen ebenso wieder wie Menschen, die bei der Katastrophe verletzt und traumatisiert wurden. Dies bestätigte auch Jessica Ploenes, selber ein Opfer, die das Buch schon gelesen hatte. „Das Buch ist wichtig: Ein Buch für die Ewigkeit und für die Würde unserer Kinder“, so Gabi Müller, die ihrem Sohn Christian verlor. Die Darstellung der Loveparade-Besucher war Jessika Westen wichtig, da hier viele Vorurteile kursierten: „Das waren junge Menschen, die das Leben liebten, mit einem tollen Gefühl zur Loveparade kamen und feiern wollten“, so die Autorin, die hier eigene Erfahrungen von früheren Loveparades in Berlin einfließen ließ. Auch Vasco Engelhardt, als Sanitäter vor Ort im Einsatz, findet sich in dem Buch wieder: Eine Whatsapp an Jessika hatte er mit „René“, dem Buch-Charakter, unterschrieben.

 

 
Das Buch und die Autorin

Titelbild: Emons Verlag.

Der Roman „DANCE OR DIE: Die Loveparade-Katastrophe“ ist im Emons Verlag, Köln, erschienen. Das 320-seitige Buch mit Broschur-Umschlag ist für 16,00 Euro im lokalen Buchhandel zu bekommen (ISBN 978-3-740-80887-7). Zehn Prozent ihrer Einnahmen aus dem Buch werde sie dem Bündnis Katastrophenhilfe spenden, so die Autorin.

 
 
 
 
 
 
Der Trailer zum Buch
 

Jessika Westen stellte ihren Roman-Debüt „Dance or Die“ vor. Foto: Petra Grünendahl.

Jessika Westen ist Nachrichtenmoderatorin bei ntv und Reporterin für den WDR. Die Diplom-Journalistin wurde für ihre „herausragende Leistung“ als Live-Reporterin von der Loveparade-Katastrophe in Duisburg mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten geehrt. Im Nachgang zum Unglück berichtete Jessika Westen regelmäßig für den WDR über die Zusammenhänge und Ursachen, die zu dem tödlichen Gedränge geführt haben. Zwischen 1998 und 2007 war Jessika Westen selbst insgesamt acht Mal auf der Loveparade, sowohl privat als auch beruflich.
https://jessika-westen.de/
https://www.emons-verlag.com/programm/dance-or-die

 

 
Emons Verlag

Überreichten Jessika Westen (l.) Blumen für ein gelungenes Buch: Nicole Ballhausen (m., Betroffenen Initiative LoPa 2010 e. V.) und Gabi Müller (r.). Foto: Petra Grünendahl.

Der Emons Verlag wurde 1984 von Hermann-Josef Emons in Köln gegründet. Mit dem Start der „Köln Krimis“ wurde der Emons Verlag zum Wegbereiter des „Regionalkrimis“. Mittlerweile gibt es im Emons Verlag über 80 regionale Krimireihen, von Nord nach Süd, von Ost nach West sowie im Ausland. Bestsellerautoren wie Frank Schätzing, Friedrich Ani, Nicola Förg und Volker Kutscher haben im Kölner Verlag veröffentlicht. 2008 kreierte der Verlag mit „111 Orte, die man gesehen haben muss“ – eine neue Art von Reiseführer. Bildbände, Kultur & Geschichte, Atlanten und Freizeitführer verfolgständigen das Buchprogramm.

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Duisburg: Susanne Wingels‘ „Niederrhein – Schlösser Burgen Herrenhäuser Rittergüter“ im Wartberg Verlag

Im Glanz vielfältiger herrschaftlicher Bauformen
Von Petra Grünendahl

Schloss Moers. Foto: Manfred Fahrig.

Beim Niederrhein denkt man nicht unbedingt zuerst an Schlössern und Burgen. Dass es aber doch in dieser Region nicht nur eine ganze Reihe solcher Gemäuer, sondern auch vielfältige Bauformen und Architekturen aus unterschiedlichsten Zeiten gibt, überrascht dafür umso mehr. Oftmals entstanden sie auf früheren Grundrissen, wurden im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlichen Epochen teils erneuert, teils erweitert. Bewohnt waren sie ursprünglich Fürsten und Edelleute, dienten der Befestigung oder der Repräsentation. Heute sind viele museal und/oder für Events genutzt, manche für Tagungen, als Hotels oder Gastronomie. An manchen Orten kann man auch heiraten: standesamtlich und an einem Ort sogar kirchlich (evangelisch).

 

Burg Linn in Krefeld. Foto: Susanne Wingels.

Für „Niederrhein – Schlösser, Burgen, Herrenhäuser und Rittergünter“ hat die Niederrheinerin Susanne Wingels 32 historische Gemäuer der Region bereist und in Bildern und Geschichte(n) festgehalten. Auch wenn das Buch optisch wie ein Bildband daher kommt, ist es eher eine Art Reise- und Architekturführer: Es ist sehr textlastig und erzählt umfassend, aber gut lesbar, die Historie und baugeschichtliche Entwicklung der Bauten. Es sind allesamt keine verlassenen Orte (mehr), sondern behutsam restaurierte und sanierte Gebäude, die ihren Besuchern Einblicke in Baukunst und Leben vergangener Zeit geben können. Es ist kein Buch, was man in einem durchliest. Eher blättert man und liest sich irgendwo fest.

 

 
Reiseführer zu spannenden Orten mit Geschichte

Schloss Hertefeld in Weeze. Foto: Katharina Jäger.

Susanne Wingels zeigt 32 Orte von mittelalterlichen Anlagen über Renaissance bis hin zu Barock und Neugotik, von Festungsbauwerken bis zu Märchenschlössern. Sie beschreibt Um- und Anbauten, die über mehrere Epochen gingen, sowie Schlossgärten und Parkanlagen. Sie dokumentiert den kontinuierlichen Wandel, der in Bildern nicht (mehr) nachvollziehbar ist. Jedem Ort ist eine Doppelseite gewidmet mit Foto (zumeist von der Autorin) und touristischen Informationen, aber auch gut recherchierte ausführliche Beschreibungen des jeweiligen Hauses und seiner Geschichte. Neben der Adresse, Anfahrtsbeschreibungen für Auto und ÖPNV sowie Angaben zur aktuellen Nutzung gibt es auch zu jedem Ort eine Webseite für mehr Informationen. Das macht dann schon mal neugierig und Lust auf mehr.

 

Kasteel Huis Bergh in ’s-Heerenberg (Provinz Gelderland). Foto: Robin Sommers.

Wingels widmete sich in ihrer Zusammenstellung ausschließlich Gebäuden und Orten, die verschiedenster Form für Interessierte zugänglich sind. Eine Karte gegenüber dem Vorwort verortet die im Buch abgebildeten Schlösser und Burgen. 29 Orte am Niederrhein (von den Kreisen Kleve und Wesel in Norden, Duisburg und Düsseldorf im Osten bis hin zu den Kreisen Heinsberg und Rhein-Kreis Neuss im Süden) mit einem Abstecher ins benachbarte Münsterland (Wasserschloss Anholt, Isselburg) und zwei in die angrenzenden Niederlande zu Häusern, die immer noch als „niederrheinsch“ zählen dürfen (Kasteel Arcen / Provinz Limburg und Kasteel Huis Bergh / Provinz Gelderland, beides direkt hinter der Grenze).

 

 
Das Buch und die Autorin

Schloss Anholt, Isselburg, auf dem Titelbild von Susanne Wingels’ „Niederrhein – Schlösser Burgen Herrenhäuser Rittergüter“. Foto: Susanne Wingels / Titelbild: Wartberg Verlag.

Das Buch „Niederrhein – Schlösser, Burgen, Herrenhäuser und Rittergüter“ von Susanne Wingels ist erschienen im Wartberg Verlag. Auf 72 Seiten findet der Leser zahlreiche Farbfotografien. Das Buch mit Hardcover-Einband (Format: 24 cm x 23 cm) kostet 16,90 Euro. Zu beziehen ist es über den lokalen Buchhandel (ISBN 978-3-8313-3252-6).

 
Susanne Wingels (Jahrgang 1969) lebt mit ihrer Familie in Bedburg-Hau. Den Niederrhein kennt die gelernte Industriekauffrau und Übersetzerin wie ihre Westentasche.
https://susanne-wingels.de/
https://www.wartberg-verlag.de/autoren/autor/926-susanne-wingels.html

 

 
Wartberg Verlag

Die Schwanenburg in Kleve. Foto: Dirk Verweyen Lichtbilder.

Der Wartberg Verlag aus Gudensberg (in der Nähe von Kassel) hat sich auf Bücher für Deutschlands Städte und Regionen spezialisiert: Historische und regionale Bildbände, Freizeitführer und verschiedenste weitere Bücher zur regionalen oder historischen Themen.
www.wartberg-verlag.de

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Susanne Wingels (Wasserburg Anholt, Burg Linn), Robin Sommers (Huis Bergh), Katharina Jäger (Schloss Hertefeld), Manfred Fahrig (Schloss Moers), Dirk Verweyen Lichtbilder (Schwanenburg), Titelbild: Wartberg Verlag

 

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Ludwiggalerie: Kunstverein Oberhausen zeigt Dieter Nuhr und Bahar Batvand

Abstrakte Detail-Fotografie vs.
die Möglichkeiten des Stoffes

Von Petra Grünendahl

Dieter Nuhr in der Panoramagalerie des Kleinen Schlosses in der Ludwig im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Dieter Nuhr ist als Satiriker und Kabarettist sowie als Autor bekannt, weniger als bildender Künstler. Die bildende Kunst hat er sogar studiert mit dem Schwerpunkt Malerei. Dieter Nuhr fotografiert, insbesondere auf Reisen, die ihn in alle Welt kommen lassen. Dieter Nuhr bezeichnet sich als Jäger und Sammler, der Details mit der Kamera einfängt:

Bahar Batvand im Kabinett des Kleinen Schlosses in der Ludwig im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Seine vergrößerten Abzüge in unterschiedlichen Formaten wirken wie Malereien des abstrakten Abgebildeten und sind nur beim näheren hinsehen als Fotografien auszumachen. Bahar Batvand stellt nicht dar, sondern spielt mit ihren Materialen, erkundet die Möglichkeiten der Stoffe, bis das Werk ihren Vorstellungen entspricht. Ihre abstrakten Exponate sind Bild und Plastik zugleich.

 

Von links: Museumsdirektorin Dr. Christine Vogt, Bahar Batvand, Dieter Nuhr und Ortwin Goertz vor einer großformatigen Fotografie von Dieter Nuhr in der Panoramagalerie des Kleinen Schlosses in der Ludwig im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Der Kunstverein Oberhausen e.V. zeigt in seiner Projektreihe „Parallel“ in der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen: Dieter Nuhr (*1960) mit der Ausstellung „Dauer und Ferne“ in der Panoramagalerie sowie im Kabinett die Künstlerin Bahar Batvand (*1974) mit „Akzidenz“. Ortwin Goertz, Vorsitzender des Kunstverein Oberhausen e. V. und Museumsdirektorin Dr. Christiane Vogt stellten die Ausstellung im Kleinen Schloss zusammen mit den Künstlern vor. Dieter Nuhr und die aus dem Iran stammende Bahar Batvand kennen sich seit Jahren: beide haben ihr Atelier in Düsseldorf. Während Batvand in Düsseldorf lebt und arbeitet, ist Dieter Nuhr in der Welt zu Hause: Er wohne in Ratingen, Düsseldorf, Berlin und Spanien. Aktuell ist er damit sehr eingeschränkt: „Ich habe weder Auftritte noch kann ich reisen. Meine Ausstellung in Spanien findet jetzt ohne mich statt“, erklärte er.

 

 
Kunstverein Oberhausen e. V.

Von links: Ortwin Goertz, Museumsdirektorin Dr. Christine Vogt und Apostolos Tsalastras, Oberhausens Beigeordneter für Kultur und Finanzen, vor Fotografien von Dieter Nuhr in der Panoramagalerie des Kleinen Schlosses in der Ludwig im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Das Projekt „Parallel“ des Kunstvereins Oberhausen zeigt seit 2011 jährlich im Sommer im Kleinen Schloss der Ludwiggalerie namhafte Künstler der zeitgenössischen Kunst, die akzentuiert und reduziert auf eine Auswahl von Schlüsselwerken ist. Es ist die zehnte Ausstellung des Kunstvereins und die dritte, die in der Projektreihe „Parallel“ künstlerische Positionen quasi gegenüber stellt: „Dauer und Ferne“ der „Akzidenz“, dem Zufälligen. Den 23 Bildern von Dieter Nuhr in unterschiedlichen Größenformaten (in der Panoramagalerie) stehen zwölf Exponate von Bahar Batvand (im Kabinett) gegenüber. Alles sind neuere Arbeiten der beiden Künstler.
www.kunstverein-oberhausen.de

 

Impressionen aus den Ausstelllungen von Dieter Nuhr und Bahar Batvand. Fotos: Petra Grünendahl

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Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen

Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen: Das Große Schloss. Foto: Petra Grünendahl.

Die Sonderausstellung im Kleinen Schloss läuft bis zum 13. September 2020. Das Museum ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr. Montags ist Ruhetag, feiertags sowie Pfingstmontag ist jedoch geöffnet. Der Eintritt zum Kleinen Schloss ist frei, im Großen Schloss kostet es 8 Euro (ermäßigt 4 Euro, Familien 12 Euro). Corona-bedingt gilt eine Besucherobergrenze: Im Großen Schloss (Rudolf Holtappel) von 70 Personen, im Kleinen Schloss (Dieter Nuhr und Bahar Batvand) finden insgesamt 35 Leute Platz. Bei einer weiteren Lockerung der Einschränkungen könnte diese Zahl aber wieder steigen. Aktuell entfallen alle sonst üblichen Führungen (öffentliche Führungen finden im Großen Schloss sonst sonn- und feiertags um 11.30 Uhr statt, zudem gibt es Kuratorenführungen), die im Museumseintritt inklusive sind. Das geplante Rahmenprogramm muss zu allen Ausstellungen wegen Corona allerdings komplett ausfallen. Gleiches gilt aktuell für museumspädagogischen Angebote. Corona-bedingt entfällt auch die übliche Eröffnungsfeier: Die Ausstellung ist einfach nur ab Sonntag, 21. Juni, geöffnet.

Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Im Großen Schloss zeigt die Ludwiggalerie noch bis zum 6. September die sehr sehenswerte Ausstellung vom Ruhrgebietsfotografen Rudolf Holtappel: „Die Zukunft hat schon begonnen“. Diese Ausstellung haben wir bereits besucht. Außerdem zu sehen ist die „Sammlung O. Alte Schätze – neue Wünsche“, die Kunstbesitz der Stadt Oberhausen, die Paten für den Erwerb wichtiger Werke für den eigenen Bestand sucht, die in der Ludwiggalerie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen: Das Kleine Schloss. Foto: Petra Grünendahl.

Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen ist eines der 21 RuhrKunstMuseen. Sie befindet sich an der Konrad-Adenauer-Allee 46 in 46049 Oberhausen. Anfahrt am besten über die A42, Abfahrt Oberhausen-Zentrum. Weitere Infos: www.ludwiggalerie.de.

Gedenkhalle im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Sehr bemerkenswert ist die ebenfalls im Schloss Oberhausen untergebrachte, aber nicht zur Ludwiggalerie gehörige Gedenkhalle. Als städtische Einrichtung in Erinnerung an die Verfolgten des Nationalsozialismus arbeitet die Gedenkhalle seit 1962 gegen das Vergessen und für das Miteinander aller Menschen in Oberhausen. Mit der 2010 erneuerten Dauerausstellung widmet sie sich der Stadtgeschichte zwischen 1933 und 1945 sowie der Zwangsarbeit im Ruhrgebiet während der NS-Zeit. Aktuell läuft hier in die Dauerausstellung integriert die Sonderschau „Einige waren Nachbarn: Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand“ noch bis zum 30. Juni 2020. Der Eintritt ist frei. Da sollte man unbedingt mal vorbei schauen!
www.gedenkhalle-oberhausen.de/

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Duisburg: „Verlassene Orte Nordrhein-Westfalen“ im Sutton Verlag

Dem Verfall preisgegebene Zeugen der Vergangenheit
Von Petra Grünendahl

Am alten Güterbahnhof in Duisburg haben die Abrissarbeiten begonnen. Foto: Daniel Boberg.

Wenn man in Duisburg an verlassene Orte denkt, ist der alte Güterbahnhof in der Innenstadt wohl einer der ersten Orte, an die man denkt. Unzählige Bilder gibt es hiervon – und jedes ist anders: Jeder Fotograf bringt seine eigene Sicht und seinen Blickwinkel in die Fotos mit ein. Bilder, die unwiederbringlich sind. Der Startschuss für den Abriss ist gegeben: Die beauftragte Firma hat das Gelände vollständig eingezäumt. Die Hallen sind nicht mehr zugänglich. Fotos und Eindrücke, die

Am alten Güterbahnhof in Duisburg haben die Abrissarbeiten begonnen. Foto: Daniel Boberg.

Daniel Boberg aus dem Gebäude mitgenommen hat, gehören schon bald endgültig der Vergangenheit an. Auch andere Stellen in unserer Stadt zogen ihn an. Einen Zugang suchte er auch zum ehemaligen St. Barbara Hospital, nahm aber wegen der Videoüberwachung auf der Baustelle Abstand davon. In der Nähe fand er jedoch mit der ehemaligen Adolph-Kolping-Hauptschule ein weiteres interessantes Objekt, welches sich zu erkunden lohnte. Im vergangenen Jahr machte man den Bau dem Erdboden gleich: die Bilder sind eingefangene Vergangenheit. So manch ein verlassener Ort hat sich seit Bobergs Besuch verändert: abgerissen oder vollständig abgeriegelt sind manche von ihnen mittlerweile. Einen Zugang bekommt man nur noch durch die Fotos.

 
 

Die Adolf-Kolping-Schule in Neumühl wurde im letzten Jahr abgerissen. Foto: Daniel Boberg.

Mit „Verlassene Orte Nordrhein-Westfalen“ hat Daniel Boberg seinen neuen Bildband über Lost Places veröffentlicht. Die Fotos stammen von Touren in den Jahren 2018 bis Frühjahr 2020. Fündig geworden sei er teilweise über Internet-Recherchen. Manch einen Ort in Ostwestfalen kannte er von früher, an Duisburger Locations sei er über angeheiratete Verwandtschaft gekommen, erzählte der 31-Jährige. Dabei informiert er sich gerne vorher, was ihn am Ort erwartet.

Fabrikgelände an der Lenne. Foto: Daniel Boberg.

Viele Lost Places sind im Laufe der Jahre Opfer von Diebstahl und Vandalismus geworden, die der Attraktivität dieser Orte nicht gut tun, wie auch der Autor einräumt: „Wer ihre Faszination erhalten will, nimmt von dort nichts mit, außer seinen Bildern, und hinterlässt nichts, außer seinen Fußspuren.“ Zum sicheren Umgang mit Lost Places hat er für den Leser auch gute Tipps für die Erkundung von verlassenen Orten parat: Festes Schuhwerk, Atemschutzmasken für stark verschimmelte Räume und „wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, lass ich es lieber!“

 

 
Der Faszination des Verfalls auf der Spur

Gießerei an der Lenne. Foto: Daniel Boberg.

Seine ersten Lost Places erkundete Daniel Boberg in seiner Jugend in Ostwestfalen, lange bevor der „Lost Place“ für ihn zum Begriff wurde. Berlin, wo er zeitweise lebte, oder Brandenburg erkundete er erst später und veröffentlichte sie als seine ersten Bildbände im Sutton Verlag. Mit Nordrhein-Westfalen legt er nun seinen dritten Bildband der Reihe „Verlassene Orte“ vor. Die Erkundung von so genannten Lost Places, die der gebürtige Ostwestfale der Sicherheit wegen grundsätzlich in Begleitung vornimmt, hat er datiert und mit einigen Fakten versehen.

Armaturenfabrik. Foto: Daniel Boberg.

Darüber hinaus dokumentiert er gut recherchiert nicht nur ihre Gegenwart, sondern in den umfassenden und informativen Texten auch ihre Vergangenheit, die er dem interessierten Leser zugänglich macht. Ehemalige Fabrik- oder Gewerbegebäude, Wohnhäuser und Villen, eine Schule und eine ehemaliger Nachtclub sowie eine Werft und – auf einer geführten Fototour – die Kokerei der Zeche Zollverein hat Daniel Boberg besucht: Von Rhein und Ruhr ging seine Reise über das Bergische Land bis nach Ostwestfalen. Von den zehn Orten, die Boberg in NRW besucht hat, liegen drei in Duisburg. Eingesammelt hat er auf seinen Streifzügen faszinierende Eindrücke, Stimmungen und Details eines Verfalls, die bleiben, auch wenn manche dieser Orte bald endgültig Vergangenheit sind. Zum Einsatz kamen neben seinen Kameras auch eine Drohne, die weitere spannende Perspektiven erschloss.

 

Verlassenen Orte Nordrhein-Westfalen. Cover: Sutton Verlag.

Daniel Bobergs großformatiges Buch „Verlassene Orte Nordrhein-Westfalen“ ist erschienen im Erfurter Sutton Verlag, Deutschlands führendem Verlag für Lokal- und Regionalgeschichte. Auf 168 Seiten findet der Leser rund 120 Fotografien. Das reich bebilderte Buch mit Hardcover-Einband kostet 29,99 Euro. Zu beziehen ist es über den lokalen Buchhandel (ISBN 978-3-96303-192-2).

 

 
Der Autor

Gelbe Villa. Foto: Daniel Boberg.

Fotograf und Autor Daniel Boberg (Jahrgang 1988) ist freiberuflicher Software-Entwickler und lebt heute in Hamm. Aufgewachsen ist er in Bad Oeynhausen und Minden (Ostwestfalen), bevor er sich zum Studium erstmals nach Berlin aufmachte. Weitere Stationen waren Braunschweig, Bielefeld und wieder Berlin, von wo es ihn zurück nach NRW zog. Die Fotografie ist seine Leidenschaft, die er ständig weiter entwickelt. Faszinierend findet er seit langem auch Lost Places, wie er sie immer wieder gerne aufsucht: Im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten und mit dem gebotenen Respekt gegenüber den Zeugen der Vergangenheit!
https://pixelgranaten.de/wir-sind-die-pixelgranaten/daniel/

Bücher von Daniel Boberg im Sutton Verlag:
Verlassene Orte Nordrhein-Westfalen
Verlassene Orte Berlin
Verlassene Orte Brandenburg
https://verlagshaus24.de/autor/42020/boberg-daniel

 

 
Sutton Verlag, Erfurt

Weserwerft. Foto: Daniel Boberg.

Sutton ist der führende Verlag für Regionalgeschichte und -literatur im deutschsprachigen Raum, vom historischen Bildband bis zum Freizeitführer. Den zweiten Schwerpunkt des 1997 gegründeten Verlages bildet die Verkehrs- und Technikgeschichte. Außerdem bietet Sutton Krimi unter dem Motto „mordsmäßig spannend“ seit 2011 Regionalkrimis der unterschiedliches Genres. Seit Anfang 2014 gehört Sutton zum Verlagshaus GeraNova Bruckmann in München.
https://verlagshaus24.de/sutton/

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Daniel Boberg (8), Sutton Verlag (Cover)

 

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Ratssitzung in Duisburg: Lange Tagesordung zügig abgearbeitet

Grünes Licht für Stadtteil-Entwicklung und -Sanierung
Von Petra Grünendahl

Auf Abstand: Wegen der Corona-Pandemie fand die Ratssitzung in der Mercatorhalle statt. Foto: Petra Grünendahl.

Mit der Bereitstellung von finanziellen Mitteln und einem (jetzt erst einmal aufgeschobenen) Erprobungsbetrieb gab der Rat der Stadt Duisburg grünes Licht für ein soziokulturelles Zentrum am Stapeltor. Nach dem Startschuss für den Abriss in der vergangenen Woche brachte der Rat nun auch die Entwicklung der Fläche „Am Alten Güterbahnhof“ auf den Weg. Er bewilligte darüber hinaus Gelder für die Internationale Gartenausstellung (IGA) Metropole Ruhr 2027 und für die vorbereitende Planung zur Reaktivierung der Westbahn (zur Anbindung der neu entstehenden Stadtquartiere im Süden). Beschließen musste der Rat auch die Fortführung des Projektes Soziale Stadt in Homberg-Hochheide: Besonders höhere Kosten für den Erwerb von drei der sechs Weißen Riesen sowie deutliche Kostensteigerungen bei der notwendigen Sanierung vor einer Sprengung (unter anderen Asbestfunde in Wand- und Deckenspachtel sowie im Estrichkleber) ließen die ursprünglich angesetzten Kosten für das Gesamtprojekt massiv steigen. Im April 2021 soll der Weiße Riese Ottostraße 24–30 fallen, im Frühjahr 2023 die Ottostraße 54/56. Auf den Flächen zwischen Ottostraße und dem Areal der 2019 gesprengten Friedrich-Ebert-Straße 10–16 sollen bis 2025 Grün- und Parkanlagen entstehen.

 

Auf Abstand: Wegen der Corona-Pandemie fand die Ratssitzung in der Mercatorhalle statt. Foto: Petra Grünendahl.

Straff und zügig zog Oberbürgermeister Sören Link die letzte Ratssitzung vor der Kommunalwahl im September durch. Wegen der Corona-Pandemie und den erforderlichen Abständen war die Ratssitzung vom Ratssaal in den großen Saal der Mercatorhalle verlegt worden, wo immerhin genug Platz für alle geschaffen werden konnte. Die individuelle Redezeit beschränkte der OB im Einvernehmen mit den Ratsleuten auf drei Minuten. Eine Pause war nicht vorgesehen. So winkte der Rat zunächst alle Eilbeschlüsse der Haupt- und Finanzausschuss-Sitzung vom 30. März (anstelle der ursprünglich angesetzten Ratssitzung) sowie reihenweise Dringlichkeitsbeschlüsse mit großer Mehrheit oder sogar einstimmig durch. Dazu zählten unter anderem auch Entlastungen für Eltern bei den Kindergartenbeiträgen für April bis Juli sowie der Verzicht auf Abgaben von Handel und Gastronomie für die Nutzung von Freiluft-Flächen. Auch über andere Beschlussvorlagen wurde im Rat nicht mehr groß diskutiert, waren Diskussionen doch eher in den vorbereitenden Ausschuss-Sitzungen sowie Fraktionssitzungen (zum abschließenden Abstimmungsverhalten der Fraktionen) gelaufen. Das Bäderkonzept im Duisburger Süden (nach dem Scheitern des XXL-Bades in Huckingen) ist als erste Lesung behandelt worden. Die Diskussion wird nach der Kommunalwahl im neuen Rat fortgesetzt. Breite Unterstützung fand im Rat die Resolution zum Kommunalen Rettungsschirm und einer Altschuldenhilfe angesichts der entstandenen Finanzlöcher durch die Corona-Pandemie. Hier ist nun die Landesregierung NRW gefordert.

 

 
Alt-Hamborn / Marxloh und die Rhein-Ruhr-Halle

Die Rhein-Ruhr-Halle in Hamborn 2018. Foto: Petra Grünendahl.

Mit zusätzlichen Fördermitteln des Landes will der Rat das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) „Stark im Norden – Alt-Hamborn & Marxloh“ fortschreiben. Rund 25 Mio. Euro (als 50-Prozent-Förderung) kommen vom Bund dazu. Marxloh befindet sich seit den 1980er-Jahren in unterschiedlichen Förderprogrammen der integrierten Stadterneuerung, Alt-Hamborn profitiert hier erstmalig. Zahlreiche Projekte zu Integration und Bildung, sozialer und ökonomischer Stabilisierung, Umwelt und Klimaschutz sowie Teilhabe und Öffentlichkeitsarbeit sollen unterstützt werden. Als ein Teilprojekt steht der Abriss der Rhein-Ruhr-Halle zur Flächenentwicklung im Raum, allerdings fordern hier mehrere Parteien im Rat eine Reaktivierung der Halle. Im Falle eines Abrisses ist ein Neubau an gleicher Stelle wegen der Nähe eines „Störfallbetriebes“ (Grillo) aufgrund rechtlicher Beschränkungen nicht möglich. Eine „Ertüchtigung“ werde von der Verwaltung geprüft, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Rainer Enzweile, was uns auch Thomas Krützberg, Geschäftsführer des Immobilien-Management Duisburg (IMD), als Eigentümer der Halle so bestätigte. Dass diese Halle aber nicht so einfach (und mit wenig finanziellem Aufwand) ertüchtigt und reaktiviert werden kann, sollte aber allen Beteiligten klar werden. Seit vielen Jahren verfällt die Mehrzweckhalle zusehends, mittlerweile ist alles von Wert geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Siehe auch unseren Kommentar vom 8. Juni: https://duisburgamrhein-betrachtungen.de/2020/06/08/reaktivierung-der-rhein-ruhr-halle-in-duisburg-hamborn-ein-kommentar/.

