Letzte Ratssitzung vor den Sommerferien in der Mercatorhalle Duisburg

Gegen Gewalt im Sport, für die Ausbildung bei der Stadt
Von Petra Grünendahl

Ratssitzung in der Mercatorhalle. Foto: Petra Grünendahl.

Viel diskutiert, aber letztendlich einstimmig beschlossen hat der Stadtrat das „Duisburger Konzept gegen Gewalt im Sport“, welches Duisburg Sport in Zusammenarbeit mit dem Stadtsportbund Duisburg (SSB) und dem Fußballverband Niederrhein (FVN) erstellt hat. Es besteht aus den Bausteinen „Prävention“ und „Sanktionen“ und fordert eine Selbstverpflichtungserklärung von den Sportvereinen. Dabei steht die Präventionsarbeit im Vordergrund. Das mehrstufige Sanktionsverfahren solle erst der allerletzte Schritt sein, so Oberbürgermeister Sören Link. Vielmehr sollten die Vereinsvorsitzenden Mittel an die Hand bekommen, ihre Spieler entsprechend zu schulen. Kontrovers diskutiert hat der Rat den Welterbe-Antrag „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“, den die Stadt Duisburg in einer mehrheitlich beschlossenen Stellungnahme ablehnt: „Wir sind kein Museum, sondern eine zukunftsgerichtete Stadt“, so die Position der Stadt. Zu sehr fühle man sich eingeengt in möglichen Entwicklungen, für die durch die Anerkennung als Welterbe ja nicht mehr Geld zur Verfügung stehe, sondern dieses nur anders verteilt werden müsse, so Ratsherr Frank Heidenreich von der CDU-Fraktion.

 

Ratssitzung in der Mercatorhalle. Foto: Uwe Köppen.

Der Rat der Stadt Duisburg hatte bei seiner Sitzung in der Mercatorhalle eine gut gefüllte Tagesordnung mit 109 Punkte im öffentlichen Teil abzuarbeiten. Die individuelle Redezeit begrenzte Oberbürgermeister Sören Link auf zwei Minuten. Wieder einmal sollte eine größere Anzahl an Beschlüssen Corona-bedingte Mehrkosten absegnen. Aber auch Flächennutzungs- und Bebauungspläne waren dabei. Das Gros der Beschlüsse auf der Tagesordnung wurde zügig und fast immer einstimmig angenommen: Zumeist waren diese bereits im Vorfeld in Fachausschüssen beraten und beschlossen worden und bedurften nur noch abschließend der Zustimmung des Rates. Anfragen von Fraktionen und Ratsleuten werden im Nachgang zur Ratssitzung schriftlich beantwortet, um in Corona-Zeiten ein zügiges Abarbeiten der Tagesordnung zu gewährleisten.

 

 
Überwiegend einstimmige Entscheidungen

Ratssitzung in der Mercatorhalle. Foto: Uwe Köppen.

Der Verlängerung der Opern-Ehe mit Düsseldorf (Deutsche Oper am Rhein) stimmte der Rat einstimmig zu und segnete die verschiedensten Jahresabschlüsse von Tochtergesellschaften im Konzern „Stadt“ ab. Zu den Mitteilungsvorlagen, von denen der Stadtrat lediglich öffentlich Kenntnis nimmt, zählten unter anderem die Bilanz überschuldeter Kommunen nach Auslaufen des Stärkungspakts Stadtfinanzen. Duisburg ist immer noch überschuldet, hat während Corona massive Zusatzkosten bei sinkenden Einnahmen (Prognose der finanziellen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie im Umfang von -91,78 Mio. Euro). Zuden sind zusätzliche Kosten wegen der Verlagerung von Aufgaben und damit Kosten an die Kommunen zu stemmen, die von Land und Bund nicht auskömmlich finanziert werden (Wer die Musik bestellt, sollte sie bezahlen!).

 

Ratssitzung in der Mercatorhalle. Foto: Uwe Köppen.

Beschlossen hat der Stadtrat die Einstellung von Auszubildenden und Praktikanten für 2022, die zahlenmäßig immer noch auf einem Rekordniveau liege, wie OB Link betonte. Besonders im Vergleich zu früheren Jahren, wo sich die Stadt Duisburg die Ausbildung kaum leisten konnte: 247 Ausbildungsplätze sollen 2022 besetzt werden – nach 245 (2021), 248 (2020), 176 (2019) und 131 (2018). Einen „Anfang vom Neubeginn“ bestätigte der Rat dem Wettbewerbsergebnis zur Entwicklung des „Stadtquartiers Am Alten Güterbahnhof“ ebenso wie im Baubeschluss für den Grünen Ring Nord in Hochfeld im Rahmen der IGA Metropole Ruhr 2027. Des Weiteren wurden diverse Stadtteilerneuerungsprojekte in Hochfeld, Hochheide und Marxloh auf den Weg gebracht.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (1), Uwe Köppen (3)

 

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Playmobil-Austellung lockt ins Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg

Liebevoll gestaltete Bilderwelten von der Steinzeit bis ins 21. Jahrhundert
Von Petra Grünendahl

Playmobil-Ausstellung im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt. Foto: Petra Grünendahl.

Der Hamburger Diorama-Künstler und Playmobil-Sammler Oliver Schaffer hat im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt unter dem Titel „Hafengeschichte(n) Duisburg“ mit viel Liebe für die kleinen Details eine Bilderwelt aus dem beliebten Spielfiguren geschaffen, die seit 47 Jahren aus den Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken sind. Manch einer hat sich seine Begeisterung bis ins Erwachsenenalter bewahrt, andere haben sie dann irgendwann wieder entdeckt. Wir haben uns die neue Sonderausstellung angeschaut, die Groß und Klein zum Eröffnungstermin ins Museum lockte.

 
 
Hier sind unsere Eindrücke:

 

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Impressionen aus der Sonderausstellung von Oliver Schaffer. Fotos: Petra Grünendahl und André C. Sommer

 
Da in den Raum der Sonderausstellung nur sieben Personen hinein dürfen, kann es zu Wartezeiten kommen. Und auch die Verweildauer muss Corona-bedingt limitiert werden, damit alle Besucher in ihrem Zeitfenster in den Genuss der Ausstellung kommen.

 
Museum der Deutschen Binnenschifffahrt

Museum der Deutschen Binnenschifffahrt. Foto: Petra Grünendahl.

Das Binnenschifffahrtsmuseum findet man an der Apostelstraße 84 in Duisburg-Laar. Die Playmobil-Sonderausstellung läuft bis zum 17. August. Aber auch die Dauerausstellung in der denkmalgeschützten ehemaligen Städtischen Badeanstalt Ruhrort ist sehr sehenswert. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr. Am Leinpfad liegen die Museumsschiffe vor Anker. Für das Museum (inkl. Museumsschiffe) zahlen Erwachene 4,50 Euro Eintritt, Kinder (bzw. ermäßigt) 2,00 Euro. Zudem gibt es Familienkarten und Gruppentarife. Tickets (inklusive Zeitfenster-Tickets) gibt es nur online.
Mehr Informationen: http://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/?page_id=63

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (13) und André C. Sommer (7)

 

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Lesetipp auch für Kenner: Ruhrgebiet – nicht nur für Klugscheißer!

Wissenswertes aus einer geschichtsträchtigen Region
Von Petra Grünendahl

Der Blick ins Buch: Ruhrgebiet von Tina Halberschmidt und Martin Wedau. Foto: Petra Grünendahl.

Was haben Aletta Haniel, Maria Kunigunde von Sachsen (Fürstabtissin von Essen) und Helene Amalie Krupp gemeinsam? Dass sich in diese Riege von Pionierinnen der Frühindustrialisierung weitere Frauen aus dem Ruhrgebiet einreihen, sei nur als Vorschlag zur weiteren Recherche erwähnt. Das „Ruhrgebiet“ wurde als Raum erstmals 1871 erwähnt, als die Städte der Region zwischen dem Kreis Wesel im Westen, Hamm im Osten, dem Ennepe-Ruhr-Kreis im Süden und dem Kreis Recklinghausen im Norden industriell und bevölkerungsmäßig langsam zusammen wuchsen. Bis zur „Metropole Ruhr“ ging viel Zeit ins Land: Grenzen zwischen den Städten sind selten wirklich zu erkennen. Allerdings: Obwohl im Regionalverband Ruhr eine Einheit, verteilen sich die 53 Städte immer noch auf drei Regierungsbezirke (Düsseldorf, Münster und Arnsberg) von insgesamt fünf in NRW (mit Köln und Detmold). Schon vor der Industrialisierung brachte die alte Handelsstraße des Westfälischen Hellweges, der sich im Ruhrgebiet von Unna und Dortmund über Bochum und Mülheim bis Duisburg und an den Rhein zieht, Reichtum in die Region. Die Zeitleiste, die die Autoren verorten, reicht von der Römerzeit bis zum Strukturwandel, der nicht der erste im Ruhrgebiet ist. Eine Region im Wandel erfindet sich immer wieder und manchmal auch überraschend neu. Dabei schöpft sie auch aus ihrer vielfältigen Vergangenheit: aus Wirtschaft und Wissenschaft, aus Kunst und Kultur, aus einer schon immer von Zuwanderung geprägten Gesellschaft ebenso wie aus den Jahrhundertprojekten von Luftreinhaltung und der Renaturierung von Landschaften.

 

Cover: Klartext Verlag.