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Niederrheinische IHK: Konjunkturumfrage Frühsommer 2020

Krisenstimmung bei der niederrheinischen Wirtschaft
Von Petra Grünendahl

Quelle: Niederrheinische IHK Duisburg Wesel Kleve.

„Die Lage ist dramatisch. Vielen Unternehmen sind wegen der Corona-Pandemie von jetzt auf gleich Lieferketten ebenso wie Märkte zusammen gebrochen“, erklärte Burkhard Landers, Präsident der Niederrheinischen IHK. „Die Unternehmen am Niederrhein beurteilen die wirtschaftliche Lage und ihre Zukunftserwartungen so negativ wie zuletzt im Frühjahr 2009.“ Er rechne nicht mit einer V-förmigen wirtschaftlichen Erholung, wie sie früher nach Krisen eingetreten war, sondern eher mit einer U-Form: „Man weiß aber nicht, wie lang sich der Bogen des U zieht“, so Landers. Die Rettungsschirme und Soforthilfen seien richtig und gut gewesen, aber in manchen Branchen nicht ausreichend, was insbesondere Laufzeiten angehe: „Während sich manche Unternehmen mit der langsamen Öffnung wieder stabilisieren, bleiben ganze Branchen noch über Monate in der Krise: Messe, Event oder Catering erholen sich noch lange nicht“, sagte Landers. „Dienstleister hat es besonders getroffen, wenn sie in direktem Kundenkontakt arbeiten“, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Stefan Dietzfelbinger. Lediglich die Digital-Branche habe sogar von der Krise profitiert, weil sie durch Home Office und Verschiebung wirtschaftlicher Aktivitäten ins „Digitale“ Geschäftszuwächse erzielt hatte.

 

Burkhard Landers und Stefan Dietzfelbinger stellten die Konjunkturumfrage Frühsommer 2020 vor. Foto: Petra Grünendahl.

Den aktuellen Konjunkturbericht stellten Burkhard Landers und Dr. Stefan Dietzfelbinger im Großen Sitzungssaal der Niederrheinischen IHK an der Mercatorstraße im Pressegespräch vor. Auf Abstand, aber immerhin analog: „Es geht nichts über den persönlichen Kontakt“, bemerkte Landers. Solange dies aber manchen Unternehmen und Branchen fehle, seien Geschäfts- und Stimmungslage entsprechend negativ: „Zwar ist im Mai die Insolvenzerwartung auf 9 % der befragten Unternehmen gesunken, aber das sind in unserem Kammerbezirk immer noch fast 6.000 Betriebe.“ An der aktuellen Umfrage im Kammerbezirk Niederrhein (Duisburg sowie die Kreise Wesel und Kleve) hatten sich 318 Unternehmen mit insgesamt 44.000 Beschäftigten beteiligt.

 

Quelle: Niederrheinische IHK Duisburg Wesel Kleve.

Die Wirtschaftskrise habe einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Industrie- und Handelskammern (IHK) für die Wirtschaft seien, so Stefan Dietzfelbinger: „Wir haben fast 5.000 Beratungsgespräche geführt mit Unternehmen, die staatliche Hilfen oder Kurzarbeitergeld beantragen wollten. Dabei haben wir viele traurige und verzweifelte Geschichten von den Betroffenen gehört.“ Mittlerweile kehre die IHK, die während des Lockdown ihre Mitglieder überwiegend vom Home Office per Telefon bzw. digital betreut hatte, zum Normalbetrieb zurück: „Die Prüfungsgespräche für die Ausbildungsabschlüsse laufen gerade wieder an.“

 

 
Ausbildungsmarkt rückläufig
„Wir hatte zu diesem Zeitpunkt noch nie so wenig Ausbildungsverträge abgeschlossen wie in diesem Jahr“, erzählte Landers. In Zahlen: rund 25 Prozent weniger sind es bislang. Die sonst üblichen Schulbesuche von Ausbildungsberatern entfallen im Moment, der Tag der Ausbildung fand digital statt. Zum einen ist da die Verunsicherung der Unternehmen, die sich überlegen, ob sie es in der aktuellen wirtschaftlichen Lage überhaupt schaffen auszubilden. Dem stünden aber, so Landers, mehr Bewerber gegenüber: „Ein Auslandsjahr oder ähnliches nach dem Schulabschluss macht in diesem Jahr keiner!“ Die Wirtschaft sei hier nicht nur angesichts des Fachkräftemangels in der Pflicht: „Wir haben eine soziale Verantwortung, diesen jungen Menschen zukunftssichere Perspektive zu geben.“ Der ehrenamtliche IHK-Präsident ist im Hauptberuf Unternehmer in Wesel, weiß also, worum es geht. Bei der IHK denkt man darüber nach, noch bis Jahresende neu abgeschlossene Berufsausbildungsverträge in das im September beginnende Ausbildungsjahr hinein zu nehmen, damit Schulabgängern keine Zeitverluste entstehen.

 

 
Hilfen von Bund und Land, aber auch von den Kommunen

Quelle: Niederrheinische IHK Duisburg Wesel Kleve.

„Neben den Hilfen von Bund und Land haben uns auch die Kommunen geholfen: durch Stundung von Abgaben und Steuerzahlungen“, erklärte der IHK-Präsident. „Das Konjunkturprogramm des Bundes verschafft den Kommunen Spielräume, die diese jetzt nutzen wollten. Die beste Wirtschaftförderung ist unbürokratische Hilfe vor Ort.“ Und diese müssten gar nicht immer Geld kosten: Entscheidungsspielräume bei Genehmigungsverfahren oder Erlaubnistatbeständen hat Landers hier ebenso im Sinn wie die Bereitstellung von neuen Ansiedlungsflächen für Gewerbe, um Unternehmen die Möglichkeit zu geben, vor Ort zu expandieren oder sich umzustrukturieren. Ein guter Schritt sei auch die Deckelung der EEG-Umlage, die gerade energieintensive Unternehmen in der Region massiv Geld kosten (z. B. Stahlproduktion, Metallindustrie, Chemie). Zugleich forderte Landers, den Wasserstoffausbau stärker zu fördern: „Ohne Wasserstoff wird es in Zukunft keine Stahlproduktion mehr in Duisburg geben.“ Neben der Stärkung der Verkehrsinfrastruktur forderte Landers auch eine verstärkte Förderung für die Digitalisierung: Breitbandausbau sowie eine Digitalisierung von Verwaltungsprozessen und Bildungseinrichtungen, von denen Bürger wie Unternehmen profitieren würden.

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Alter Güterbahnhof in Duisburg: Startschuss für den Abriss

Platz für die Zukunft machen:
Für ein neues Quartier mit Strahlkraft

Von Petra Grünendahl

Von links: Bruno Sagurna (SPD, stellv. Vorsitzender im Gebag-Aufsichtsrat), Rainer Enzweiler (CDU, Vorsitzender Ausschuss für Wirtschaft, Stadtentwicklung und Verkehr), Andree Haack (Wirtschaftsdezernent), Oberbürgermeister Sören Link, Bernd Wortmeyer (Geschäftsführer Gebag), Martin Linne (Stadtplanungsdezernent). Foto: Petra Grünendahl.

Erste Arbeiten sind schon in den verfallenen Abfertigungshallen hinter den Baustellenzäunen zu beobachten. „Hier entsteht Zukunft“, erklärte Oberbürgermeister Sören Link zum Beginn der Abrissarbeiten am alten Güterbahnhof. Und: „Mit dem Abbruch wollen wir den Aufbruch einleiten.“ – „Die Hallen werden dem Sommer nicht überstehen. Wegen der Schadstoffbelastung muss man sie Stück für Stück abtragen. Dann werden Hunderte von Tonnen Betonfundament zurückgebaut“, erklärte Bernd Wortmeyer, Geschäftsführer der Gebag, die das Areal 2018 erworben hat und für die Stadt entwickeln wird: „nicht nur zu einem Quartier, sondern zu einem neuen Stück Duisburg.“ Die notwendige Digitalisierung des Ablaufs mache viel mehr Bürgerbeteiligung möglich, als im Vorfeld (vor Corona) geahnt. Für die Erstellung des städtebaulichen Rahmenplans startet Ende Juli ein zweistufiger Planungswettbewerb mit Teams (Architektur und Städtebau sowie Landschaftsarchitekten) aus ganz Europa: „Das Projekt ist sogar für Planer aus Amsterdam oder Wien attraktiv“, so Wortmann. „Dieser Ort ist einzigartig: so etwas finden Sie nirgends mehr.“

 

Von links: Bruno Sagurna (SPD, stellv. Vorsitzender im Gebag-Aufsichtsrat), Rainer Enzweiler (CDU, Vorsitzender Ausschuss für Wirtschaft, Stadtentwicklung und Verkehr), Andree Haack (Wirtschaftsdezernent), Oberbürgermeister Sören Link, Bernd Wortmeyer (Geschäftsführer Gebag), Martin Linne (Stadtplanungsdezernent). Foto: Petra Grünendahl.

Oberbürgermeister Sören Link, Planungsdezernent Martin Linne und Gebag-Geschäftsführer Bernd Wortmann stellten neben dem abgezäunten und videoüberwachten Abrissbereich im Pressegespräch dar, mit welcher Entwicklung Duisburgs Bürger auf der Brachfläche von insgesamt gut 35 Hektar rechnen können. Der Rückbau der Hallen gibt den Startschuss für einen Neuanfang: „Die Duisburger Freiheit gibt es nicht mehr“, erklärte der Gebag-Geschäftsführer. Hier müsse ein neuer Name her für einen städtebaulichen Aufbruch. Die Fläche sei einzigartig in ihrer Qualität: „Hier ist nicht Schnelligkeit unser Thema, sondern Nachhaltigkeit und Strahlkraft.“ Eine Entscheidung über den städtebaulichen Rahmenplan erwarte er im Frühjahr 2022, sagte Planungsdezernent Martin Linne, und einen Bebauungsplan im Sommer 2022. Mit der Erschließung rechne er ab Ende 2023 nach Rechtskraft des B-Plans, mit dem Beginn des Hochbaus 2024. Nach vielen Jahren Brache und Stillstand erwarte er einen Schub für die Stadt: „Als wir vor 25 Jahren im Innenhafen angefangen haben, konnte man noch absehen, welchen Erfolg das Ganze haben würde“, sagte Linne. Und: „Eine solch erfolgreiche Entwicklung kann hier auch passieren!“

 

 
Die Geschichte des Areals

Oberbürgermeister Sören Link. Foto: Petra Grünendahl.

Das Gelände ist mit Grün zugewuchert, durchzogen von einem Schotterweg, der die kleine Rampe hinauf ungefähr dorthin führt, wo vor einigen Jahren noch eine Firma für Baumaschinen angesiedelt war. Die große Rampe, auf der sich bei der Loveparade 2010 die Katastrophe mit 21 Toten und Hunderten Verletzten ereignete, ist nicht mehr auszumachen. Die war zugeschüttet worden, als 2013 man die Gedenkstätte anlegte.

 
Stillgelegt wurde der alte Güterbahnhof im Dellviertel 1996. Viele Pläne und Initiativen hatte es seitdem gegeben, dieses Filet-Stück zu entwickeln: Die Verkehrsanbindungen sind hervorragend, das Areal liegt nah an der Innenstadt und vom Verkehr ist hier beim Pressetermin – ca. 70 Meter entfernt von den Gleisanlagen und gut 100 Meter von der Autobahn wenig zu hören, was zumindest teilweise den üppig wuchernden Bewuchs zuzuschreiben sein dürfte.

 

 

Gebag-Geschäftsführer Bernd Wortmann. Foto: Petra Grünendahl.

Von ersten Ideen einer neuen Fußball-Arena Ende der 1990er-Jahre hatte man an dieser Stelle schnell Abstand genommen: Gebaut wurde die neue MSV-Arena am alten Standort Wedau-Stadion. Dann kam das Multi Casa, das über viele Jahre die Gemüter erhitzte, bevor es nach der Wahl von Adolf Sauerland (CDU) zum Oberbürgermeister Geschichte wurde. Sir Norman Foster brachte dann Ideen für die „Duisburger Freiheit“ zu Papier, die Wohnen, Grün und Gewerbe (Arbeitsplätze) vorsahen. Die Bahn-Immobilientochter Aurelis verkaufte jedoch an Kurt Krieger, der nach der Loveparade 2010 Möbelhäuser errichten wollten. Lediglich die Gedenkstätte für die Opfer der Loveparade erinnern noch daran. Als Krieger das Interesse an dem Standort für seine Möbelhaus-Kette verloren hatte, wollte er auf seinem Grundstück Handel ansiedeln: Ein Designer Outlet Center (DOC) scheiterte aber an der Volksabstimmung 2018. Krieger verkaufte das Areal schließlich.

 

 
Entwicklung nun in Duisburger Hand

Alter Güterbahnhof in Duisburg. Quelle: Google Maps Luftbild.

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gebag erwarb das Gelände, so dass nun endlich die Planungshoheit auch als Eigentümer in Duisburg liegt. Damit kann die Stadt unter Beteiligung der Bürger hier planend tätig werden: Ein Stück Duisburg solle hier entwickelt werden, mit dem sich die Bürger identifizierten, wünschen sich die Verantwortlichen. Mit Wohnen, Grün und Smartem Business, so ihre Vorstellung. Die Entscheidung zum Gewinner-Team des städtebaulichen Wettbewerbs soll im März 2021 durch eine Jury fallen.

 

 
Arbeitstitel: Am alten Güterbahnhof

Alter Güterbahnhof in Duisburg. Quelle: Google Maps Luftbild.

Unter www.am-alten-gueterbahnhof.de wird die Projektentwicklung veröffentlicht und Bürgerbeteiligung ermöglicht. Versammlungen kann es ja aktuell aufgrund der Corona-Krise nicht geben. Einzig gangbarer Weg ist der digitale, der aber mehr Bürgerbeteiligung möglich macht als analoge Ideen-Werkstätten. „Die Bürger sollen sich mit dem neuen Quartier identifizieren und es als neues Stück Duisburg annehmen“, so der Gebag-Geschäftsführer. Wenn klar ist, was hier entstehen soll, wird sich die Gebag auf die Suche nach einem geeigneten Namen für das Gelände machen. Bis dahin läuft die Fläche immer noch unter dem Arbeitstitel „Am alten Güterbahnhof“.

 
Impressionen vom alten Güterbahnhof. Fotos: Petra Grünendahl

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© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Duisburg / Kamp-Lintfort: Landesgartenschau 2020

Erkundung der LaGa unter Corona-Bedingungen
Von Petra Grünendahl

Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 im Schatten der Fördertürme der Zeche Friedrich Heinrich. Foto: Petra Grünendahl.

Lange Schlangen an der Kasse hat man nicht an einem Wochentag – vermutlich im Gegensatz zu Wochenenden, wo viele Menschen angesichts von Corona-Beschränkungen gerade Ziele unter freiem Himmel besonders gerne ansteuern. Zügig geht es auf das Gelände. Überall sind Menschen, aber auf Abstand. Auf Freiflächen geht es auch ohne Maske, die braucht man nur in geschlossenen Räumen (und ggf. bei dichteren Kontakten). Dem wenigen Regen dieser Saison trotzen die Veranstalter mit reger Bewässerung: Alles unter freiem Himmel steht in prächtiger Blüte – von den gestalteten Beeten und Mustergärten bis zu den Wildblumenwiesen im Parkgelände. Spannende Vielfalt findet der Besucher in den Mustergärten, dazwischen Informationen zur Gartengestaltung, aber auch über die touristischen Highlights der Region. Blühend zeigt sich der Quartiersplatz. Den Rundweg durch den Park über den großen Fritz und den kleinen Fritz entlang am Spielplatz und dem Streichelzoo (Kalisto) ist gesäumt von Bäumen unterschiedlichster Art, von gestalteten Beeten und Wildblumenwiesen, die außer den Besuchern auch Bienen locken sollen.

 

Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 im Schatten der Fördertürme der Zeche Friedrich Heinrich. Foto: Petra Grünendahl.

Einen guten Monat hat die Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 (LaGa) nun ihre Tore geöffnet. „Wir sind sehr froh, dass sich die Corona-Regeln auf unserem großen Gelände gut einhalten lassen und sich die Besucher gerne auf der LaGa aufhalten“, sagte Heinrich Sperling, Geschäftsführer der Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 GmbH. Mit der Resonanz sind die Veranstalter bislang zufrieden: „Unsere Landesgartenschau kommt bei den Gästen an“, so Sperling. In dieser Woche laufen die Pflanzungen für die Sommerblumen, damit das Blütenmeer bis in den Herbst reicht. „Wir haben ein Drittel mehr an Blumenfläche als bei der vorherigen Landesgartenschau in Bad Lippspringe und das bei etwa gleicher Parkgröße“, erzählte der LaGa-Geschäftsführer.

 

 
Die Angebote auf der LaGa 2020

Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 im Schatten der Fördertürme der Zeche Friedrich Heinrich. Foto: Petra Grünendahl.

Natürlich lockten die Kernbestandteilen einer jeden Gartenschau – Pflanzen, unterschiedliche Themengärten, Gärtnermarkt und Blumenhalle, die in den vergangenen Wochen mit ihren regelmäßig wechselnden Ausstellungsthemen einer der Besuchermagnete im Zechenpark war. Darüber hinaus konnten auch bereits kleinere Veranstaltungen sowie erste Kurse im Grünen Klassenzimmer stattfinden. „Ich freue mich jetzt auf die kommenden fünf Monate und die vielen Highlights, die unsere Besucher noch erwarten. Alle Attraktionen sind mittlerweile zugänglich, auch auf die Aussichtsplattform des Förderturms können Besucher nun unter Einhaltung der Regeln, zwischen 14 und 17 Uhr, hoch. Wir haben sehr viel zu bieten.“ Dazu zählen auch die halbstündigen Führungen im Lehrstollen neben dem LaGa-Gelände (täglich außer dienstags und donnerstags, jeweils zwischen 10 und 13 Uhr sowie 15 und 18 Uhr), wo max. fünf Personen mit Mund-Nasen-Schutz Einblicke in die Arbeit der Bergleute bekommen: Von 1912 bis 2012 förderten sie hier auf der Zeche Friedrich Heinrich (zuletzt RAG Bergwerk West), dem heutigen LaGa-Gelände, Steinkohle, im Lehrstollen lief der Ausbildungsbetrieb. Der Besuch des Lehrstollens ist mit einer Eintrittskarte zur LaGa kostenlos. Die ehrenamtlichen Führer stammen aus dem Bergbau oder sind dem Bergbau verbunden – und können kundig berichten.

 

 
Die LaGa 2020 in Zahlen

Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 im Schatten der Fördertürme der Zeche Friedrich Heinrich. Foto: Petra Grünendahl.

Bis zum 11. Oktober wird die Landesgartenschau 2020 geöffnet sein. Die Kassen sind täglich vom 9 bis 19 Uhr besetzt, verweilen kann man auf dem Gelände bis zum Einbruch der Dunkelheit (maximal 21 Uhr). Im Kassen-/Eingangsbereich ist ein Mund-Nasen-Schutz erwünscht, weil sich hier Leute schon mal etwas näher kommen können. Tageskarten gibt es für 18,50 Euro für Erwachsene (ermäßigt 14 Euro, Kinder 2 Euro, Gruppen ab 15 Personen 16,50 Euro pro Person). Die Turmfahrt kostet extra (5 Euro). Die Pendelbahn zur Haltestelle am Zechenpark verkehrt am Wochenende mit Fahrten von und nach Duisburg-Hauptbahnhof, außerdem gibt es Shuttlebusse (hier gelten jeweils die Bedingungen des ÖPNV, will heißen: Mund-Nase-Schutz ist Pflicht). Parkplätze stehen auf einem großen Areal neben dem LaGa-Gelände an der Friedrich-Heinrich-Allee kostenlos zur Verfügung. Über dem gestalteten Wandelweg vom Norden des LaGa-Geländes geht es gute zwei Kilometer weit zum Kamper Gartenreich am Kloster Kamp, welches ebenfalls zu LaGa gehört.

 

 
Der Laga-Flyer als pdf zum Download.
Mehr Informationen gibt es hier: https://www.kamp-lintfort2020.de/

 
Impressionen von der LaGa. Fotos: Petra Grünendahl
 

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Die aktuellen Corona-Regeln:

Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 im Schatten der Fördertürme der Zeche Friedrich Heinrich. Foto: Petra Grünendahl.

Besucher müssen sich an die folgenden Regeln halten, damit die Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 geöffnet bleiben kann und es nicht zu weiteren Einschränkungen oder gar zur Schließung der Landesgartenschau kommt. Gäste werden freundlich und bestimmt durch Service- und Ordnerkräfte auf diese Regeln hingewiesen:

  • Überall im Park gilt ein Abstandsgebot von mindestens 1,5 Metern (Besucher können alleine, zu zweit oder mit Mitgliedern des eigenen Haushalts spazieren gehen oder Sport treiben).
  • In geschlossenen Räumen / Pavillons darf sich pro 10 Quadratmeter max. ein Gast aufhalten; in der Blumenhalle sind es max. 50 Gäste.
  • In allen geschlossenen Räumen / Pavillons, in der Blumenhalle, an den Pagoden des Gärtnermarkts und im Shuttlebus ist das Tragen eines Mund-/Nasen-Schutzes Pflicht.
  • Abgesperrte Bereiche dürfen nicht betreten werden, Wegemarkierungen und Einbahnstraßenregelungen (z. B. im Streichelzoo KALISTO, der Blumenhalle oder dem Areal der Hausgartenbeispiele) müssen befolgt werden.

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Reaktivierung der Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg-Hamborn: Ein Kommentar

So nicht realisierbar!
Von Petra Grünendahl & André C. Sommer

Haupteingang der Rhein-Ruhr-Halle im Januar 2011. Foto: BlackIceNRW (CC BY-SA 3.0).

Sowohl in der Stadtverwaltung als auch in den Parteien gibt es Ideen, die Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg Hamborn zu sanieren und zu reaktivieren. Diese Ideen entpuppen sich als nicht realisierbar, wenn man weiß, in welchem Zustand sich die Halle wirklich befindet. So gut die Idee einer Mehrzweckhalle an dieser Stelle sein mag: Realistisch und deutlich günstiger wäre ein Neubau an gleicher Stelle.

 
Warum? Ein Rückblick

Restaurant an der Rhein-Ruhr-Halle. Foto: Petra Grünendahl.

Die 1975 eröffnete Rhein-Ruhr-Halle verfällt seit ihrer Stilllegung im Frühjahr 2011 zusehends. Im Frühjahr 2012 gab das Immobilien-Management Duisburg (IMD) als Betreiber der Örtlichkeiten eine Orientierende Schadstoffuntersuchungen in Auftrag: In der Rhein-Ruhr-Halle und im Stadtbad Hamborn sollte es belastbare Zahlen für den geplanten Abriss der Mehrweckhalle sowie für die Ertüchtigung des alten Stadtbades liefern. Geplant war ein Designer Outlet auf dem Areal im Duisburger Norden (Factory Outlet Center FOC), für das die Rhein-Ruhr-Halle abgerissen werden sollte. Der Rat der Stadt Duisburg stoppte die Realisierung schließlich 2016 mit der Aufhebung der Bauleitplanung.

Die Rhein-Ruhr-Halle in Hamborn 2018. Foto: Petra Grünendahl.

Die im Frühjahr 2012 durchgeführten aufwändigen Untersuchungen waren aussagekräftig. Die Rhein-Ruhr-Halle war in einem guten Zustand. Medien wie Elektrik, Wasser und Abwasser waren funktional vorhanden und intakt. Einer Inbetriebnahme hätte nichts entgegen gestanden, jedoch war diese nicht geplant. Die Halle wurde sich selbst überlassen, während die Diskussion um das FOC andauerte. Zum Abriss kam es nicht.

 

Ein Blick von außen ins Foyer der Rhein-Ruhr-Halle 2018. Foto: Petra Grünendahl.

Spätestens bis 2015 war die Rhein-Ruhr-Halle dann vollständig „gerockt“: Metalle, Kabel und die komplette Klimatechnik im Deckenzwischenraum waren ausgebaut und entwendet. Asbesthaltige Brandschutzeinrichtungen im Hallenrundlauf wurden dafür bewusst zerschlagen, nur um Flurfördergeräte einzusetzen. Ab diesen Einsatz liegen diese schwachgebunden asbesthaltigen Bauteile als Bruchstücke auf dem Boden und haben Fasern und Stäube freigesetzt, die krebserregend sind.

Hier sind die Metallverkleidungen an der Fassade der Rhein-Ruhr-Halle abmontiert. Foto: Petra Grünendahl.

Wer sich mit der Thematik von Gebäudeschadstoffen auseinander gesetzt hat, wird diese Halle nur noch in Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) für Schadstoffe (im Volksmund „Ganzkörperkondom“) betreten. So gesehen ist die Rhein-Ruhr-Halle ab Eingangsbereich ausschließlich als „Schwarzbereich“ anzusehen.

Eine kleine Anmerkung am Rande: Die fehlenden Metallverkleidungen an der Fassade dürften nicht unbedingt die Folge von Sturmschäden sein. Eher haben sie Metalldiebe vollständig sorgfältig abmontiert.

 

 
Lostplace Project: Rhein-Ruhr-Halle in zwei Videos
 

 

 
© 2020 Petra Grünendahl und André C. Sommer (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (4), BlackIceNRW (1)
Videos: Lostplace Project [GER] (auf YouTube)

 

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Moers: 400 Jahre oranische Befestigung von Schloss und Stadt

Ein Stadtbild prägendes Bauwerk geschichtlich betrachtet
Von Petra Grünendahl

Das Denkmal von Kurfürstin Luise Henriette vor dem Moerser Schloss. Foto: Petra Grünendahl.

Aus dem 12. Jahrhundert datieren die ältesten Teile des Moerser Schlosses, auf dem sich damals das Adelsgeschlecht der Grafen von Moers ansiedelte. Die Stadtrechte bekam Moers 1300 verliehen, erste Befestigungen, Wassergräben und Stadttore entstanden im frühen 15. Jahrhundert. Die Grafschaft fiel durch Erbschaft an das Haus Wied-Runkel (1493) und an die Grafen von Neuenahr (1519). In Folge des Truchsessischen Krieges (1583–1588) besetzten ab 1586 spanische Truppen die Stadt.

Im Luftbild der Moerser Innenstadt erkennt man die Linien der alten Befestigung. Luftbild: Google.

Die zu dieser Zeit im Exil lebende Anna Walburga, die letzte Gräfin von Neuenahr und Moers, vermachte die Ländereien ihrem Verwandten Moritz von Oranien. Dieser belagerte die Stadt und konnte sie 1597 gewaltlos einnehmen. Anna Walburga lebte bis zu ihrem Tod 1600 wieder in Moers. Mit seinem Regierungsantritt als Herr der Grafschaft begann Moritz 1601 mit der Befestigung von Schloss, Alt- und Neustadt Moers, die 1620 vollendet wurde. Die oranische Befestigungsanlage veränderte das äußere Erscheinungsbild der Stadt. Die Festungswerke mit ihrem Wallsystem boten Schutz vor feindlichen Angriffen, aber auch vor dem jährlich auftretenden Hochwasser. Der mäandrierende Rhein hatte hier große Sumpfflächen geschaffen: Der Stadtname Moers leitet sich wohl von Moor oder Morast ab. Einer Belagerung musste die Festungsstadt jedoch nie standhalten. Die Oranier beherrschten Moers bis 1700. 1702 fiel die Stadt im Wege der Erbfolge an Preußen.

 

Grundriss der Festungsanlagen von Schloss und Stadt Moers um 1601/02. Quelle: Geheimes Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin.

Zum 400-jährigen Jubiläum der oranischen Befestigung von Schloss und Stadt legt der Grafschafter Museums- und Geschichtsverein in Moers e. V. (GMGV) ein neues Standardwerk zu Bau und Schicksal der Moerser Festungsanlage vor. Herausgegeben von der Stadthistorikerin Prof. Dr. Margret Wensky dokumentieren fünf Experten unterschiedlicher Fachrichtungen anschaulich die Geschichte dieses kulturellen Erbes. Margret Wensky skizziert die politische Situation der Grafschaft im 16. Jahrhundert, die dazu führte, dass Moritz von Oranien in ihren Besitz kam. Zusammen mit Christine Knupp-Uhlenhaut, der ehemaligen Leiterin des Grafschafter Museums, hat sie zudem Moerser Festungspläne des 16. bis 18. Jahrhunderts zusammengestellt und analysiert: Festungspläne sind weitaus zahlreicher als Darstellungen von Moers erhalten als solche der Stadt. Ein spektakulärer Fund im Geheimen Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin bringt dabei neue wichtige Erkenntnisse zum Planungsbeginn um 1601 und dürfte ein Vorläufer des großen Bauplans der Festung sein, der diese als „work in progress“ zeigt. Während der Besetzung der Stadt im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) ließ der französische Stadt- und Festungskommandant de Sariac einen präzisen Plan anfertigen, kurz bevor Preußenkönig Friedrich II. die Festungswerke 1763/64 schleifen ließ, was das Stadtbild wiederum gravierend veränderte.