In über 50 kleinen Häppchen präsentieren die Autoren Tina Halberschmidt und Martin Wedau Fakten und Geschichten aus dem „Ruhrgebiet“. In der Reihe „Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ hat das Team, aus deren Feder bereits „Duisburg für Klugscheißer“ stammte, Wissenswertes aus der Region zusammen getragen. Lebendig geschrieben und mit einem Augenzwinkern – „nicht nur für Klugscheißer!“ – haben sie in kleinen Häppchen Tatsachen zusammen getragen, die auch bei jenen, die sich schon länger mit dem Ruhrgebiet beschäftigen, für manches „aha“-Erlebnis sorgen und mit Vorurteilen aufräumen. Das Buch kann aber auch für den geneigten Ruhri interessante Anregungen geben, selber mal (wieder) auf Entdeckungsreise zu gehen und sein eigenes Wissen zu erweitern. Das Werk ist bei weitem nicht nur für einen „One-Night-Stand“ geeignet: Man kann das Buch gut in einem Rutsch durchlesen, greift aber dennoch immer wieder gerne mal zum Stöbern danach.

 

 
Die Autoren und das Buch

Karte der Regierungsbezirke in NRW mit dem Gebiet des RVR (Ruhrgebiet) in der Mitte. Quelle: Land NRW.

Die Autoren Tina Halberschmidt und Martin Wedau stammen aus Duisburg: Die Stadt ist für beide mehr als nur ein Wohnort – nämlich eine Herzenssache. Das Ruhrgebiet, der „Pott“, ist Heimat. Beide sind natürlich, wie es sich für Duisburger gehört, MSV-Fans. Martin Wedau beschäftigt sich mit Sachbüchern und als „Kees Jaratz“ im Zebrastreifenblog mit seiner Heimatstadt und dem Ruhrgebiet. Tina Halberschmidt ist als Redakteurin bei einer Verlagsgruppe in Düsseldorf tätig.

Städte am Hellweg, einer antiken Handelsstraße, die auch durch das heutige Ruhrgebiet führt. Quelle: Wikipedia.

Das 104-seitige Buch „Ruhrgebiet“ von Tina Halberschmidt und Martin Wedau ist im Essener Klartext Verlag in der Reihe „Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ erschienen. Das faktenreiche bebilderte Taschenbuch ist für 14,95 Euro im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-8375-2383-6).

Der Klartext Verlag wurde 1983 gegründet, seit 2007 ist er Teil der Funke Mediengruppe. Seine Heimat liegt im Ruhrgebiet, wo auch der überwiegende Teil seiner Publikationen angesiedelt ist: Freizeitführer, Sachbücher, Kalender und Bildbände. Mit der „Von oben“-Reihe kann man Städte nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in ganz Deutschland aus der Vogelperspektive bewundern. Und mit der Reihe lernt der Leser Neues zu verschiedenen Orten, Themen und Fußballvereinen – unterhaltsam und fundiert, denn, so der Verlag: „wir machen Bücher mit Qualität und gerne auch mal einem Augenzwinkern.“
www.klartext-verlag.de

Ein Blick ins Buch. Fotos: Petra Grünendahl

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© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Bildmaterial: Petra Grünendahl (Fotos / Blick ins Buch), Klartext Verlag (Cover), Land NRW (Karte der Regierungsbezirke), Wikipedia (Karte der Städte am Hellweg)

 

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Lesetipp auch für Kenner: „Bergbau” im Klartext Verlag

Auf Kohle geboren: Die Wurzeln einer Identität im Ruhrgebiet
Von Petra Grünendahl

Der Blick ins Buch: Dietmar Bleidick: Bergbau. Foto: Petra Grünendahl.

Aus dem Bergbau entstand das Ruhrgebiet, wie wir es heute kennen. Die Steinkohlenzechen prägten das entstehende Konglomerat von Städten, die sich in der Industrialisierung gebildet hatten. „Der Kohlenpott gilt als Mythos, der Kumpel als Prototyp seiner Einwohner, Bergarbeit als Beispiel für Zusammenhalt und Kameradschaft“, schreibt Dietmar Bleidick in seiner Einleitung. Der Bergbau war immer noch Identifikation, auch wenn Zechen schon seit Ende der 1950er-Jahre schlossen. Seit Ende 2018 ist die Steinkohlenförderung ganz Geschichte. Von der ehemals goldenen Zeit im Ruhrgebiet, die vielen Menschen Arbeit gab, ist immer weniger übrig, je mehr ehemalige Zechenbauten und Fördergerüste abgerissen werden. Damit verschwindet auch das Wissen um den Bergbau und seine Bedeutung aus dem Wissen der Menschen. Der Autor führt den Leser zurück in die Anfänge des Bergbaus (seit dem 13. Jahrhundert wurde entlang der Ruhr nach Kohle gegraben), von der Fördertechnik in früheren Zeiten über die Entwicklung bis in den hoch-technisierten Bergbau der letzten Jahrzehnte, der nicht nur vergleichsweise teuer, sondern auch der Sicherste der Welt war. Die Geschichten aus dem Bergbau sind in den historischen Kontext ihrer jeweiligen Zeiten eingeordnet und ermöglichen, Zusammenhänge in der Entwicklung des Ruhrgebiets zu erkennen, die bis heute ihre Auswirkungen haben.

 

Cover: Klartext Verlag.

Den „Bergbau“ hat Autor Dietmar Bleidick in 60 kurzen Kapiteln knackig auf dem Punkt gebracht. Treffender müsste der Titel eigentlich „Bergbau im Ruhrgebiet“ heißen, denn das ist der inhaltliche Schwerpunkt. In der Reihe „Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ macht der Autor dem Leser die Geschichte und Technik des Bergbaus im Ruhrgebiet und seine Bedeutung für die wirtschafte und soziale Entwicklung deutlich. Dass heute in Deutschland keine Steinkohle mehr gefördert wird, heißt nicht, dass das ehemals „schwarze Gold“ nicht mehr gebraucht wird. Die Steinkohle wird heute importiert, denn zum Beispiel in der Stahlindustrie oder bei der Stromproduktion wird sie ja immer noch benötigt. Allerdings stellt der Autor auch die Frage: Wie lange noch? Und was kommt dann? Dietmar Bleidick schildert in greifbaren Leseumfang interessante Fakten und Geschichten aus dem Bergbau, die vielen Menschen auch im Ruhrgebiet heute nicht mehr bekannt sind. Das Buch lässt sich gut in einem durchlesen, aber lädt auch immer wieder zum Blättern ein, um das Gelesene zu verfestigen, was man sich nicht nur als Einsteiger in die Materie nicht alles beim ersten Lesen merken kann. Die ein bis zwei Seiten kurzen Kapitel machen dem Leser eine Vielzahl von Informationen rund um das weite Feld des Bergbaus im Ruhrgebiet zugänglich. Eine Zeitleiste und ein kurzes „Wörterbuch“ bergmannssprachlicher Begriffe runden den Fundus an Wissen gelungen ab.

 

 
Der Autor und das Buch

Der Blick ins Buch: Dietmar Bleidick: Bergbau. Foto: Petra Grünendahl.

Das Buch „Bergbau“ etwas anspruchsvoller geschrieben als die locker-flockigen „Duisburg für Klugscheißer“ und „Ruhrgebiet“ des Autoren-Duos Tina Halberschmidt und Martin Wedau. Wissenschaftlicher und faktischer schreibt Dietmar Bleidick: den Historiker (Wirtschafts- und Technikgeschichte) kann der gebürtige Bochumer nicht verleugnen. Das Buch bietet viele Informationen und Kontext – insbesondere historischer Art –, ist aber dennoch gut und flüssig lesbar. Seinen Job als Bergbauhistoriker im Deutschen Bergbau-Museum Bochum bezeichnet Bleidick als Berufung. Zahlreiche Publikationen zum Ruhrbergbau und zur Geschichte des Ruhrgebiets stammen aus seiner Feder. Seit 2015 ist er Schriftleiter der Zeitschrift „Der Anschnitt“, der vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum herausgegebenen, weltweit führenden Zeitschrift für Montangeschichte.

Der Blick ins Buch: Dietmar Bleidick: Bergbau. Foto: Petra Grünendahl.

Das 104-seitige Buch „Bergbau“ von Diemtar Bleidick ist im Essener Klartext Verlag in der Reihe „Irrtümer und Wahrheiten“ erschienen. Das bebilderte Taschenbuch ist für 14,95 Euro im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-8375-2313-3).

Der Klartext Verlag wurde 1983 gegründet, seit 2007 ist er Teil der Funke Mediengruppe. Seine Heimat liegt im Ruhrgebiet, wo auch der überwiegende Teil seiner Publikationen angesiedelt ist: Freizeitführer, Sachbücher, Kalender und Bildbände. Mit der „Von oben“-Reihe kann man Städte nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in ganz Deutschland aus der Vogelperspektive bewundern. Und mit der Reihe „Irrtümer und Wahrheiten“ (bei ihrem Start im Verlagsprogramm hieß die Serie noch „Klugscheißer“) lernt der Leser Neues zu verschiedenen Orten, Themen und Fußballvereinen – unterhaltsam und fundiert, denn, so der Verlag: „wir machen Bücher mit Qualität und gerne auch mal einem Augenzwinkern.“
www.klartext-verlag.de

Ein Blick ins Buch. Fotos: Petra Grünendahl

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© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (Blick ins Buch), Klartext Verlag (Cover)

 

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Lehmbruck Museum zeigt Nevin Aladağ im Rahmen von Sculpture 21st

Kulturelle Vielfalt mit allen Sinnen erleben
Von Petra Grünendahl

Sculpture 21st: Nevin Aladağ. Blick in die Ausstellung. Foto: Frank Vinken.

Im Lehmbruck Museum erleben in der großen Glashalle zum Kantpark die neuen Installationen von Nevin Aladağ ihre Deutschland-Premiere. „Zunächst nur digital, aber wir hoffen, sich auch bald aus der Nähe einem Publikum zeigen zu können“, sagte Museumsdirektorin Dr. Söke Dinkla.

Sculpture 21st: Nevin Aladağ. Blick in die Ausstellung. Foto: Frank Vinken.

Wobei „sehen“ hier vielleicht etwas kurz gegriffen ist: Zu erleben sind sie nicht nur optisch, sondern auch klanglich. Immerhin: der Ton wird über Lautsprecher nach draußen übertragen, so dass Betrachter hier schon einen umfassenderen Eindruck bekommen können. Und eigentlich möchte man die Skulpturen auch anfassen: Sowohl die Klanginstallationen „Resonator Wind“ und „Resonator Percussion“ als auch die Stellwände mit Teppichfragmenten aus aller Welt („Social Fabric“), die ihrerseits die Thematik der Klanginstallationen aufnehmen. Hier wird aber auch dann, wenn das Museum wieder öffnen darf, der Blick aus der Nähe reichen müssen. Ihre Idee sei: „dass mehrer Musiker die Werke zum erklingen bringen“, so die Künstlerin.

 

Nevin Aladag. Foto: privat.

Im Rahmen von Sculpture 21st ist im Lehmbruck Museum die deutsche Klang- und Installationskünstlerin Nevin Aladağ (*1972). Sie kam 1973 nach Deutschland, ist in Stuttgart aufgewachsen, hat in München studiert (1993 bis 2000) und seit 2002 lebt und arbeitet sie in Berlin. Im Rahmen eines digitalen Pressegesprächs stellte sie die Ausstellung zusammen mit Söke Dinkla sowie Ursula Wißborn (Vorstand der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West) und Bettina Böhm (Executive Director von Outset Germany Switzerland) von der Sponsorenseite vor. Einen Blick in die Glashalle ermöglichte Ronja Friedrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehmbruck Museum. Am Donnerstag, 6. Mai 2021, eröffnet die Ausstellung „Sculpture 21st: Nevin Aladağ” ab 19 Uhr unter https://lehmbruckmuseum.de/update-coronavirus/ digital.

Sculpture 21st: Nevin Aladağ. Blick in die Ausstellung. Foto: Frank Vinken.

 
Für die programmatische Reihe „Sculpture 21st“ ist eine Präsentation entstanden, die zeigt, welche soziale Aufgabe Skulptur heute haben kann. Die Ausstellungsreihe präsentiert seit 2014, dem 50. Geburtstag des Museums, bedeutende Positionen zur Skulptur des 21. Jahrhunderts. Fragen nach Herkunft und Identität sind zentrale Aspekte von Nevin Aladağs künstlerischem Schaffen. Ihre Werkstoffe sind Fragmente aus unterschiedlichen Kulturen, die sie zu einzigartigen ästhetischen Objekten verbindet. Die glänzende Messingkugel „Resonator Wind“ vereint die Mundstücke von Blasinstrumenten wie einer Trompete, Tuba, Querflöte oder einer Panflöte, während bei „Resonator Percussion“ Schlaginstrumente wie Trommeln, Cabasa, Glocken und eine Agogo miteinander kombiniert sind. Jedes Element entstammt aus einem anderen kulturellen oder geografischen Zusammenhang. Arrangiert aus geometrischen Formen, wie Kubus, Kegel, Kugel oder Zylinder verbinden sie westliche und orientalische Elemente miteinander. So übertragen sie visuell und akustisch die Idee einer kulturellen Pluralität.

 

Veranstaltungen

Nevin Aladağ, Resonator Wind (2019) Foto: Nevin Aladağ.

Digitales Begleitprogramm: Jede Woche eine Frage an Nevin Aladağ
Wonach sehnt sich Nevin Aladağ, was braucht sie für ein Arbeitsumfeld oder an welche gesellschaftliche Utopie glaubt sie? In kurzen Videos stellt sich Nevin Aladağ jeder Woche aufs Neue einer Frage von Wegbegleiter*innen und Mitarbeiter*innen des Lehmbruck Museums. Veröffentlichung: ab 11. Mai Dienstags auf Instagram und Facebook und gesammelt auf der Museums-Website http://www.lehmbruckmuseum.de/jede-woche-eine-frage-an-nevin-aladag/

 

Nevin Aladağ, Resonator Percussion (2019) Foto: Trevor Good.

21. August 2021: Performance im Rahmen von Museum Tinguely AHOY!
Zum 25. Jubiläum geht das Museum Tinguely auf Schiffsreise von Paris über Amsterdam und das Rheinland bis nach Basel. Vom 19. bis 21. August 2021 legt Museum Tinguely AHOY! in Duisburg an und bietet in enger Kooperation mit dem Lehmbruck Museum drei Tage lang außergewöhnliche Kunsterlebnisse. Neben der Ausstellung und einer spektakulären Brunnenplastik an Bord erwarten die Besucher Performances von Nevin Aladağ, Keren Cytter und Marie-Caroline Hominal sowie vielfältige Vermittlungsaktivitäten und Workshops.

 

 
Das Lehmbruck Museum

Das Lehmbruck Museum im Kantpark. Foto: Petra Grünendahl.

Das mitten in Duisburg im Kantpark gelegene Lehmbruck Museum ist ein Museum für Skulptur. Seine Sammlung moderner Plastiken von Künstlern wie Alberto Giacometti, Pablo Picasso, Hans Arp und natürlich Wilhelm Lehmbruck ist europaweit einzigartig. Beheimatet ist das Museum in einem eindrucksvollen Museumsbau inmitten eines Skulpturenparks, der zum Schlendern und Entdecken einlädt. Namensgeber des Hauses ist der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, der 1881 in Meiderich, heute ein Stadtteil von Duisburg, geboren wurde. Lehmbruck ist einer der bedeutendsten Bildhauer der Klassischen Moderne. Er hat mit seinem Werk maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen und ist auch nach seinem frühen Freitod im Jahr 1919 bis heute einflussreich geblieben.

 

 
Öffnungszeiten und Eintrittspreise

Öffnet das Museum wie eine Vitrine in die Stadt: die große Glashalle. Foto: Dejan Saric.

Die Ausstellung von Nevin Aladağ wird in der Glashalle bis zum 5. September zu sehen sein. Zurzeit ist das Lehmbruck Museum allerdings corona-bedingt geschlossen, so dass Klang- und Videoinstallationen nur aus dem Kantpark erlebbar sind. Geöffnet ist das Lehmbruck Museum üblicherweise dienstags bis freitags ab 12 Uhr, samstags und sonntags ab 11 Uhr. Die Öffnungszeiten gehen bis 17 Uhr, donnerstags an Terminen der plastikBAR (erster Donnerstag im Monat ab 17.30 Uhr) bis 20 Uhr. An Feiertagen gelten ggf. besondere Öffnungszeiten. Regulär kostet der Eintritt 9 Euro (ermäßigt* 5 Euro), eine Jahreskarte 35 Euro (ermäßigt* 20 Euro). Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre in Begleitung von Angehörigen sowie Blinden- und Demenzbegleitung haben kostenlos Eintritt. Schulklassen und Kindergärten zahlen pro Person 2 Euro (gilt nur für Selbstführergruppen), eine Familienkarte (2 Erwachsene plus Kinder bis 14 Jahre) gibt es für 15 Euro. Jeden ersten Freitag im Monat gilt: „Pay what you want“. Ausgenommen davon sind angemeldete Gruppen.

 

Der Eingang zum Lehmbruck Museum neben der Glashalle. Foto: Jürgen Diemer.

Sobald die Corona-Lage es wieder erlaubt, gelten folgende Regelungen: Für Führungen und Veranstaltungen aus dem Rahmenprogramm sind aktuell grundsätzlich Anmeldungen erforderlich. Die Veranstaltungen finden vorbehaltlich eventueller Veränderungen aufgrund der Corona-Pandemie statt. Es kann zu kurzfristigen Anpassungen kommen. Außerdem ist die Anzahl der Besucher im Museum begrenzt: Auf aktuell 100 im Wechselausstellungsbereich sowie 300 im gesamten Museum: Es kann zu Wartezeiten kommen, falls diese Anzahl erreicht ist. Siehe auch: https://lehmbruckmuseum.de/update-coronavirus/.

(*) Ermäßigung erhalten gebuchte Gruppen, Selbstführer ab 20 Personen, Menschen mit Behinderung (ab 70%), Schüler & Studenten, Wehr- & Zivildienstleistende sowie Menschen mit Sozialhilfebezug.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (1), Nevin Aladağ (1), Trevor Good (1), Frank Vinken (3), Dejan Saric (1), Jürgen Diemer (1), privat (1)

 

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Emscherkunstweg: Die „Neustadt“ im Landschaftspark Duisburg-Nord öffnet morgen

Das Ruhrgebiet rückt zusammen

Impressionen aus der Neustadt
War durften am letzten Sonntag mal einen Blick auf die Kunstwerke am Rande der A42 werfen und haben uns dann gleich auch ein bisschen selber mit eingebracht … 😉

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Fotos: Petra Grünendahl

Groß berichtet hatten wir schon letzte Woche …
© pet 2021

 

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Wirtschaftsbetriebe: Start der neuen Sauberkeits-Kampagne in Duisburg

„Behandle deinen Müll nicht wie den letzten Dreck.
Gib ihm lieber ein Zuhause!“

Von Petra Grünendahl

Wirtschaftsbetriebe starten die neue Sauberkeits-Kampagne in Duisburg. Foto: Petra Grünendahl.