 

 
Von den Bauakten des Festungsbaus bis Stadtplanung im 20. Jahrhundert

Stadt, Kastell und ehemalige Festungsanlage Moers, 1831, Umzeichnung des Urkatasters durch Michael Buyx (1795-1882). Quelle: Stadt Moers, Fachdienst Vermessung.

Anhand von erhaltenen Bauakten rekonstruiert Heike Preuß den Bau der Befestigung in den Jahren 1601 bis 1620. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die daran beteiligten Unternehmer und Arbeiter. Als Berater für den Bau der Festung beauftragte Moritz von Oranien den flämischen Mathematiker, Physiker und Bauingenieur Simon Stevin, der seit 1593 in seinem Diensten stand und diesem mehrere Festungen entwarf. Der große Bauplan der Festungsanlage, der sich heute im NRW-Landesarchiv in Duisburg befindet, stammt möglicherweise aus seiner Feder. Seinem Leben und Werk geht Hajo Hülsdunker nach. Mit der Schleifung der Wehranlagen erreichte die Stadtbefestigung bis 1800 ein Erscheinungsbild, welches bis zur Wende zum 20. Jahrhundert Bestand hatte.

 
 

Überlagerung des Sariac-Plans von 1762 mit dem aktuellen Katasterplan der Stadt Moers. Quelle: Stadt Moers, Fachbereich 6.

Thorsten Kamp geht dem wechselvollen Schicksal der ehemaligen Festungsanlage seit dem frühen 20. Jahrhundert nach. Er stellt die zum Teil massiven Veränderungen des Stadtbildes und die stadtplanerischen Vorhaben vor, wie sie im Laufe des Jahrhunderts vollzogen wurden – oder Planung blieben, aber immer auch die ehemaligen Festungsanlagen betrafen. Sein Beitrag ist zugleich ein Appell zum sorgsamen Umgang mit diesem bedeutenden flächigen Baudenkmal der Stadt.

 

 
Ein Standardwerk für Moers-Interessierte

Joan Blaeu d. Ä. (1596-1673), Grundriss der Festung Moers, 1649. Quelle: Grafschafter Museum im Moerser Schloss.

„Der Grafschafter Museums- und Geschichtsverein ist froh, ein derartiges Großprojekt zum 400. Jubiläumsjahr der das Stadtbild prägenden oranischen Befestigungsanlage gestemmt zu haben“, sagt Peter Boschheidgen, Vorsitzender des GMGV. „Das Werk wird wegen seiner lebendigen und abwechslungsreichen Darstellung nicht nur die Fachleute begeistern, sondern jeden Leser, der sich mit der Stadt Moers und ihrer Geschichte verbunden fühlt.“ 91 Abbildungen, zum Teil bislang unveröffentlichte Pläne, Dokumente und Ansichten aus in- und ausländischen Archiven, Bibliotheken, Museen und Sammlungen, ergänzen und illustrieren die Beiträge. Das Buch „400 Jahre oranische Befestigung von Schloss und Stadt Moers 1620–2020“ (Herausgeber Prof. Dr. Margret Wensky, Veröffentlichung des Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins in Moers e.V.) mit festen Einband und 156 Seiten kostet 29,50 Euro. Zu erwerben ist es bei der Moers Marketing GmbH oder im Moerser Schloss (Grafschafter Museum) ebenso wie im lokalen Buchhandel (ISBN 978-3-948252-01-4).

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Foto: Petra Grünendahl, Luftbild: Google
Pläne und Grundrisse: Geheimes Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin (1), Grafschafter Museum im Moerser Schloss (1) und Stadt Moers (2)

 

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Loveparade 2010: Die Chronologie einer Aufarbeitung

Aufarbeitung der Loveparade 2010 auf
„Duisburg am Rhein – Betrachtungen“

Von Petra Grünendahl

Aus der Unterführung auf der Karl-Lehr-Straße. geht es über die Rampe zum Güterbahnhofsgelände Foto: Petra Grünendahl.

Fast zehn Jahre sind vergangen seit der tragischen Katastrophe bei der Loveparade 2010 in Duisburg. Die Strafverfolgung ist am 4. Mai 2020 mit der Einstellung des Verfahrens gegen die letzten drei Angeklagten zu Ende gegangen.

Seit dem Geschehen am 24. Juli 2010 beschäftige ich mich mit diesem Unglück. Am Abend der Katastrophe im Büro mit einem Kollegen aus Hamburg am Telefon, der auf Konzerten fotografierte: Wir beide an unserem Rechnern sitzend mit Hilfe von Google Maps und dem Versuch, das Grauen zu fassen. Der Kollege ungläubig: „So was geht ja gar nicht!“, als ich ihm von dem Zugang durch den Tunnel auf eine Rampe erzählte und dass der Eingang gleichzeitig als Ausgang genutzt werden sollte. Und dort jetzt Geschehnisse mit Toten und Verletzten gemeldet wurden …

Zwei Webseiten hatten sich damals nach der Loveparade um eine sehr detaillierte Aufklärung der Ursachen bemüht, die zur Katastrophe geführt hatten: Dokumentation der Ereignisse zur Loveparade 2010 in Duisburg und DocuNews.org von Lothar Evers.

Mit einem Artikel von Lothar Evers – „Tod im Niemandsland“ – hatte ich mich kurz nach dem ersten Jahrestag auseinander gesetzt und damit meinem Blog – „Duisburg am Rhein – Betrachtungen“ – gestartet. Die Thematisierung von Aufarbeitung der Loveparade und Abwahl des Oberbürgermeisters hatte dann auch zur Gründung der Rundschau Duisburg im Januar 2012 geführt. Leider ging diese als Web-Publikation erst Anfang 2016 an den Start, so dass ich meine Berichte über Jahre ausschließlich in meinem Blog publizieren konnte.

Meine Veröffentlichungen sind in gewisser Weise auch ein Spiegel der Aufarbeitung, die in diesen fast zehn Jahren gelaufen sind. Die Zusammenstellung der Links zu meiner Berichterstattung und der Veröffentlichung von Presseinformationen war für mich eine interessante Zeitreise, die so manche Erinnerungen weckte, aber auch ihre Aha-Momente hatte. Ich denke, die Lektüre lohnt sich, weshalb ich die Link-Sammlung hier öffentlich mache.

Ich habe mich also in dieser Zusammenstellung auf die Links auf „Duisburg am Rhein – Betrachtungen“ konzentriert. Lediglich am Ende gibt es Verweise auf die Rundschau Duisburg (für Pressemeldungen), da mein Blog mittlerweile nur noch als Autoren-Portal geführt wird.

Die Chronologie erhebt weder einen Anspruch auf Vollständigkeit (das kann ich alleine nicht leisten) noch auf Objektivität an jeder Stelle! Und meine Kommentare sind durchaus nicht immer Mainstream …

Weiterlesen …

pet 2020

 

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Verborgene Schönheit Niederrhein: Bilder zum Schwelgen und Träumen im Sutton Verlag

Stimmungsvolle ruhige Momente machen Lust auf eigenes Entdecken
Von Petra Grünendahl

Die Ruhrmündung in Duisburg. Foto: Markus Schmidt.

Ruhige Momente am Niederrhein: An Seen, am Rhein, in Feldern oder Lichtungen, auf dörflichen Straßen, aber auch mal in urbanen Räumen. Mit Schlössern und Burgen, Kirchen und Stadttoren, einer Windmühle und vielen Landschaftsaufnahmen hat der Fotograf dabei unterschiedlichste Motive abgelichtet: Ab dem Norden der Kreise Wesel und Kleve über den Kreis Viersen bis in den Rhein-Kreis Neuss im Süden. Nicht nur schön in Szene gesetzt, sondern stimmungsvoll und mit einem schönen Blick für Details hat Markus Schmidt eine bunte Vielfalt von Szenen am Niederrhein eingefangen. Die Perspektiven des Fotografen reichen dabei von Fußgängerhöhe bis zu Drohnenflügen und Turmausblicken, die vielleicht Bekanntes noch einmal anders und neu erscheinen lassen.

 

Das Geleucht auf der Halde Rheinpreußen in Moers ist auch von Duisburg aus zu sehen. Foto: Markus Schmidt.

Für sein Buch „Verborgene Schönheit Niederrhein“ hat Fotograf und Autor Markus Schmidt die Region vom mittleren bis zum unteren Niederrhein bereist. Auch in und um Duisburg, wo Ruhrgebiet und Rheinland auf den Niederrhein treffen, hat sich der 30-jährige Jenaer nach stimmungsvollen Motiven umgeschaut. Für zwei Bücher war er am Niederrhein unterwegs und hat sich nach vorbereitenden Recherchen umgeschaut: „Verlassene Orte Niederrhein“ und eben dieses Werk. Dabei hat er eine reichhaltige Anzahl von Fotografien mitgebracht, von denen eine gute und vielfältige Auswahl ihren Weg ins Buch fand.

 

 
Anregungen zum Erkunden und Entdecken

Die Wasserburg Linn in Krefeld. Foto: Markus Schmidt.

Nicht alle Bilder sind explizit vertextet, aber im Großen und Ganzen weiß man schon, wo man für welche Motive auf die Suche gehen sollte. Denn die Fotografien laden nicht nur ein zum Schwelgen und Träumen, sondern geben viele Anregungen, selber auf Tour zu gehen, um Landschaften und Stimmungen am Niederrhein einzufangen. Die ungewöhnlichen und manchmal unbekannten Einblicke machen auf jeden Fall Lust auf mehr.

 

Cover: Sutton Verlag.

Markus Schmidts Buch „Verborgene Schönheit Niederrhein“ ist erschienen im Erfurter Sutton Verlag, Deutschlands führendem Verlag für Lokal- und Regionalgeschichte. Auf 96 Seiten im quadratischen Format (22,5 x 22,5 cm) findet der Leser rund 60 Fotografien. Das reich bebilderte Buch mit Hardcover-Einband kostet 19,99 Euro. Zu beziehen ist es über den lokalen Buchhandel (ISBN 978-3-96303-056-7).

 

 
 
Der Autor

Der Rhein in Düsseldorf. Foto: Markus Schmidt.

Fotograf und Autor Markus Schmidt, Jahrgang 1990, wohnt in Jena und betreibt dort seit 2013 sein Unternehmen SIO MOTION. Neben der Fotografie ist er auf Videografie und Design spezialisiert. Zum stetig wachsenden Kundenstamm zählen neben Privatpersonen, Bands und lokalen Firmen auch Pro7, Antenne Thüringen, Vodafone und andere. Für Fotos und Aufträge ist er mittlerweile bundesweit unterwegs.

 

Der Naturpark Schwalm-Nette liegt überwiegend in den Kreisen Viersen und Heinsberg. Foto: Markus Schmidt.

Bücher von Markus Schmidt im Sutton Verlag:
Verborgene Schönheit Niederrhein
Verlassene Orte Niederrhein
Verlassene Orte Sachsen-Anhalt
Verlassene Orte Thüringen
Lost Places in Thüringen
Erfurt – Neue Perspektiven
Jena – Neue Perspektiven
https://verlagshaus24.de/autor/39851/schmidt-markus

 
 

 
Sutton Verlag, Erfurt

Der Naturpark Schwalm-Nette liegt überwiegend in den Kreisen Viersen und Heinsberg. Foto: Markus Schmidt.

Sutton ist der führende Verlag für Regionalgeschichte und -literatur im deutschsprachigen Raum, vom historischen Bildband bis zum Freizeitführer. Den zweiten Schwerpunkt des 1997 gegründeten Verlages bildet die Verkehrs- und Technikgeschichte. Außerdem bietet Sutton Krimi unter dem Motto „mordsmäßig spannend“ seit 2011 Regionalkrimis der unterschiedliches Genres. Seit Anfang 2014 gehört Sutton zum Verlagshaus GeraNova Bruckmann in München.
https://verlagshaus24.de/sutton/

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Markus Schmidt / Sutton Verlag

 

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Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen: Rudolf Holtappel „Die Zukunft hat schon begonnen“

Der Nachlass des Ruhrgebietschronisten
in einer großen fotografischen Werkschau

Von Petra Grünendahl

Zeche Sterkrade in Oberhausen 1960. Foto: Petra Grünendahl.

Vom Ruhrgebiet, welches über Jahrzehnte seine Heimat war, bis in die ganze Welt reicht die Vielfalt seiner Motive. Immer wieder Industrielandschaften und Städte als Lebensraum, Arbeit und Menschen: Szenen aus dem Alltag und aus dem Leben gegriffen. Es sind lebendige Bilder aus einer anderen Zeit. Vieles stammt aus den 1960er- oder 1970er-Jahren. Es finden sich viele Ansichten auch von Duisburg oder Oberhausen, die man wieder erkennt. Bekannte Motive, aber auch viele Unbekannte: Theater-Inszenierungen, Warenhäuser und Einkaufsstraßen, Produktfotos und Produktionshallen, Reisefotografien, aber eben auch die Städte des Ruhrgebiets aus Zeiten, in denen es mehr Arbeit, aber auch mehr Umweltverschmutzung gab. Manche Ansichten lassen den Betrachter schmunzeln: Eingefangenes Leben mit seiner Ironie, die auch im Titel der Ausstellung mit dem dazugehörigen Foto deutlich wird. Vieles ist in Schwarz-Weiß fotografiert, manches auch in Farbe. Rudolf Holtappel sah sich selber nie als Museumsfotograf: Abgezogen sind die Fotografien überwiegend vergleichsweise kleinformatig (mit 20 cm Breite), manche sind größer. Der Fotograf entwickelte selber, experimentierte dabei mit alten Edeldruck-Verfahren (Salzprints, Cyanotypien oder Bromöldrucken). Auch diesen Arbeiten ist ein Teil der Ausstellung gewidmet.