Wem in Corona-Zeiten die Decke auf den Kopf fällt, den drängt es zumindest bei schönem oder trockenem Wetter nach draußen. Den Proviant nimmt man sich entweder mit oder konsumiert Kaffee oder Currywurst & Pommes „to go“. Aber: Nicht jeder entsorgt die Verpackung im Mülleimer oder nimmt sie wieder mit. Die Hinterlassenschaften verschandeln Orte, an denen sich Menschen eigentlich wohl fühlen sollten. Was von Einzelnen unachtsam fallen gelassen wird, muss dann auf Kosten der Allgemeinheit von den Wirtschaftsbetrieben entsorgt werden. Rund 4,2 Mio. Euro habe es im vergangenen Jahr gekostet, nur den „Kleinkram“ zu entsorgen, erzählte Thomas Patermann, Sprecher des Vorstandes der Wirtschaftsbetriebe Duisburg. Wilde Müllkippen seien da noch gar nicht eingerechnet. „Aber dass wir aufräumen, kann immer nur das letzte Mittel sein. Viel besser und am Ende auch günstiger für alle wäre es, wenn jede Person verantwortungsvoll mit den eigenen Abfällen umgeht“, so Patermann. Das bedeute in erster Linie, die aufgestellten Müllbehälter zu benutzen. Oder seinen Müll bis zum nächstgelegenen Behälter mitzunehmen. „So können wir alle mit ganz kleinem Aufwand ganz Großes leisten“, sagte der Vorstandssprecher.

 

Präsentierten die neue Sauberkeits-Kampagne in Duisburg (v. l.): Oliver Vornholt (Kaiserberg Agentur für Markenkommunikation), Thomas Patermann (Wirtschaftsbetriebe Duisburg). Foto: Petra Grünendahl.

Die Idee zu „Behandle deinen Müll nicht wie den letzten Dreck. Gib ihm lieber ein Zuhause!“ ist nicht neu, aber wird jetzt neu gedacht. Die Wirtschaftsbetriebe Duisburg haben die Kampagne von 2008 wieder aufgegriffen und mit der Kaiserberg Agentur für Markenkommunikation mit neuen Medien frisch aufgelegt. An einem Graffiti im Rheinpark (Künstler: Marten Dalimot) stellten Thomas Patermann und Oliver Vornholt die neue Kampagne vor. Ziel ist es, mit dem Paket an Maßnahmen möglichst viele Menschen zu erreichen und „positiv“ anzusprechen.

 

Präsentierten die neue Sauberkeits-Kampagne in Duisburg (v. l.): Oliver Vornholt (Kaiserberg Agentur für Markenkommunikation), Thomas Patermann (Wirtschaftsbetriebe Duisburg). Unten links das Straßen-Tattoo. Foto: Petra Grünendahl.

Fünf „Müllies“ personifizieren das Gros solcher kleinen Hinterlassenschaften, die achtlos weggeworfen, nicht nur Kosten verursachen. Sei es die gebrauchte Maske, die gespickt mit Bakterien und Viren vom nächsten Kind aufgehoben wird, die kleine Zigarettenkippe, die das Grundwasser verunreinigt, der Kaugummi, der Pizzakarton, die Getränkedose, die Plastiktüte, der Kaffeebecher, der Hundehaufen und und und … Scheinbar endlos ist die Liste von unliebsamen Dingen auf den Straßen und in den Grünanlagen unserer Stadt. Jede Art von Abfall ist eine Belastung für andere. Und ärgerlich anzusehen für jeden, der seinen Müll dort entsorgt, wo er hingehört: im Müllbehälter, der zumeist nur wenige Schritte entfernt steht.

 

 
Graffiti wird über die Artivive App lebendig

Die „Mülllies“ der Wirtschaftsbetriebe Duisburg. Foto: Screenshot.

Extra für diese Kampagne kreiert hat die Agentur so genannte „Müllies“, eine Gruppe aus verschiedenen Abfällen, die traurig dreinblickend überall im Stadtgebiet zu finden sind: Auf großen Werbeplakaten, an einzelnen Treppenaufgängen im Hauptbahnhof, auf Gum-Walls auf den Bahnsteigen oder als Straßen-Tattoo auf den Einkaufsstraßen sind Bernd Becher, Martha Maske, Kai Kippe, Karla Kaugummi sowie Carola & Pommfred Schranke im Einsatz. Traurig sind sie, weil sie von manchem „wie der letzte Dreck behandelt“ und achtlos weggeschmissen werden. Viel mehr, so der Tenor der Kampagne, würden sie sich freuen, dort entsorgt zu werden, wo sie hingehören: in den Müllbehälter.

 

Wirtschaftsbetriebe starten die neue Sauberkeits-Kampagne in Duisburg. Foto: Petra Grünendahl.

Sie machen optisch schon was her und haben echte Hingucker-Qualitäten, mit denen sie Menschen von ihrer Botschaft überzeugen wollen. Außer dem Graffiti im Rheinpark gibt es ein Zweites an der Fußgängerbrücke Landfermannstraße in der Innenstadt. Beide können jeweils vor Ort über die kostenlose App Artivive auf dem Smartphone zum Leben erweckt werden. Als weiteren Hingucker haben die Wirtschaftsbetriebe zum Pressetermin im Rheinpark die Zigarettenkippe als Sitzbank vor dem Graffiti platziert. „Kai Kippe“ wird allerdings nicht auf Dauer im Rheinpark bleiben: Zwei Sitzmöbel in dieser Gestaltung wechseln ihren Standort im Stadtgebiet bis Ende der Kampagne im Herbst 2022 mehrfach.

 

Einfach fallengelassen. Foto: Petra Grünendahl.

Auch online kann man den „Müllies“ nicht entkommen: Neben der Webseite machsrein.de sind Aktionen über Facebook und Instagram geplant. Ab dem 17. Mai steht die erste digitale Mitmachaktion in den Startlöchern. „Wir wollen die Menschen spielerisch erreichen“, erklärte Sarah Lampe von der Unternehmenskommunikation der Wirtschaftsbetriebe. Die Kampagne arbeitet mehrsprachig: Neben Deutsch auch in den Sprachen Türkisch, Arabisch, Rumänisch und Bulgarisch.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl

 

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Deutsche Oper am Rhein zeigt „Romeo und Julia“ bei Operavision

Frei nach William Shakespeare: ein
„Sommernachtsalbtraum“ von Boris Blacher

Von Petra Grünendahl

Jussi Myllys (Romeo), Lavinia Dames (Julia), Günes Gürle (Capulet), Katarzyna Kuncio (Lady Capulet), Chor. Foto: Hans Jörg Michel.

Lady Capulet (Katarzyna Kuncio) und ihr Mann (Günes Gürle) wollen ihre junge Tochter Julia (Lavinia Dames) verheiraten. Auf dem abendlichen Fest soll sie den ihr unbekannten Graf Paris kennen lernen. Es erscheint Romeo (Jussi Myllys), in den sich Julia unsterblich verliebt, während ihre Familie ihn als Spross der verfeindeten Montagues ausmacht. Hin und her gerissen sind die bis dato Ahnungslosen zwischen ihrer Liebe zueinander und dem Hass ihrer Familien. In einer Auseinandersetzung tötet Romeo Julias Cousin Tybalt (Andrés Sulbarán).

Jussi Myllys (Romeo), Chansonnier (Florian Simson), Lavinia Dames (Julia), Chor. Foto: Hans Jörg Michel

Dafür wird er aus Verona verbannt, will aber mit Julia gemeinsam fliehen. Nachdem ihre Eltern sie immer noch mit Paris verheiraten wollen, nimmt sie einen Trank zu sich, der sie in todesähnlichen Schlaf versetzt. „Statt Hochzeitsglocken Grabgeläut“, heißt es dazu bei Shakespeare. An ihrem Grab in der Familiengruft nimmt das Schicksal seinen Lauf: Der verzweifelte Romeo trinkt Gift, weil er von ihrem vermeintlichen Tod erfährt, ihn ein Brief mit der List aber nicht erreicht hat. Er stirbt, als seine Liebste aufwacht. Mit einem Kuss holt sie sich letzte Tropfen des Giftes von seinen Lippen und stirbt ebenfalls. Ein Chansonnier (Florian Simson), der mit seiner „Erzählung“ die komprimierten Stränge der Handlung verknüpft, beklagt den Tod der beiden Liebenden – als Opfer des Hasses ihrer Familien.

 
 

Lavinia Dames (Julia). Foto: Hans Jörg Michel.

Die Deutsche Oper am Rhein zeigt Boris Blachers Oper „Romeo und Julia“ auf Operavision. Entstanden ist die Kammeroper in drei Teilen im Jahr 1943 frei nach Wilhelm Shakespeare. Der deutsch-baltischen Komponisten Boris Blacher hat Shakespeares berühmte Tragödie als Libretto auf ihre Essenz verdichtet: das Schicksal von Romeo und Julia. Dank der so recht kleinen Besetzung ist eine solche Oper auch in Corona-Zeiten möglich, auch wenn hier wegen des andauernden Lockdowns das Publikum aus dem Theatersaal und vor den Bildschirm verbannt wurde. Die 70-minütige Inszenierung von Manuel Schmitt wurde aufgezeichnet am 19. März 2021 im Theater Duisburg. Gesungen wird in deutscher Sprache. Untertitel gibt es in Deutsch, Englisch oder Französisch. Automatische Übersetzungen sind in weitere Sprachen möglich. Verfügbar ist das Werk auf Operavision bis zum 17. Oktober 2021, 12 Uhr.

 

 
 
Großartige Oper aus einer anderen Perspektive

Trauer am Grab: Chor, Gunes Gürle (Capulet), Katarzyna Kuncio (Lady Capulet) und Lavinia Dames (Julia). Foto: Hans Jörg Michel.

Recht dunkel wirkt das sparsame Bühnenbild, das ebenso wie die Kostüme von Heike Scheele entworfen wurde. Meist ist lediglich der Vordergrund ist in stimmungsvolles Licht gehaucht: das Lichtdesign von Thomas Tarnogorski ist sparsam, aber wirkungsvoll. Dunkel gekleidet die Capulet, die Montagues und weitere Akteure, in unschuldigem Weiß bis Hellgrau kontrastieren dazu die jungen Liebenden. Die Duisburger Philharmoniker spielen in einer sehr kleinen Kammerbesetzung unter der musikalischen Leitung von Christoph Stöcker. Der Chor unter der Leitung von Gerhard Michalski setzt sich in kleiner Besetzung zusammen aus Sängern den Opernchores und des Opernstudios.

 

Lavinia Dames (Julia), Jussi Myllys (Romeo), Chor. Foto: Hans Jörg Michel.

Zwar kann der „Film“ aufgrund der in den meisten Haushalten unzureichenden Akustik nicht den Genuss einer tatsächlichen Aufführung bieten, allerdings hat auch die Aufzeichnung der Aufführung dank der ausgefeilten Kameraführung ihren Reiz. Es gibt nicht die eine statische Kamera, die einfach nur aufzeichnet. Dafür gibt es Kameraschwenks und Nahaufnahmen, die neben dem Gesang auch das Schauspiel der Akteure mehr betonen, als man es als Zuschauer von seinem festen Platz im Theater kennt. Das Ganze verbindet einen gut geschnittenen Kinofilm mit einem großartigen Opern-Cast aus Sängern und Musikern, die in jeder Beziehung überzeugen. Die auf die beiden Hauptakteure Romeo und Julia komprimierte Handlung braucht sich auch nicht hinter der Opulenz traditionellerer Varianten und Inszenierungen des Stoffs verstecken. Selbst mit den aktuellen Einschränkungen im Spielbetrieb: Die Deutsche Oper am Rhein begeistert auch „digital“!

 

 
 
Das digitale Angebot der Deutschen Oper am Rhein:

 
 
Deutsche Oper am Rhein

Florian Simson (Chansonnier), Lavinia Dames (Julia), Jussi Myllys (Romeo), Chor. Foto: Hans Jörg Michel.

Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg gGmbH ist eine Theatergemeinschaft der Städte Düsseldorf und Duisburg, die auf eine lange Tradition der Zusammenarbeit zwischen den beiden Großstädten zurückblicken kann. Seit ihrer Gründung 1956 zählt sie zu den bedeutendsten Opernhäusern Deutschlands. Durch ihr hochrangiges Solistenensemble, den Chor sowie die national wie international gefeierte Compagnie Ballett am Rhein hat sie sich zu einer der ersten Adressen für Musiktheater und Tanz in Europa entwickelt. Sie ist in der größten und dichtesten Kulturregion Deutschlands beheimatet. Allein die beiden Städte Düsseldorf und Duisburg zählen zusammen fast 1,1 Millionen Einwohner, aber auch die umliegenden Regionen und eine große Zahl auswärtiger Gäste profitieren vom hochkarätigen künstlerischen Angebot der Deutschen Oper am Rhein.
www.operamrhein.de

 

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Hans Jörg Michel

 

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Wettbewerb „IGA 2027 Zukunftsgärten“: Duisburg stellte Sieger-Entwürfe vor

Die Rückeroberung ehemals industriell genutzter Areale
Von Petra Grünendahl

Duisburgs Stadtentwicklungsdezernent Martin Linne. Foto: Screenshot.

„Für die Stadt ist dies ein Meilenstein: Duisburg rückt näher an den Rhein“, erklärte Stadtentwicklungsdezernent Martin Linne. Ziel sei es, ehemals industriell genutzte Flächen zukunftsorientiert neu zu entwickeln und zu nutzen. Da werde sich der Rheinpark neben dem Landschaftspark Nord und dem Innenhafen als Duisburger Erfolgsprojekt einreihen, ist Linne überzeugt. Der Rheinpark öffnet den Rhein für die Bürger der Stadt als Freizeitraum, wo früher die Schwerindustrie das Ufer beherrschte.

Plangebiet für die IGA 2027 in Duisburg. Quelle: RVR.

Auch der Grüne Ring von der Innenstadt bis zum Rheinpark soll attraktiver gestaltet werden und dann als Aktivitäts- und Freizeitraum einladen. Die IGA 2027 ermöglicht die Verwirklichung dieser Konzepte unter dem Thema „Wie wollen wir künftig leben, wohnen und arbeiten?“ mit dem Ziel, Zukunftsthemen greif-, erleb- und präsentierbar darzustellen. Die Antwort sucht die IGA in der Gestaltung von Grünflächen: Das reicht von Parks für Erholung und Freizeit bis zum Mitgestalten (Urban Gardening, Schul- und Gemeinschaftsgärten). Der Grüngürtel soll so zum intensiv genutzten Nachbarschaftspark werden. Auf dem eigentlichen (kostenpflichtig) IGA-Ausstellungsgelände präsentieren zudem Garten- und Landschaftsbaubetriebe Themen- und Mustergärten.

 

Eingangsbereich zum Rheinpark. Entwurf: wbp Landschaftsarchitekten.

Für die freiraumplanerischen Aspekte der Internationalen Gartenausstellung (IGA) gab es einen Wettbewerb, zu dem in Duisburg eine Jury nach 14-stündiger Sitzung die Sieger kürte. Die Ergebnisse stellte der Regionalverband Rheinland (RVR) zusammen mit der Stadt Duisburg und der IGA gGmbH vor. Neben Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel, Stadtentwicklungsdezernent Martin Linne und IGA-Geschäftsführer Dipl.-Ing. Horst Fischer, Projektleiter der IGA Metropole Ruhr 2027, gaben auch die Preisträger im Online-Pressegespräch Auskunft über Konzepte und Intentionen. Aus landschaftsplanerischer Sicht sei der Wettbewerb ein Highlight gewesen, hob der Projektleiter hervor. „Vierzehn Planungsbüros aus Deutschland und Europa haben uns hochwertige Ideen im Umgang mit den künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversität und kulturelles Miteinander präsentiert“, erzählte RVR-Direktorin Geiß-Netthöfel. „Aufgabe war die Gestaltung des Rheinparks und die Anbindung an Randgebiete bis hin zur Innenstadt. Dazu galt es, eine Parkanlage zu entwickeln, die Besucher von nah und fern anlockt“, so Martin Linne.

 

Der Grüne Ring. Entwurf: wbp Landschaftsarchitekten.

Der Grüne Ring ist als Grünanlage schon vorhanden, wird allerdings entsprechend des umzusetzenden Konzepts weiter entwickelt und umgestaltet. Beim Rheinpark sind die beiden ersten Bauabschnitte 2009 und 2020 fertig gestellt worden. Der dritte Bauabschnitt wird nun in Angriff genommen und soll bis 2025 fertig sein, der Grüne Ring in seiner neuen Ausprägung 2026. Dazu kommt die Umgestaltung des (bislang gewerblich genutzten) Kultushafens als Raum zur Freizeitgestaltung. „Jetzt müssen die Konzepte konkretisiert und durchgeplant werden“, erklärte Horst Fischer das Prozedere. Planung sei das eine, Realisierung ganz was anderes. „Nichts wird so gebaut, wie es auf dem Papier steht. Duisburger können sich immer noch einbringen“, versicherte der Stadtentwicklungsdezernent. Und: „Das werden intensive fünf Jahre.“ Am 15. April 2027 soll die Eröffnung sein. Frühere Ideen, auch das Rheinvorland in Hochemmerich und Friemersheim mit einzubeziehen, fanden sich in den Entwürfen nicht wieder und scheinen somit vom Tisch zu sein.

 

 
IGA Metropole Ruhr 2027 präsentiert eine ganze Region

Neugestaltung des Kultushafens. Entwurf: wbp Landschaftsarchitekten.

Das Bochumer Büro wbp Landschaftsarchitekten GmbH landete bei der Jury auf dem ersten Platz. Zum zweiten und dritten Preisträger kürten sie den Landschaftsarchitekten Rehwaldt aus Dresden und das Büro A24 Landschaft aus Berlin. Anerkennungspreise erhielten die Büros bbzl böhm benfer zahiri landschaften städtebau (sie haben den Zechenpark zur Landesgartenschau 2020 in Kamp-Lintfort gestaltet) sowie hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH (beide aus Berlin), scape Landschaftsarchitekten GmbH (Düsseldorf) sowie Treibhaus Landschaftsarchitektur (Hamburg). Der nächste Schritt ist nun das Vergabeverfahren, in das die drei Preisträger einbezogen werden. Erst im Sommer wird feststehen, welcher der drei Entwürfe letztendlich umgesetzt wird. Ab Anfang Mai sind alle Arbeiten im virtuellen Raum ausgestellt unter www.duisburg.de/iga2027.

 

Ideen. Entwurf: wbp Landschaftsarchitekten.

Den Rahmen der IGA Metropole Ruhr 2027 bilden drei eintrittspflichtigen Zukunftsgärten Duisburg, Gelsenkirchen und Dortmund sowie die Zukunftsgärten in Bergkamen / Lünen und „Emscherland“ im Kreis Recklinghausen. Die IGA Metropole Ruhr 2027 wird die erste dezentrale Internationale Gartenausstellung. Organisiert wird die Gartenausstellung von der IGA Metropole Ruhr 2027 gGmbH als Durchführungsgesellschaft, dem Regionalverband Ruhr als Regionalinstitution für die Metropole Ruhr sowie den Kommunen als Projektträger. Eine enge Kooperation besteht mit dem Land Nordrhein-Westfalen, Emschergenossenschaft/Lippeverband und vielen weiteren Partnern. Namensgeber ist die Deutsche Bundesgartenschaugesellschaft mbH.

 

 
IGA 2027 und die IGA Metropole Ruhr 2027 gGmbH

Die Ausstellungsfläche Rheinpark. Entwurf: wbp Landschaftsarchitekten.

Die IGA Metropole Ruhr 2027 ist ein regionales Dekadenprojekt und Laborraum für die nachhaltige Städte-Landschaft der Zukunft mit überregionaler Ausstrahlung, an der sich viele Kommunen, Vereine und Initiativen beteiligen. Fünf Zukunftsgärten bilden die internationalen Schauräume der IGA 2027. Duisburg, Gelsenkirchen und Dortmund zeigen zudem umfangreiche Blumenschauen.
Siehe auch www.iga2027.ruhr.