 

Dr. Christine Vogt, Museumsdirektorin der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

„Wir können die Ausstellung nur deshalb wie geplant starten, weil wir sie aus eigenen Beständen bestücken konnten“, erklärte Dr. Christine Vogt, Museumsdirektorin der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen. Trotz Corona kann damit völlig termingereicht die Ausstellung mit Fotografien des Oberhausener Fotografen Rudolf Holtappel (1923–2013) am Sonntag, 10. Mai, eröffnen. Christine Vogt stellte in einem Pressegespräch die Ausstellung mit dem Titel „Die Zukunft hat schon begonnen“ zusammen mit der Kuratorin Miriam Hüning und Oberhausens Beigeordnetem für Kultur und Finanzen Apostolos Tsalastras vor. Den Nachlass des Fotografen hat die Stadt Oberhausen 2017 übernommen: Etwa 360.000 Negative in Schwarz-Weiß und Farbe sowie über Tausend Fotoabzüge und Diapositive konnten mit Unterstützung des LVR (Landschaftsverband Rheinland) wissenschaftlich und konservatorisch aufbereitet werden. Zwei Jahre lang beschäftigte sich Miriam Hüning als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit den Arbeiten Holtappels und bereitete die Fotos aus den Jahren 1950 bis 2013 für die fotografische Werkschau auf.

 

 
Ruhrgebietschronist Theaterdokumentarist Warenhausfotograf

Kuratorin Miriam Hüning hat das Werk Rudolf Holtappels wissenschaftlich erschlossen und aufbereitet. Foto: Petra Grünendahl.

Rudolf Holtappel (*1923 in Münster, †2013 in Duisburg) war gelernter Fotograf, 1950 machte er seinen Meister in Fotografie. Er arbeitete als Bildjournalist und Auftragsfotograf. Er fotografierte Städteportraits (Industrie, Stadt und Mensch) u. a. für den Band „Duisburg“ aus dem Jahr 1960 für den Carl Lange Verlag (heute: Mercator-Verlag) oder über Jahrzehnte Produkte, Werkshallen, Produktion und Kaufhäuser für Unternehmen wie Henkel oder Karstadt, deren Unternehmensdarstellungen er mit seinen Fotos entscheidend mitprägte. Zwei Mal – von 1961 bis 1970 und von 1992 bis 2003 – war er als Bühnenfotograf für das Theater Oberhausen tätig. Verschiedene Preise und Auszeichnungen bekam er für seine Arbeiten. Über 60 Jahre lebte er – bis zu seinem Tod in einem Duisburger Krankenhaus – in Oberhausen.

Apostolos Tsalastras, Beigeordneter für Kultur und Finanzen der Stadt Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Zur Ausstellung ist im Verlag Kettler, Dortmund, ein Katalog erschienen, in dem unterschiedliche Autoren Leben und Schaffen des Künstlers vorstellen. Das reich bebilderte 272-seitige Werk wird herausgegeben von Museumsdirektorin Dr. Christine Vogt und Kuratorin Miriam Hüning. Für 29,80 Euro ist es an der Museumskasse ebenso zu erwerben wie im lokalen Buchhandel (ISBN 978-3-86206-815-9).

 

Impressionen aus der Ausstellung des Ruhrgebietschronisten Rudolf Holtappel. Fotos: Petra Grünendahl.

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Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen

Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

Die Sonderausstellung läuft bis zum 6. September 2020. Das Museum ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr. Montags ist Ruhetag, feiertags sowie Pfingstmontag ist jedoch geöffnet. Der Eintritt kostet 8 Euro (ermäßigt 4 Euro, Familien 12 Euro). Corona-bedingt gilt eine Besucherobergrenze: Im Großen Schloss (Rudolf Holtappel) von 70 Personen, in der Panoramagalerie im Kleinen Schloss (Jacques Tilly) finden 25 Leute Platz. Aktuell entfallen alle Führungen (öffentliche Führungen finden im Großen Schloss sonst sonn- und feiertags um 11.30 Uhr statt, zudem gibt es Kuratorenführungen), die normal im Museumseintritt inklusive sind. Das geplante Rahmenprogramm muss zu allen Ausstellungen wegen Corona ebenfalls komplett ausfallen. Gleiches gilt aktuell für museumspädagogischen Angebote. Corona-bedingt entfällt auch die übliche Eröffnungsfeier, die nur über Videoaufzeichnungen der Ansprachen im Netz zu sehen ist: Ansonsten ist die Ausstellung einfach nur ab Sonntag, 10. Mai, geöffnet.

Jacques Tilly im Kleinen Schloss der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl.

In der Panoramagalerie im Kleinen Schloss zeigt die Ludwiggalerie noch bis zum 14. Juni eine ebenfalls sehr sehenswerte Ausstellung von Jacques Tilly „Politik und Provokation – Karikaturen XXL“. Diese Ausstellung haben wir bereits besucht. Im Kleinen Schloss ist der Eintritt frei.

Die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen ist eines der 21 RuhrKunstMuseen. Sie befindet sich an der Konrad-Adenauer-Allee 46 in 46049 Oberhausen. Anfahrt am besten über die A42, Abfahrt Oberhausen-Zentrum. Weitere Infos: www.ludwiggalerie.de.

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Kamp-Lintfort: Landesgartenschau 2020 eröffnete unter Corona-Regeln

„Keine Lex-Laga, aber wir hoffen auf weitere Lockerungen“
Von Petra Grünendahl

Freuten sich über die Laga-Eröffnung in Kamp-Lintfort (v. l.): Christoph Müllmann (erster Beigeordneter), Laga-Geschäftsführer Martin Notthoff, Bürgermeister Christoph Landscheidt und Andreas Ihland (Laga-Prokurist) beim Pressetermin im Rathaus auf Corona-Abstand. Foto: Petra Grünendahl.

„Durch die weitläufige Architektur des Geländes lassen sich Abstandsregelungen problemlos einhalten“, freute sich Martin Notthoff, Geschäftsführer der Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 GmbH und Kämmerer der Stadt Kamp-Lintfort. Damit falle die Landesgartenschau (Laga) wie Parks, Zoos oder botanische Gärten in eine Kategorie, für die die nordrhein-westfälische Landesregierung die Öffnung unter Auflagen wieder gestattet. „Die Landesgartenschau ist eine Leistungsschau der Garten- und Landschaftsbaubetriebe und wird als solche in den nächsten Tagen vollständig zur Verfügung stehen“, erklärte Bürgermeister Christoph Landscheidt, Aufsichtsratsvorsitzender der Laga GmbH. Als die Eröffnung verschoben wurde, hatten manche Aussteller wegen der Ungewissheit ihre Arbeiten ans Muster- und Themengärten unterbrochen. Fertig war jedoch schon längst der Zechenpark auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Zeche Friedrich Heinrich (1912–2012, zuletzt Bergwerk West) und die Klostergärten des Kloster Kamp (Kamper Gartenreich). Die Parkflächen hatten die Berliner Landschaftsarchitekten bbz entworfen. Das Zechengelände hatte nach Stilllegung des Bergwerks West Ende 2012 brach gelegen. Zahlreiche Nutzbauten waren für die Herrichtung des Areals abgerissen worden, um hier Platz für einen Stadtpark und Wohnbebauung zu schaffen. Der Förderturm und das Stahlgerüst wurden saniert und bleiben als Zeugen der früheren Nutzung erhalten.

 

Bergwerk West (ehemals Zeche Friedrich Heinrich) im Betrieb: Hier findet 2020 die Landesgartenschau statt. Foto: Petra Grünendahl.

Gestern konnte die Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 endlich für die Besucher öffnen: Unter strikter Berücksichtigung der Erlasslage. Ob die auf den 15. Mai verschobene Eröffnungsfeier noch stattfinden darf, ist eher fraglich: Das hängt davon ab, dass das Land NRW weitere Lockerungen der Restriktionen beschließt, die die Corona-Pandemie eindämmen sollen. Großveranstaltungen sind aktuell auf dem Gelände nicht möglich, kleinere Events schon. Der Streichelzoo jedoch ist jetzt schon, der Spielplatz ab morgen freigegeben. Die Gastronomie bleibt den Besuchern noch verschlossen, allerdings gibt es ein gastronomisches „To-Go“-Angebot, Sitzgelegenheiten zum Verzehr sind in ausreichendem Abstand im Park vorhanden. Auch der Aussichtsturm ist noch nicht geöffnet: „Obwohl der Aufzug sehr schnell ist, passen mit Abstandsregeln nur zwei Leute hinein“, so Landscheidt. Hier müsse man noch abwarten. Die Mustergärten und Ausstellungspavillons sind offen. Pavillons und Blumenhalle unterliegen aber Besucherbeschränkungen. Auch für die Gesamtveranstaltung gibt Obergrenzen, wie viele Menschen sich gleichzeitig auf dem Gelände aufhalten dürfen: 5.000 Besucher sind es im Zechenpark, weitere 2.500 im Kamper Gartenreich am Kloster Kamp, das über einen öffentlichen Wandelweg vom Zechenpark aus zu Fuß zu erreichen ist.

 

 
Landesgartenschau erst mal ohne Großveranstaltungen

Quartiersplatz im Zechenpark: Gelände der Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020. Foto: Petra Grünendahl.

„Eine Verlegung der Landesgartenschau ins kommende Jahr hätte einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet“, erklärte Bürgermeister Landscheidt. Diese Option sei sorgfältig geprüft worden: Die Laga findet in NRW nur alle drei Jahre statt, die nächste 2023. Verluste durch die Corona-Einschränkungen in diesem Jahr kann er noch nicht beziffern. Ursprünglich hatte man mal mit ca. 560.000 Besuchern gerechnet, aber diese Rechnung ist jetzt hinfällig: „Busreisen sind aktuell nicht möglich, so dass uns hier die Besucher von weiter weg fehlen“, so Landscheidt. Allerdings, so gab er zu bedenken, könnten mehr Besucher aus der weiteren Region kommen: „Urlaubsreisen sind ja nicht möglich, aber Tagstouren in die Umgebung schon.“ Das nötige bevölkerungsreiche Umland ist ja gegeben (und Informationen gibt es sogar in niederländischer Sprache). Und wer bis zum 11. Oktober mehrfach vorbeischauen will, für den lohnt sich sicher auch noch eine Dauerkarte (Erwachsene 100 Euro, es gibt Ermäßigungen und Familienkarten).

 

Ausstellerflächen im Zechenpark: Gelände der Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020. Foto: Petra Grünendahl.

Bis zum 11. Oktober wird die Landesgartenschau 2020 geöffnet sein. Die Kassen sind täglich vom 9 bis 19 Uhr besetzt, verweilen kann man auf dem Gelände bis zum Einbruch der Dunkelheit (maximal 21 Uhr). Im Kassen-/Eingangsbereich ist ein Mund-Nasen-Schutz erwünscht, weil sich hier Leute schon mal etwas näher kommen können. Tageskarten gibt es für 18,50 Euro für Erwachsene (ermäßigt 14 Euro, Kinder 2 Euro, Gruppen ab 15 Personen 16,50 Euro pro Person). Die Turmfahrt kostet extra (5 Euro). Die Pendelbahn zur Haltestelle am Zechenpark nimmt ab dem übernächsten Wochenende ihren Betrieb auf, außerdem gibt es Shuttlebusse (hier gelten jeweils die Bedingungen des ÖPNV, will heißen: Mund-Nase-Schutz ist Pflicht). Parkplätze stehen auf einem großen Areal neben dem Laga-Gelände an der Friedrich-Heinrich-Allee kostenlos zur Verfügung. Dort wird nach der Landesgartenschau ebenso wie auf den Ausstellerflächen Wohnbebauung direkt am Park entstehen. Der Zechenpark wird als Stadtpark dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Der Laga-Flyer als pdf zum Download.
Mehr Informationen gibt es hier: https://www.kamp-lintfort2020.de/

 

 
Die aktuellen Regeln:

Geländeplan der Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020. Grafik: Laga GmbH.

„Wir hoffen auf weitere Lockerungen, es gibt aber keine Lex-Laga“, so Christoph Landscheidt. „Die Kernbestandteile einer jeden Gartenschau, wie die Gärten, Blumen und die Pflanzungen, sind auch in Zeiten von Corona erlebbar“, so Heinrich Sperling, zweiter Geschäftsführer der Laga GmbH. Die wesentlichen Beweggründe für einen Besuch seien Anregungen und Ideen für den eigenen Garten oder Balkon zu bekommen und einen schönen Tag mit der Familie oder dem Partner zu verbringen.

Impressionen von einer Exklusiv-Tour über das Landesgartenschau-Gelände. Fotos: Petra Grünendahl.

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Besucher müssen sich an die folgenden Regeln halten, damit die Landesgartenschau Kamp-Lintfort 2020 geöffnet bleiben kann und es nicht zu weiteren Einschränkungen oder gar zur Schließung der Landesgartenschau kommt. Gäste werden freundlich und bestimmt durch Service- und Ordnerkräfte auf diese Regeln hingewiesen:

  • Überall im Park gilt ein Abstandsgebot von mindestens 1,5 Metern (Besucher können alleine, zu zweit oder mit Mitgliedern des eigenen Haushalts spazieren gehen oder Sport treiben).
  • In geschlossenen Räumen / Pavillons darf sich pro 10 Quadratmeter max. ein Gast aufhalten; in der Blumenhalle sind es max. 50 Gäste.
  • Bei Erholungspausen auf Wiesen und Freiflächen gilt ein Mindestabstand von 5 Metern zu anderen Laga-Besuchern.
  • In allen geschlossenen Räumen / Pavillons, in der Blumenhalle, an den Pagoden des Gärtnermarkts und im Shuttlebus ist das Tragen eines Mund-/Nasen-Schutzes Pflicht.
  • Die Gastronomie bleibt geschlossen. Es gibt ein gastronomisches „To-Go“-Angebot. Die Speisen und Getränke dürfen außerhalb des 50-Meter-Umkreises zur Ausgabestelle auf dem Laga-Gelände verzehrt werden.
  • Abgesperrte Bereiche dürfen nicht betreten werden, Wegemarkierungen und Einbahnstraßenregelungen (z. B. im KALISTO, der Blumenhalle oder dem Areal der Hausgartenbeispiele) müssen befolgt werden.

Unsere erste Erkundung des Zechenparks …

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Loveparade-Strafverfahren eingestellt: Planer waren nicht alleine Schuld

Gutachter Gerlach: Multikausale Zusammenhänge als Ursache der Katastrophe
Von Petra Grünendahl

Der Vorsitzende Richter Mario Plein (mitte) vor der Verkündung der Einstellung des Verfahrens: Zehn Jahre nach der Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten stellt das Landgericht Duisburg das Verfahren ohne Urteil ein. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services.