Getragen wird die Internationale Gartenausstellung Metropole Ruhr vom RVR, von den Kommunen und Kreisen der Metropole Ruhr, der Deutschen Bundesgartenschau-Gesellschaft mbH, der Ruhr Tourismus GmbH sowie zahlreichen weiteren beteiligten und interessierten Institutionen wie Emschergenossenschaft, LWL und LVR, Gartenbauverbänden, Landwirtschaftskammer oder Kleingartenverbänden.

Gesellschafter der IGA Metropole Ruhr 2027 gGmbH als Durchführungsgesellschaft sind neben dem Regionalverband Ruhr (50,2 Prozent) die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft (13 Prozent), die Städte der Zukunftsstandorte Dortmund (13,1 Prozent), Duisburg (10,7 Prozent), Gelsenkirchen (5,9 Prozent), Bergkamen (1,4 Prozent), Lünen (1,4 Prozent) und der Kreis Recklinghausen (4,3 Prozent).

Informationen zu den Standorten der IGA2027

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: wbp Landschaftsarchitekten (Visualisierung)

 

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Emscherkunstweg reicht jetzt bis in den Landschaftspark Duisburg-Nord

Die „Neustadt“ als Blickfang am Grünen Pfad weckt Erinnerungen
Von Petra Grünendahl

Von links: Kuratorin Britta Peters mit den Künstlern Marta Dyachenko und Julius von Bismarck vor dem Goliath, vorne das Freizeit- und
Allwetterbad Schwerte. Foto: Daniel Sadrowski.

„Miniaturstädte werden üblicherweise als ‚best of’ einer Region oder Stadt gebaut. Wir sind mit einem anderen Anspruch an unser Werk gegangen“, erklärte der in Berlin lebende Künstler Julius von Bismarck (*1983). Aus Stahl, Beton, Edelstahl und Aluminium, mit Fensterverzierungen, Wandreliefs, unzähligen kleinen Fensterscheiben aus Acrylglas äußerst ausgefeilt umgesetzt, bringen die Bauten Gewichte von 350 Kilogramm bis 6,6 Tonnen auf die Waage.

Julius von Bismarck und Marta Dyachenko vor den City Wohnturm Bergkamen, vorne das Gammel-Wohnhaus Hamm. Foto: Daniel Sadrowski.

Von Bismarck hat in Zusammenarbeit mit der Architektin und Künstlerin Marta Dyachenko (*1990 in Kiew/Ukraine) jeden Bau in der „Neustadt“ eigenständig und eine Skulptur für sich konzipiert. Auf einer Grünfläche am Fahrradweg „Grüner Pfad“ zwischen Alter Emscher und A42 sind zwei Straßenzüge entstanden, an denen Nachbauten von abgerissenen Gebäuden aus dem Ruhrgebiet eine fiktive Stadt, die „Neustadt“, bilden. Wichtig war den Künstlern nicht der originalgetreue Nachbau, sondern dass die Bauten ihrem gealterten Zustand beim Abriss entsprechen: Vom Leben gezeichnet stehen sie für ihre Zeit im Ruhrgebiet.

Von links: Volkshochschule Essen, Citywohnturm Bergkamen, Gammel-Wohnhaus Hamm und Kirche St. Joseph Essen. Foto: Julius von Bismarck.

Von 1904 bis in die Mitte der 1970er-Jahre entstammen die Originale, die Stück für Stück seit 2006 abgerissen worden waren. „Hier wurde Geschichte wird aus dem Stadtbild getilgt“, erklärte Kuratorin Britta Peters, künstlerische Leiterin der Urbane Künste Ruhr. „Das waren politische Entscheidungen.“

 
 
 

Gruppenbild (von links): Prof. Dr. Uli Paetzel, Marta Dyachenko, Britta Peters, Dr. Vera Battis-Reese, Julius von Bismarck und Karola Geiß-Netthöfel. Foto: Daniel Sadrowski.

Die „Neustadt“ ist das mittlerweile 19. Kunstwerk entlang des Emscherkunstwegs, der von der Emscherquelle in Holzwickede bis zur Mündung in den Rhein führt. Das erste Kunstwerk auf Duisburger Boden stellten Karola Geiß-Netthöfel (Regionaldirektorin Regionalverband Ruhr RVR), Prof. Dr. Uli Paetzel (Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft) und Dr. Vera Battis-Reese (Geschäftsführerin Kultur Ruhr GmbH) zusammen mit den Künstlern Julius von Bismarck und Marta Dyachenko sowie Kuratorin Britta Peters online vor.

Vorne die Volkshochschule Essen, hinten Citywohnturm Bergkamen, rechts die Kirche St. Joseph Essen. Foto: Julius von Bismarck.

Die Auswahl der Gebäudetypen und Bauaufgaben folgte keinem strengen System, sondern ästhetischen, skulpturalen Kritierien und dem Wunsch der Künstler, einen Querschnitt des lokalen Städtebaus aufzuzeigen. So steht neben einem Essener Mietshaus aus der Gründerzeit der Wohnkomplex einer einstigen Modellsiedlung von 1965 oder die Wohnanlage „Goliath“ (beide aus Marl). In der Nachbarschaft der „Neustadt“ erzählen weitere Wohneinheiten im Plattenbaustil von der Sozialgeschichte der 1960er- und 1970er Jahre. Schulen, Kirchen und Schwimmbäder komplettieren das Bild. Aus Duisburg stammen der Hochbunker vom Hochfelder Markt (Abriss 2016) und die Pauluskirche in Marxloh (Abriss 2014). Die Auswahl lässt natürlich auch Fragen zum Denkmalschutz aufkommen, gehörten manche Gebäude doch einst zu den Ikonen der modernen Architektur der Nachkriegszeit. Vielen Bauten ist gemein, dass sie auf eine lange „Leidensgeschichte“ zurückblicken können: Oftmals verfielen die Architekturen, weil von den Verantwortlichen eine Nutzung, Umnutzung oder Sanierung nicht errungen werden konnte. Die „Neustadt“ eröffnet eine Erinnerungsmaschine, die über das privat Erlebte hinausgeht.

 

Von links: Volkshochschule Essen, Citywohnturm Bergkamen, Gammel-Wohnhaus Hamm und Kirche St. Joseph Essen. Foto: Daniel Sadrowski.

Die Arbeit provoziert Fragen zur Entwicklung des urbanen Raums: Warum wurde dieses Gebäude abgerissen? Wer entscheidet, ob eine Architektur erhaltenswert ist? Aus ökologischer Sicht würde man manches vielleicht heute anders sehen, denn im Beton steckt viel Energie: „Wenn man abreißt, muss man überlegen, ob es verantwortungsvoll ist“, meinte Julius von Bismarck. Offensichtlich spielen ökonomische Aspekte eine große Rolle: Wer kennt nicht das Argument, neu zu bauen sei billiger als eine Sanierung? Weniger bekannt ist, dass die Bau- und Gebäudewirtschaft mittlerweile 38 Prozent der globalen CO2-Emission verursacht. Besonders nachhaltig ist ein Abriss jedenfalls nicht. Ökologische Fragen sind von Bismarck und Dyachenko wichtig: Wie gelingt nachhaltiges Bauen oder eine sinnvolle Stadtplanung, die dauerhaft oder flexibel funktioniert?

[Diese Thematik haben wir kürzlich aus einem anderen Blickwinkel aufgegriffen: siehe auch hier …]

 

 
Die „Neustadt“ in der Metropole Ruhr

Vorne links die Weißen Riesen Kamp-Lintfort, hinten der schwarze Goliath Marl, rechts davor der ein weiterer Wohnkomplex aus Marl. Foto: Daniel Sadrowski.

Entstanden ist die „Neustadt“ im Playmobil-Format von 1:25 in Berlin. Per Binnenschiff kamen die bislang 22 Gebäudekomplexe über den Mittellandkanal, den Dortmund-Ems-Kanal und den Rhein-Herne-Kanal nach Duisburg. Das Kraftwerk Gustav Knepper aus Dortmund (Sprengung im Februar 2019) soll noch folgen und seinen Platz in Duisburg finden. Finanziert wird die die großflächige Installation, die den Emscherkunstweg nun dauerhaft bereichert, vom Land NRW. Die 54. Stadt der Metropole Ruhr, wie die RVR-Direktorin das Werk bezeichnete, ist ab dem 1. Mai auf einem ca. 1.850 Quadratmeter großen Gelände am Rande des Landschaftsparks Duisburg-Nord für Besucher öffentlich zugänglich. Das Areal liegt direkt am Grünen Pfad in etwa dort, wo dieser auf die Emscherpromenade trifft (Karte siehe unten).

Stadt-Miniatur „lebt“ am Emscherkunstweg

Per Binnenschiff gelangten die Bauten der Neustadt zum Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Studio Bismarck.

Für Julius von Bismarck und Marta Dyachenko sind die ehemaligen realen Gebäude „Beton gewordene Visionen“, die jetzt in der „Stadt einer nicht eingetroffenen Zukunft“ wiederauferstehen. Mit der Zeit wird die vorhandene Vegetation die fiktive Stadt einbetten und ihre Maßstäblichkeit verschieben: Sträucher und Pflanzen können wie Bäume wirken. Andere Häuser bleiben selbst in der vielfachen Verkleinerung noch übermenschlich groß. Nicht zuletzt besitzt die neue Stadt aus „alten Häusern“ eine große Aufenthaltsqualität und verführt dazu, über die Entwicklung der eigenen unmittelbaren Umgebung nachzudenken.

Per Binnenschiff gelangten die Bauten der Neustadt zum Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Heinrich Holtgreve.