„Es gab zwei neuralgische Punkte, die in der Planung durch die Angeklagten nicht ausreichend bedacht wurden: Der Übergang von der Rampe auf den Event-Bereich der Veranstaltung und die Vereinzelungsanlagen“, erklärte der Vorsitzende Richter Mario Plein. Die seien aber nicht alleine ursächlich für die Katastrophe gewesen. Der Vorsitzende Richter war bemüht, den Verletzten und Hinterbliebenen sowie den Besuchern im Gerichtssaal, die Gründe und Ursachen zu erläutern, die zum Unglück mit 21 Toten und über 650 Verletzten und Traumatisierten geführt hatten. Der Beschluss des Gerichts sei auf die Zeugenaussagen sowie das Gutachten von Prof. Dr. Jürgen Gerlach gestützt, so Plein. Diese 3.800 Seiten starke Schrift habe das Gericht seiner Entscheidung vollumfänglich berücksichtigt. Es mache multikausale Zusammenhänge für die Katastrophe verantwortlich, nicht allein die Planungsfehler der Angeklagten. Die Liste der Ursachen beginne, so der Richter in seiner Beschluss-Begründung, mit der Wahl eines Geländes, das für eine solche Veranstaltung völlig ungeeignet war.

 

Letzter Prozesstag in der Aussenstelle des Landgericht Duisburg auf dem Gelände der Messe in Düsseldorf: Die Stühle im Zuschauerbereich des Gerichtssaales stehen wegen der orona-Pandemie nur mit Abstand. Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services.

Die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg hat das Verfahren gegen die drei verbliebenen Angeklagten im Loveparade-Strafverfahren mit Zustimmung der Angeklagten und der Staatsanwaltschaft eingestellt. Mit diesem Beschluss endet das Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Gegen sieben weitere Angeklagte war das Verfahren schon vor über seinem Jahr eingestellt worden. An insgesamt 183 Hauptverhandlungstagen hatte das Gericht 116 Zeugen vernommen. Der Gutachter Prof. Dr. Jürgen Gerlach hatte nach einem vorläufigen Gutachten vor Prozessbeginn die über dreijährige Verhandlung begleitet. Als Richter Plein ihm für den Abschluss-Prozesstermin absagte, habe Gerlach geäußert, dass nach allen bisherigen Zeugenaussagen seinem Gutachten nichts mehr hinzuzufügen hätte. „Wir haben hier keinen Fall, bei dem wir den großen Bösewicht festmachen können. Das Wichtigste ist, dass wir erklären können, wie es zur Katastrophe gekommen ist“, so Plein.

 

 
Zehn maßgebliche Ursachen

Das Loveparade-Gelände: Luftaufnahme und Grafik des Veranstalters

Alter Güterbahnhof in Duisburg: Gelände der Loveparade 2010. © Foto: Petra Grünendahl

Die Ursachen der Katastrophe bezeichnete der Vorsitzende Richter auf die Erkenntnisse des Gutachters gestützt als „multikausal“: Nicht eine alleine sei ausschlaggebend gewesen. Lediglich die Geländeauswahl, die Enge am Rampenkopf und unzureichende Vereinzelungsanlagen gehörten in den Bereich der Planung. Am Rampenkopf, wo der Zugang in den Event-Bereich überging, war nicht ausreichend Platz neben dem Weg der Floats und der mitziehenden Besucher. Neuankömmlinge kamen dort kaum durch. Ordner, so genannte Pusher, waren nicht in angemessener Anzahl vor Ort, um Neuankömmlinge aufs Event-Gelände zu ziehen. Gemessen wurde an dieser Stelle eine Breite von 28,4 Metern (wo 30 Meter für Floats und Mitziehende in der Parade nötig gewesen wären). In einem frühen Plan für die Aufbereitung des Geländes war noch ein Breite von insgesamt 45 Metern angedacht (also 15 Meter für den Besucher-Durchgang), was aber wohl nie realisiert worden ist. Die Zugangsanlagen (Vereinzelungsanlagen Ost und West) hatten für den nötigen Durchfluss (also die Anzahl der Besucher, die gleichzeitig durch den Tunnel gegangen wären) keine ausreichenden Kapazitäten. Es bildeten sich früh Rückstaus am Trichter Grabenstraße / Kommandantenstraße und – noch viel mehr – an der Düsseldorfer Straße / Ecke Karl-Lehr-Straße.

Weitere Ursachen sind am Veranstaltungstag selber zu finden: Massive Störungen in der Kommunikation, die notwendige Absprachen teilweise unmöglich machten, damit verbunden die unkoordinierte Steuerung von Personenströmen und die fehlende Abstimmung von Maßnahmen wegen der Rückstaus vor den Zugangsbereichen sowie zwischen dem Zugang auf das Gelände und der Fläche mit den Musikwagen. Des Weiteren fielen organisatorische Entscheidungen am Veranstaltungstag entgegen vorheriger Absprachen, wurden Zugangsanlagen ohne Abstimmung geöffnet, obwohl ihre Schließung angeordnet war. „Die Polizeiketten dürften mit beigetragen haben“, sagte Plein: Die dritte Polizeikette auf der Rampe habe die Drucksituation auf der Rampe verstärkt. Allerdings sei man beim Einziehen aller drei Polizeiketten davon ausgegangen, dass die Vereinzelungsanlagen an den Zugängen West und Ost vollständig geschlossen wären. Was aber, erklärte Richter Plein, nicht der Fall gewesen sei. Und als schließlich um 16.26 bzw. 16.31 Uhr ein Polizist an der Vereinzelungsanlage West die Ordner anwies* [siehe Anmerkung unten], Zäune zu öffnen – für Richter Plein der „Point of no Return“ –, hatte dies einen ungehinderten Ansturm von Besuchermassen auf den Tunnel (und dann die Rampe) zur Folge. Und auf der Rampe trafen sie dann auf die, die die Veranstaltung verlassen wollten.

Mit dem Auflösen der dritten Polizeikette auf der Rampe verdichteten sich Massen am unteren Ende zu den Magnetpunkten Treppe (unterhalb des Stellwerkhäuschens), Lichtmast und Container des Crowd-Managers, weil Menschen sich dort ein entweichen aus der wogenden Massen erhofften. Im dichtesten Gedränge seien dann Menschen in Schräglage gekommen und gestürzt, schilderte es Mario Plein, und dann erdrückt oder zertrampelt worden. Dort habe man hinterher die Toten gefunden. Das letzte Todesopfer sei vier Tage später (am 28. Juli 2010) im Krankenhaus verstorben. Die nahende Verjährung am 27. Juli sei aber nicht der Grund für die Einstellung des Prozesses gewesen. Eine weitere Aufklärung habe auch Gutachter Gerlach nicht für möglich gehalten. Die Vernehmung weiterer Zeugen hätte das Verfahren jedoch erheblich weiter in die Länge gezogen. Und ob damit einem Einzelnen der Angeklagten noch eine individuelle strafrechtlich relevante Schuld nachzuweisen gewesen wäre, ist fraglich.

 

 
Lehren aus der Katastrophe

Aus der Unterführung auf der Karl-Lehr-Straße. geht es über die Rampe zum Güterbahnhofsgelände Foto: Petra Grünendahl.

In der Abschussbesprechung mit Veranstalter Lopavent und allen an der Vorbereitung beteiligten Behörden und Institutionen am 15. Juli seien keinerlei Sicherheitsbedenken oder Einwände mehr geäußert worden, führte der Richter an. Ein hochrangiger, in die Vorbereitung eingebundener Polizeibeamter hatte in seiner Zeugenvernehmung abschließend zur Kenntnis gegeben, seine Kinder seien auf der Loveparade gewesen: Weil alle der Meinung waren, die Veranstaltung wäre sicher!

„Dem öffentlichen Interesse ist auch mit der hier geleisteten Aufklärung Genüge getan“, erklärte der Vorsitzende Richter, „da sich Erkenntnisse auf zukünftige Planungen auswirken. An Veranstaltungsplanungen Beteiligte sind heute sensibilisierter für Sicherheitsprobleme!“ Nach Aufarbeitung der Ereignisse sehe man heute vieles anders und hätten sich auch rechtliche Rahmenbedingungen für ein solches Genehmigungsverfahren entsprechend geändert. Auch Gutachter Gerlach sei der Meinung: Mit einer weiteren Aufklärung wäre nicht zu rechen. So mahnte Mario Plein: „Strafverfolgung kein Selbstzweck, sondern muss auf den Schuldspruch ausgerichtet sein.“ Den könne er aber nicht absehen. Zugunsten der Angeklagten spreche, so Plein, dass sie strafrechtlich nicht vorbelastet seien. Schuld mindernd sei zudem zu werten, dass 2010 gesetzliche organisatorische Regelungen lückenhaft und Rechtsgrundlagen heterogen gewesen seien. Nach der Loveparade 2010 habe sich hier viel getan. „Die Angeklagten haben sich an das damals Übliche gehalten“, so der Vorsitzende Richter, der schloss: „Dies ist keine Verlegenheitsentscheidung: Wir halten sie rechtlich für richtig!“

Für die Angehörigen der Toten, die Verletzten und Traumatisierten wäre es mit Sicherheit einfacher gewesen, wenn man einen schuldig Gesprochenen bestraft hätte. Für die Bewältigung ihres Traumas haben sie jetzt „lediglich“ eine Erklärung der Ursachen, wie es zur Katastrophe kommen konnte. Das ist mit Sicherheit nicht der Abschluss, den sich viele von ihnen gewünscht hätten. Aber der einzige, der in unserem Rechtsstaat möglich war!

*) Der Polizist ist auf einem Überwachungsvideo an der Kreuzung Düsseldorfer / Karl-Lehr-Straße auszumachen, aber nicht zu erkennen. Er ist bis heute unbekannt. Siehe auch hier …

Das Statement der Staatsanwaltschaft Duisburg zur Einstellung des Prozesses

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (3), Lars Heidrich / Funke Foto Services (2)

 

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Duisburger Hafen AG: Bilanzpressekonferenz 2020

Nach guten Zahlen 2019 in schwierigem Fahrwasser
Von Petra Grünendahl

Hafenchef Erich Staake bei der Bilanzpressekonferenz 2016 der Duisburger Hafen AG. Foto: Petra Grünendahl.

„Wir haben gerade wieder eine Lieferung an FFP2- bzw. KN95-Masken bekommen: Begriffe, die vor kurzem noch völlig unbekannt waren“, erzählte Erich Staake, Vorstandsvorsitzender der duisport-Gruppe. Die Duisburger Hafen AG mit ihren weltweit agierenden Tochtergesellschaften ist gut vernetzt, so dass sie aus China direkt das geliefert bekommt, was angesichts der Corona-Krise gefragt ist wie nie: Schutzausrüstung. Der zwischenzeitlich arg beeinträchtigte Zugverkehr aus China nimmt mittlerweile wieder Fahrt auf, so dass Lieferungen zuverlässig auf den Weg gebracht werden können. „Die Masken sind geprüfte Artikel, die in China und hier überprüft werden“, erklärte Staake. „Von den Masken werden wir Hunderte von Mio. brauchen. Wir tun alle zusammen unser Bestes und wollen die Lieferkette per Schiene weiter ausbauen.“ Die medizinische Schutzausrüstung geht an Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, wo sie dringend gebraucht werden.

 

Der Vorstand der Duisburger Hafen AG (v. l.): Prof. Thomas Schlipköther, Erich Staake (Vorsitzender), Markus Bangen. Foto: Petra Grünendahl.

Die Bilanzpressekonferenz der Duisburger Hafen AG (duisport) für das Unternehmensergebnis des vergangenen Jahres blieb von der aktuellen Krise nicht verschont: Der Vorstand berichtete in einer Videokonferenz von den Entwicklungen und Aussichten des Unternehmens. Zufrieden blickte Hafenchef Erich Staake auf das Jahr 2019 zurück: In einem schwierigen Umfeld konnten bescheidene Gewinne erzielt werden. Trotz der strukturbedingten Tonnage-Verluste bei Kohle und Stahl erzielte die stark diversifizierte duisport-Gruppe 2019 einen Umsatz in Höhe von 292,6 Mio. Euro (plus 5,1 Prozent oder 14,1 Mio. Euro mehr als im Vorjahr). Das operative Ergebnis vor Steuern verbesserte sich um 2,1 Prozent von 42,5 auf 43,4 Mio. Euro. Der Jahresüberschuss erhöhte sich von 12,2 Mio. Euro in 2018 auf 13,0 Mio. Euro (plus 6,8 Prozent).

 

 
Drei der vier Geschäftsbereiche – Verpackungslogistik, Kontraktlogistik sowie Infra- und Suprastruktur – trugen positiv zum gestiegenen Jahresergebnis bei, lediglich die Logistischen Dienstleistungen verbuchten einen Rückgang der Umsätze gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtgüterumschlag der duisport-Gruppe ist 2019 von 65,3 Mio. Tonnen auf ca. 61,1 Mio. Tonnen gesunken. Das ist ein Rückgang um 4,2 Mio. Tonnen. Unter anderem haben die abschwächende Industrienachfrage und der Ausstieg aus der Kohleverstromung zu einem weiteren deutlichen Rückgang der Schüttladungen geführt. „Nach 21 Jahren ununterbrochenen Wachstums steht der Duisburger Hafen vor großen Herausforderungen. Die mit der Pandemie einsetzende Rezession und der zweite Strukturwandel an Rhein und Ruhr werden negative Auswirkungen in diesem und in den folgenden Geschäftsjahren haben“, prophezeite Erich Staake. Im günstigen Fall rechne er für 2020 mit einem Rückgang von 10 oder 15 Prozent, es könnten aber auch deutlich mehr werden. „Wir hoffen ab dem 3. Quartal auf Nachhol-Effekte, die das Jahr halbwegs retten“, so Staake.

 

 
Große Herausforderungen: duisport forciert strategische Projekte!

logport I: Hafen Rheinhausen mit Containerterminal. Foto: Petra Grünendahl

Der Containerumschlag der Duisburger Hafen AG ist 2019 mit rund 4,0 Mio. TEU (Twenty Foot Equivalent Unit = Standardcontainer) auf dem Niveau von 2018 (4,1 Mio. TEU) geblieben. Mit einem Anteil von knappen 60 Prozent ist der Containerumschlag inzwischen das wichtigste duisport-Geschäftsfeld. Hierzu trägt neben der Binnenschifffahrt auf dem Wasserweg auch der Schienentransport bei, der weiter forciert werden soll. Den Schienengüterverkehr von und nach China will Erich Staake weiter ausbauen: Mit zusätzlichen Zügen und weiteren Zielen (bislang sind es ein gutes Dutzend Destinationen im Reich der Mitte). Der Schienenverkehr auf der Neuen Seidenstraße war wegen der Corona-Pandemie zwischenzeitlich auf 15 bis 20 Züge pro Woche gesunken, soll aber bald mehr als die bislang üblichen bis zu 40 Zugverbindungen erreichen. Rund 30 Prozent des gesamten Handels per Güterzug zwischen China und Europa wird bereits über den Duisburger Hafen abgewickelt. Die Rhein-Ruhr-Region wird damit immer wichtiger für den Handel zwischen der EU und China: Seine Rolle als zentrale Güterdrehscheibe für Mitteleuropa will duisport hier weiter ausbauen.