Der Emscherkunstweg wird getragen von den Kooperationspartnern Urbane Künste Ruhr, Emschergenossenschaft und Regionalverband Ruhr. Er steht unter der Schirmherrschaft von Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Skulpturenweg ist aus dem temporären Ausstellungsformat Emscherkunst hervorgegangen, das seit 2010 den Umbau des Emscher-Systems durch die Emschergenossenschaft begleitet hat. Ziel ist es, eine permanente Sammlung herausragender künstlerischer Arbeiten im öffentlichen Raum aufzubauen.

Hier geht es zu unserer Fotostrecke …

Hier ist der Link zum Standort bei Google Maps (Karteausschnitt unten) fürs Navi:
https://www.google.com/maps/place/51%C2%B029’04.1%22N+6%C2%B047’29.0%22E/@51.48447,6.7892113,17z/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x0:0x0!8m2!3d51.48447!4d6.7914

Lage der Neustadt am Rande des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Karte: Google Maps.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Daniel Sadrowski (5), Julius von Bismarck (2), Studio Bismarck (1), Heinrich Holtgreve (1), Karte: Google Maps

 

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Deutsche Oper am Rhein stellte Projekt „UFO – Junge Oper Urban“ vor

Die Oper sucht den Weg zu Kindern und ihren Themen
Von Petra Grünendahl

Der Klangkörper des UFO. Skizze: raumlabor berlin.

„Wir wollen jetzt auch auf jüngere Kinder zugehen: Sie abholen und ihr Verständnis fürs Musiktheater wecken“, erklärte Anna-Mareike Vohn, Leiterin der Jungen Oper am Rhein, die Zielsetzung von UFO. „UFO – Junge Oper Urban“ ist ein neues Projekt der Deutschen Oper am Rhein für die Spielzeiten 2021/22 und 2022/23. „Kinder sollen die Oper als unmittelbaren Teil ihrer Lebenswirklichkeit kennen lernen“, so Rheinopern- Chefdramaturgin Anna Melcher. UFO solle Themen der Kinder in den Blick nehmen und die Oper als experimentelles Musiktheater zu einem jungen Publikum bringen. Zielgruppen sind die Altersklassen 4+, 8+ und 12+, was vom Kindergarten bis in die Schule reicht. Das UFO ist mobil und wird in den nächsten drei Jahren an acht Standorten in Duisburg und Düsseldorf Station machen, wo Kinder sich in die Entwicklung von Bühnenstücken einbringen können. Das UFO möchte als mobiles Klanglabor und Spielstätte mit Impulsen aus dem Leben und Erleben der Kinder ein Musiktheater-Repertoire entwickeln. Umgesetzt und auf eine Bühne im Klassenzimmerformat gebracht wird das Ganze dann professionell durch Sänger und Tänzer der Deutschen Oper am Rhein sowie Musiker der beiden Musikensemble Duisburger Philharmoniker und Düsseldorfer Symphoniker. Im UFO begegnen den Kindern Komponisten, Librettisten, Regieteams und Bühnenkünstler, die mobile Spielformate entwickeln und aufführen. Ausgelegt sind die mobilen Klangstätten auf ca. 30 Besucher pro Aufführung.

 

Christoph Meyer, Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Foto: Screenshot.

Die Deutsche Oper am Rhein stellte das Projekt in einem Online-Pressegespräch vor. Neben dem Generalintendanten Prof. Christoph Meyer, Anne Melcher und Anna-Mareike Vohn standen Michaela Dicu und Immanuel de Gilde (beide Projektteam „UFO – Junge Oper Urban“), Jan Liesegang (raumlabor berlin als Entwickler der mobilen Klangstätte) sowie Dr. Christian Esch, Direktor NRW KULTURsekretariat Wuppertal, Rede und Antwort. Die Aufführungen von UFO begleitet die Junge Oper am Rhein mit einem umfangreichen Vermittlungsprogramm, das den Ideen der Kinder Raum geben möchte. Bei seinen Erkundungen im Stadtteil wird das UFO zudem von lokalen Institutionen wie Jugendzentren, Schulen und Universitäten unterstützt. Die Junge Oper am Rhein ist quasi die „Nachwuchsförderung“ der Deutsche Oper am Rhein, die sich speziell an eine junges bis jüngeres Publikum wendet. „Wir wollen hier nicht die Jugend- oder Kinderoper auf der großen Bühnen ersetzen, sondern ergänzen“, so Christoph Meyer, den sein besonderes Engagement in diesem Bereich seit seinem Amtsantritt auszeichnet. Gefördert wird das Projekt in Rahmen des Neue-Wege-Programms vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat Wuppertal.

 

 
Urbanes Klangtheater dicht am Publikum

Der Klangkörper des UFO. Skizze: raumlabor berlin.

Seine erste Station schlägt das UFO am Kuhtor in der Duisburger Innenstadt auf: Ab September 2021 erarbeitet hier das Klangkunst-Duo Merzouga (Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky) gemeinsam mit der Kinderbuchautorin Nikola Huppertz und der Regisseurin Kerstin Steeb ein Musiktheaterstück für Kinder ab 6 Jahren, das den Arbeitstitel „Die unbedingten Dinge“ trägt und am 1. Oktober 2021 Premiere (Uraufführung) haben soll. Es wird die Geschichte zweier Freunde erzählen, die in dringender Mission durch die Zeit reisen. Im Januar 2022 landet das UFO am Anne-Frank-Haus, einem Jugendzentrum im Düsseldorfer Stadtteil Garath. Dort wird der für seine Kindertheaterstücke mehrfach ausgezeichnete Belgier Jan Sobrie (Libretto und Inszenierung) zusammen mit der Komponistin Misha Cvijovic ein neues Stück für Kinder ab 8 Jahren entwickeln – Arbeitstitel: „Als wir nicht mehr wussten, wer wir waren“. Es erzählt von einer großen Freundschaft und den gemeinsamen Traumwelten einer ehemaligen, mittlerweile an Demenz erkrankten Opernsängerin und einem Kind. Die Uraufführung ist für den 17. Februar 2022 geplant.

Junge Oper Urban: Die Stationen von UFO. Kartenmaterial: Google Maps.

Alle zwei bis drei Monate schlägt die Junge Oper Urban an einem anderen Ort auf – im April 2022 in Duisburg-Bruckhausen (am Kulturbunker), im Juni 2022 im Glasmacherviertel in Düsseldorf-Gerresheim, im Oktober 2022 in Ruhrort/Laar (am Eisenbahnhafen), im Dezember 2022 im WGZ-Bank-Park in Düsseldorf-Oberbilk, im März 2023 in der Duisburger Altstadt (Innenhafen) und schließlich im Juni 2023 in Düsseldorf-Golzheim, direkt am Rhein. Die erarbeiteten Stücke sollen dann jeweils an der nächsten Station des UFOs zu sehen sein, damit sie in beiden Städten auf die Bühne kommen.

 

 
Ein Trailer zum Projekt
… wird nachgereicht, sobald er veröffentlicht ist.

 
UFO – Junge Oper Urban

Der Klangkörper des UFO. Skizze: raumlabor berlin.

In enger Zusammenarbeit mit der Jungen Oper am Rhein wird „UFO – Junge Oper Urban“ über insgesamt drei Jahre neue Wege beschreiten, bestehende Kooperationen in den beiden Städten vertiefen und neue Bande mit Schulen und Kindergärten, aber auch sozialen Einrichtungen knüpfen. Organisiert wird das Projekt von Michaela Dicu, die zusammen mit Immanuel de Gildeund der Dramaturgie der Deutschen Oper am Rhein die Ideen für das Mobile Klanglabor entwickelt und umsetzt. Aktuelle Informationen zum UFO – Junge Oper Urban sind auf der Website www.operamrhein.de hinterlegt.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: raumlabor berlin (Skizzen), Google Maps (Karten), Screenshot

 

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Drees & Sommer: Nachhaltiges und innovatives Bauen

Wenn Gebäude zu Rohstsoff-Depots und recycling-fähig werden
Von Petra Grünendahl

Mehrfach ausgezeichnet: Das neue Verwaltungsgebäude der RAG im Welterbe Zeche Zollverein wurde nach den neuesten Nachhaltigkeitsstandards geplant und gebaut. Foto: Petra Grünendahl.

Das neue Verwaltungsgebäude der RAG Aktiengesellschaft in Essen orientiert sich an modernsten Nachhaltigkeits-Standards. Das zweigeschossige Gebäude in L-Form entstand auf einer sanierten Teilfläche des ehemaligen Kokereigeländes der Zeche Zollverein. Zu den Besonderheiten zählt neben den begrünten Innenhöfen die begrünte Dachlandschaft: eine Grün-Oase mit Aufenthaltsqualität, deren Photovoltaik-Anlagen nicht nur Strom produzieren, sondern teilweise als Pergola auch Schatten spenden. Technik-Aggregate sind größtenteils in der Peripherie untergebracht statt konventionell auf dem Dach. Ein Wohlfühlraum für Mitarbeiter: „Das ist das wichtigste Merkmal der Immobilie – und das teuerste“, erklärte Diplom-Ingenieur Frank Kamping, Geschäftsführer der Kölner Niederlassung von Drees & Sommer. Man kommt von der Gebäudefront wie über eine Gartentreppe auf das Dach: Dieser Aufgang ist allerdings Mitarbeitern von RAG und RAG-Stiftung vorbehalten.

 

Diplom-Ingenieur Frank Kamping, Geschäftsführer der Kölner Niederlassung von Drees & Sommer. Foto: Petra Grünendahl.