 

 
Kombinierter Verkehr: Lkw-Verkehre im Modalmix

logport VI in Duisburg Walsum. Foto: Hans Blossey / duisport.

Gute Fortschritte macht das 40 Hektar große Areal logport VI in Walsum: Hier baut duisport ein trimodal angebundenes Containerterminal direkt am Rhein, das die Verkehrsträger Binnenschiff, Bahn und Lkw bedienen soll. Mit dem Logistik-Dienstleister DSV siedelt sich einer der weltweit führenden Logistikkonzerne mit einem Mega-Distributionscenter hier an. Für eine zügige und bedarfsgerechte Bewältigung von Infrastrukturprojekten rund um den Hafen hat die Duisburger Hafen AG zusammen mit der Stadt Duisburg die Duisburger Infrastrukturgesellschaft (DIG) gegründet, die städtische Projektverantwortlichkeit mit den Know-how der Hafengesellschaft bündelt. Infrastrukturprojekte wie die Umgehungsstraße Walsum sollen dadurch schneller realisiert werden, um Lkw-Verkehre direkt an die überregionale Verkehrswege anzubinden.

Erneuerungsbedürftig: Dieser Teil des Oberbürgermeister-Lehr-Brückenzuges stammt von der im 2. Weltkrieg zerstörten Hohenzollernbrücke in Köln. Foto: Petra Grünendahl.

Fortschritte sieht Erich Staake auch bei anderen Infrastrukturprojekten in der Stadt, die für ein möglichst zügiges Abfließen der Lkw-Verkehre aus den Hafengebieten sorgen. Hier sind die Erneuerung des Oberbürgermeister-Lehr-Brückenzuges und die Umgehungsstraße in Meiderich von Bedeutung. Staake begrüßte aber auch das Vorgehen der Stadt gegen die am Wochenende in Wohngebieten geparkten Lkw: Hier sieht der Hafenchef jedoch auch die Unternehmen in der Pflicht, bei denen die Lkw wochentags anliefern. Die Duisburger Hafen AG habe am logport III (Hohenbudberg) Lkw-Stellplätze mit Sanitäranlagen und Aufenthaltsräumen geschaffen, so der Hafenchef. Gleiches sei für logport VI in Walsum geplant. Angesichts steigender Lkw-Verkehre reicht das allerdings noch nicht. Die Lkw-Fahrer seien das schwächste Glied in der Kette. Hier mahnte Erich Staake aber auch die verladende Wirtschaft: „Zu Dumping-Preisen können Lkw nicht fahren: Da werden viele Speditionen pleite gehen. Man sollte die Preise nicht weiter drücken. Diese Politik wird ein Bumerang werden!“, so Staake. [Kleine Anmerkung: Über diesen Preisdruck beklagen sich im Übrigen auch die selbstständigen Binnenschiffer (Partikuliere) – zu Recht!]

Duisport-Zentrale in Ruhrort. Foto: Petra Grünendahl.

Die Duisburger Hafen AG ist die Eigentums- und Managementgesellschaft des Duisburger Hafens, des größten Binnenhafens der Welt. Die duisport-Gruppe bietet für den Hafen- und Logistikstandort Full Service-Pakete in den Bereichen Infra- und Suprastruktur inkl. Ansiedlungsmanagement. Darüber hinaus erbringen die Tochtergesellschaften logistische Dienstleistungen wie beispielsweise den Aufbau und die Optimierung von Transport- und Logistikketten, Schienengüterverkehrsleistungen, Gebäudemanagement und Verpackungslogistik.
www.duisport.de

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (6), Hans Blossey (1)

 

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Loveparade-Strafprozess vor der Einstellung: Ein Kommentar

Das Ende des Versuchs von Aufklärung
Von Petra Grünendahl

Aus Platzgründen findet das Strafverfahren gegen vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg im CongressCenter der Messe Düsseldorf (CCD) statt. Foto: Petra Grünendahl.

Mit der Eröffnung des Strafprozesses im Dezember 2017 erhofften sich die Opfer der Loveparade 2010 in Duisburg Aufklärung über die Ursache der Katastrophe und eine Bestrafung der Schuldigen. Nachdem bereits im Januar 2019 das Verfahren gegen sieben der zehn Angeklagten eingestellt worden war, steht nun der Prozess gänzlich vor der Einstellung. Man erinnere sich: Auch gegen die verbliebenen drei Angeklagten, damals Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters Lopavent GmbH, wäre das Verfahren eingestellt worden, hätten die Angeklagten eine Geldauflage bezahlt. Sie wollten aber nicht den „Freispruch zweiter Klasse“, sondern einen „richtigen“, so dass ihretwegen der Prozess fortgeführt wurde. Und auf einen solchen konnten sie zu Recht hoffen: Allzu häufig wurde die Frage des Gerichts an Zeugen, ob man die Angeklagten kenne, verneint. Das erschwert die Zuweisung einer individuellen strafrechtlichen Schuld, die für eine Verurteilung nötig ist.

 

Der Vorstizende Richter Mario Plein (mitte) mit zwei beisitzenden Richtern beim Loveparade-Strafprozess im Gerichtssaal im Congress Center Düsseldorf. Foto: Lars Heidrich / Funke Foto Services.

Die 6. große Strafkammer des Landgerichts Duisburg hat bislang im Gerichtssaal im CongressCenter Ost der Messe Düsseldorf an über 180 Verhandlungstagen Zeugen vernommen. Sie sollten die Umstände beleuchten, die zum Tatvorwurf führten, der den Angeklagten zur Last gelegt werden: Fahrlässige Tötung in 21 Fällen und fahrlässige Körperverletzung in mindestens 650 Fällen. Die verbliebenen drei Angeklagten waren damals als Mitarbeiter der Lopavent GmbH an den Planungen des Events beteiligt. Die letzten Verhandlungstage in März und April waren wegen des Coronavirus ausgefallen. Die Zeit drängt, denn im Juli verjährt – nach zehn Jahren – der Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Der Vorsitzende Richter Mario Plein hatte angesichts der knapper werdenden Zeit – wann eine Fortsetzung des Prozesses möglich ist, ist ungewiss – eine Einstellung des Verfahrens angeregt. Die Duisburger Staatsanwaltschaft hat diesem Vorschlag bereits zugestimmt, die Verteidiger ebenfalls. Die Frist für die Stellungnahmen der Nebenkläger-Vertreter läuft noch bis zum 27. April.

 

 
Unbefriedigend! Ein Kommentar

Die Rampe zum Loveparade-Gelände nach der Katastrophe. Foto: Petra Grünendahl.

Als nach jahrelangen Ermittlungen endlich der Strafprozess eröffnet worden war, war dies für viele Verletzte und Hinterbliebene die letzte Aussicht, Antworten zu bekommen. Ihre Enttäuschung über eine Einstellung des Strafprozesses ist nachvollziehbar, denn sie lässt viele Fragen offen. Ob ein Strafprozess geeignet war, diese Fragen zu klären, bleibt dahin gestellt!

Eine Aufarbeitung der Geschehnisse hat der Prozess zumindest teilweise leisten können. Aber die Aufarbeitung ist unvollständig – und wird es nun bleiben. Diese Unvollständigkeit hätte aber auch ein abgeschlossener Prozess mit Verurteilung nicht beseitigen können. Verantwortlich für die Katastrophe waren viele, nicht alle sind jedoch strafrechtlich relevant für ihre Handlungen zur Verantwortung zu ziehen! Fehler sind an vielen Stellen gemacht worden, bei weitem nicht nur von den Angeklagten. Und auch nicht nur in der Vorbereitung, sondern auch in Form von Fehlentscheidungen am Tag der Veranstaltung vor Ort. Multikausal soll es der Gutachter Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gerlach, Sachverständiger von der Uni Wuppertal, in seinem bislang nicht veröffentlichten Gutachten zu den vermutlichen Ursachen der Katastrophe genannt haben.

Dass das Gelände nicht geeignet war und zu viele in der Vorbereitung Personen involviert waren, aber es keine zentrale oder übergeordnete Instanz gab, bei der die Fäden zusammen liefen, kann man als Teil des Ursachenkomplexes aus der Verhandlung mitnehmen. Die Veranstaltungsgenehmigung? Gab es nicht. Nur eine Baugenehmigung, die wichtige Aspekte außer Acht ließ – oder vielleicht lassen musste? Wer Probleme sah, meinte nur Schulter zuckend: „Ist nicht meine Baustelle!“, wie in so mancher Zeugenaussage zu hören war.

 

 
Strafrecht kann der Verantwortung nicht gerecht werden!

Die neu gestaltete Gedenkstätte für die Opfer der Loveparade 2010 ist fertig: Püntlich kurz vor dem dritten Jahrestag. Foto: Petra Grünendahl.

Das Thema „Schuld“ ist hier wohl auch eher nicht mit dem Strafrecht zu messen. Der Ort war ungeeignet, aber wem will man hierfür die Schuld konkret anlasten. Es fehlte ein geeignetes Sicherheitskonzept, Aine „Veranstaltungsgenehmigung“ war nicht nötig, weil die Techno-Sause – mit hunderttausenden Besuchern! – auf einem Privatgelände stattfand, so dass eine Baugenehmigung (vorübergehende Nutzungsänderung) rechtlich gesehen völlig ausreichte. Hier wären neue Rechtsgrundlagen für solche Veranstaltungen gefordert.

Wirkliche Aufklärung hätte hier wohl nur ein richtiger (und ergebnisoffener) Untersuchungsausschuss leisten können, da er nicht auf strafrechtliche Relevanz von Schuld beschränkt gewesen wäre. Er hätte klären können, wo Fehler passiert sind und welche Verantwortlichkeit welche Personen / Personenkreise dafür hatten. Diese Verantwortlichkeit mit dem Strafrecht ahnden zu wollen, war von Anfang an ein unmögliches Unterfangen, saßen doch auf der Anklagebank nicht die, denen man mit dem gesunden Menschenverstand ein gewisses Maß an Verantwortung für die Umstände annehmen konnte, die schlussendlich zur Katastrophe geführt haben.

Der Strafprozess war der letzte Strohhalm einer Aufklärung. Das Dilemma einer Aufarbeitung vor Gericht: Was nötig gewesen wäre, war schon mit Prozessbeginn lange versäumt worden. Es wäre direkt nach der Katastrophe der Loveparade 2010 nötig gewesen: Die Verantwortung jenseits der Schuld im strafrechtlichen Sinne klären zu wollen. Um die Klärung dieser Verantwortung als Ursache für die Katastrophe haben sich aber alle gedrückt!

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (3), Lars Heidrich / Funke Foto Services (1)

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Verlassene Orte Niederrhein: “Der Charme des Verfalls” beim Sutton Verlag

Ein faszinierendes Album unwiederbringlicher Einblicke
Von Petra Grünendahl

In den Hallen des Alten Güterbahnhofs. Foto: Markus Schmidt.

Die Areale sind zugewuchert und von der Natur zurückerobert. Im Staub der Jahrzehnte findet sich verrottendes Interieur. Grafittis verraten, dass der Fotograf nicht der erste Besucher ist, der die verlassenen und teils verfallenen Örtlichkeiten aufsucht. Der Alte Güterbahnhof an der A59-Abfahrt Zentrum hat schon viele angelockt, das seit Jahrzehnten stillgelegte Objekt zu betreten, zu erkunden und mitunter auch zu verschandeln. Die frühere Nutzung lässt sich an wenigen Stellen erahnen. Schon bald ist dieser Ort Vergangenheit:

Die Damenschwimmhalle war nie als Schwimmbad in Betrieb, sondern wurde Ende der 1930er, bevor das Bad in Betrieb ging, mit Holzboden überbaut als Sporthalle umgebaut. Foto: Markus Schmidt.

Der Abriss steht unmittelbar bevor. Was Fotograf Markus Schmidt dokumentiert hat, wird schon sehr bald nicht mehr vorhanden sein. Nicht mehr reproduzierbar sind auch die Fotos aus dem Stadtbad Hamborn, wo seit kurzem die Bagger rollen für den Umbau zum Bürostandort. Gleiches gilt für die Neue Mühle, auch Moriansmühle genannt: Hier hat im vergangenen Jahr ein neuer Eigentümer saniert und das ehemalige Gasthaus zu einem Mehrgenerationen-Wohnhaus für seine Familie umgebaut. Am ehemaligen Ausbesserungswerk der Bahn in Wedau sind ebenfalls bereits Bauarbeiten gestartet. „Auch andere dieser Orte sind mittlerweile nicht mehr zugänglich“, verriet Markus Schmidt.

 

Die Neue Mühle, auch Moriansmühle genannt, die dem Stadtteil Neumühl seinen Namen gab. Foto: Markus Schmidt.

Für das Buch „Verlassene Orte Niederrhein“ hat Markus Schmidt die Region bereist – und ist auch in Duisburg fündig geworden: Fünf solcher Orte hat der Fotograf und Autor für sein Buch ausgewählt, der Sechste, der unter Duisburg gelistet ist, liegt auf Nachfrage dann doch eher jenseits der Stadtgrenze in Mülheim.

 

Das Ausbesserungswerk in Wedau. Foto: Markus Schmidt.

Der aus Jena stammende Schmidt ist beruflich als Fotograf und Videograf in ganz Deutschland unterwegs. In den Jahren 2018/2019 hat er für sein Buch hier in der Region Station gemacht. Sechzehn Orte hat er auf seinen Touren vom unteren bis zum oberen Niederrhein besucht und Hintergründe der Locations recherchiert, die er hier mit faszinierenden Bildern vorstellt. Weitere Orte, die er als interessante Objekte für sein Buch recherchiert hatte, blieben ihm leider trotz Anfragen bei den Eigentümern verschlossen. Der bekennende Urbexer (Urban Exploration) hält sich gerne an Spielregeln, denn neben der Gefahr des Hausfriedensbruchs, den man tunlichst vermeiden sollte, sind auch die Orte selber mitunter nicht ganz ungefährlich.

 

 
Der Faszination des Verfalls auf der Spur