„Prof. Dr. Hans-Peter Noll, damals Geschäftsführer der RAG Montan Immobilien, wollte 2015 für die RAG das nachhaltigste Gebäude auf dem ehemaligen Zechengelände bauen“, erzählte Frank Kamping. „Von der ersten Idee an waren wir mit an Bord. Für den Projektentwickler Kölbl Kruse haben wir dann als Generalfachplaner mit dem Aachener Architekturbüro kadawittfeld den Neubau auf dem Areal der Zeche Zollverein in Essen realisiert.“ Eingezogen sind 2018 die RAG-Stiftung und die RAG Aktiengesellschaft mit rund 200 Mitarbeitern, Bauherr war die RAG Montan Immobilien GmbH, die seit 2012 auf dem Nachbargrundstück ihren Sitz hat. Eingebunden hat Frank Kamping schon früh das Umweltinstitut EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency), eine Tochter-Gesellschaft von Drees & Sommer, die sich mit rezirkulierbarem* Bauen und dem „Cradle to Cradle“-Designprinzip (C2C)** beschäftigt. „Wir haben die RAG-Leute dafür begeistern können, das Gebäude so zu bauen, dass es demontiert und rezirkuliert werden kann.“ Im vergangenen Jahr zeichneten Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt das nachhaltige und innovative Projekt mit einem Sonderpreis des Bundespreises für Umwelt & Bauen aus. Außerdem wurde das Gebäude mit dem Essener Architekturpreis 2020 geehrt.

 

Mehrfach ausgezeichnet: Das neue Verwaltungsgebäude der RAG im Welterbe Zeche Zollverein wurde nach den neuesten Nachhaltigkeitsstandards geplant und gebaut. Foto: Petra Grünendahl.

Das eigenständig gestaltete Gebäude fügt sich in Bauform und Fassade gut in das denkmalgeschützte Ensemble des Welterbes ein. „Das Design haben die Architekten gemacht, wir haben uns um alle Ingenieursdienstleistungen gekümmert“, so Frank Kamping. Das umfasste die ganze Generalfachplanung von der Tragfähigkeitsplanung über Haustechnikplanung und Geothermie (die mit CO2-Bepreisung auch wirtschaftlich immer interessanter wird) bis hin zur „Cradle to Cradle“-Zertifizierung (C2C)**. Das C2C-Designprinzip beschreibt eine besondere Qualität der eingesetzten Materialien: Alle Baustoffen können nach ihrer Nutzung entweder wiederverwertet oder recycelt werden. „Wenn man Nachhaltigkeit und Bewertung von Baustoffen, Lebenszykluskosten, Betriebskosten und Alternativ-/Variantenbewertungen berücksichtigen will, muss man großen Einfluss auf das Planungsgeschehen haben“, erklärte der Planer die umfassende Beteiligung seiner Gesellschaft am Bau. Das Gebäude erhielt von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) das Prädikat „Platin“ für die höchste Stufe der Nachhaltigkeit.

 

 
„the blue way“ vereint Ökologie und Ökonomie

Auf die begrünte Dachlandschaft des neuen RAG-Verwaltungsgebäude kommen nur Mitarbeiter. Foto: Petra Grünendahl.

Drees & Sommer verbindet mit seiner ganzheitlichen Entwicklungs-Philosophie „the blue way“ Ökologie und Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit. Investitions- und Betriebskosten, Funktionalität und Prozessqualität sind in der Projektplanung ebenso berücksichtigt wie Gestaltung, Gesundheit, Behaglichkeit und Nutzerzufriedenheit. Nur damit lasse sich die Wertschöpfung für einen Auftraggeber über den gesamten Immobilien-Lebenszyklus sichern, so die Devise.

 

Die Alu-Fassade ist rezirklierbar: Das neue Verwaltungsgebäude der RAG im Welterbe Zeche Zollverein wurde nach den neuesten Nachhaltigkeitsstandards geplant und gebaut. Foto: Petra Grünendahl.

Auf eine elektrische Klima-/Lüftungsanlage beim RAG-Neubau konnte weitgehend verzichtet werden: „Man braucht sie nicht, weil wir gesunde Baustoffe haben, die für ein gutes Klima sorgen.“ Holz (Eichenparkett) und Teppichböden, die Feinstaub absorbieren, thermoaktive Betondecken und eine geothermische Heizwärmeversorgung erhöhen Behaglichkeit und Nutzerzufriedenheit. Die Bürogestaltung reicht von Einzel- bis hin zu Großraumbüros mit Glastrennwänden. „Heute würden wir mit Recycling-Beton bauen, der mit seiner Beimischung großes Potenzial hat“, erklärte Frank Kamping. „Der war damals in der benötigten Menge noch nicht lieferbar, aber die Entwicklung geht da sehr stark voran.“ Beispielhaft ist auch die Fassade aus lackierten Aluminium-Profilen von der Firma Schüco, die demontiert und rezirkuliert werden können.

 

 
„Cradle to Cradle“ sichert Materialkreislauf und Recycling-Fähigkeit

Mehrfach ausgezeichnet: Das neue Verwaltungsgebäude der RAG im Welterbe Zeche Zollverein wurde nach den neuesten Nachhaltigkeitsstandards geplant und gebaut. Foto: Petra Grünendahl.

Das Gebäude hat als eines der ersten einen so genannten „Material Passport“, einen Materialpass, der darüber Auskunft gibt, welche Stoffe in welcher Qualität und Menge dort verbaut wurden. Bei einem Rückbau haben diese Materialen dann auch einen Marktpreis. Und man kann sie nicht nur recyceln, sondern vollwertig für neue Dinge verwenden. „Das ist ein kartografiertes System von Rohstoffen, die einem Materialkreislauf zugeführt werden können“, erklärte der Diplom-Ingenieur. „Das ist quasi ein Gebäude als Rohstoff-Depot, als Energie-Depot und letztendlich als gesundes Gebäude für Menschen“, so Kamping zu den maßgeblichen Eigenschaften.

 

Das überdachte Parkdeck der RAG-Verwaltung ist begrünt und begehbar. Foto: Petra Grünendahl.

Mittlerweile würde man auch sehr viel mehr mit Holz bauen, erzählte er: Mit einem Betonkern für den Aufzug und die Statik. „Die Geschossdecken und auch die Fassaden kann man dann sehr schön mit Holz bauen als Holz-Hybridgebäude. Holz ist ein sehr angenehmer Baustoff, den braucht man nicht verkleiden: Der ist fertig.“ Wenn Holz abgelagert sei, biete es eine tolle Haptik, gutes Aussehen und einen angenehmen Geruch. Ein weiterer Vorteile von Holz als Baustoff: Er trägt, bleibt aber dabei elastisch. Wie zum Beispiel auch Stahl, aber im Gegensatz zu Beton, der porös ist. „Das ist etwas, was wir in der Beratung und in der Planung sehr stark kommen sehen“, argumentierte der Planer: Holzelemente könne man modular anwenden, sehr gut zuschneiden, vorfertigen – und sie später wieder auseinander bauen. „Holz ist ein sehr flexibler Baustoff, den man auch nachträglich einbauen oder Einbauten verändern kann.“ Mittlerweile wird Holz auch aus Aspekten des Brandschutzes ganz anders gesehen: Mit wenig Sauerstoffanteilen brennt Holz nicht gut. Das heißt auch: Holz stellt kein höheres Risiko dar, was sich so langsam auch in den Landesbauordnungen nieder schlägt. „Holz ist ein zäher, aber elastischer Baustoff, der dem Bauen entgegen kommt.“

 

Auf die begrünte Dachlandschaft des neuen RAG-Verwaltungsgebäude kommen nur Mitarbeiter. Foto: Petra Grünendahl.

Eine weitere Tendenz im Neubau von Immobilien sieht Frank Kamping im modularen Bauen mit BIM (Building Information Modeling), einer Arbeitsmethode der vernetzten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Bauwerken mithilfe von Software. „Modellbasiert das Gebäude digital vorzudenken, zu entwickeln und zu optimieren – und es dann später real zu bauen: Das sind Elemente, die uns auch qualitativ weiter bringen“, sagte der Experte. Höhere Berater- und Planerkosten fielen hier zwar an, beeinflussten aber letztendlich Millionenbeträge, die man im Bau und über den Lebenszyklus des Gebäudes einsparen könne. Eigennutzer könnten dieser Rechnung oft schneller folgen als Projektentwickler, die dabei nicht direkt profitierten. Seit immer mehr institutionelle Anleger Immobilien mit Nachhaltigkeitszertifizierung kauften, ändere sich das: „Wir denken auch, dass sich die Immobilienbewertung dahin wendet und wenden muss, ‚Cradle to Cradle’-Immobilien, die einen Rohstoffanteil im Gebäude haben, den man später wieder heben kann, höher zu bewerten.“

 

 
Nachhaltiges Bauen wird auch im Wohnungsbau interessant

Auf die begrünte Dachlandschaft des neuen RAG-Verwaltungsgebäude kommen nur Mitarbeiter. Foto: Petra Grünendahl.

Der Energieverbrauch in Gebäuden ist immer weiter runter gegangen über die Jahre: „Da sind wir Weltmeister!“ so Kamping. „Wir machen die Dinge immer effizienter, müssen jetzt aber sehen, dass wir Immobilien – auch Wohngebäude – rezirkulierbar* machen. Und mit den niedrigen Zinsen steige besonders das Interesse von Investoren an Wohnimmobilien. Hier könne man die Ansätze des nachhaltigen Bauens mit modernsten Anforderungen anbringen und transferieren: In neuer Gestaltung mit regenerativen Energien und rezirkulierbaren Materialien. Und immer mehr auch namhafte Architekturbüros hätten mittlerweile Interesse an der Gestaltung von Wohnimmobilien. „All das hält langsam massiv Einzug und das lässt die Qualität der Wohnungen, egal ob Sozialwohnung oder Eigentum, massiv ansteigen: Wohnungen werden lebenswerter.“

 

Mehrfach ausgezeichnet: Das neue Verwaltungsgebäude der RAG im Welterbe Zeche Zollverein wurde nach den neuesten Nachhaltigkeitsstandards geplant und gebaut. Foto: Petra Grünendahl.

„Nachhaltig zu bauen steht nicht im Widerspruch dazu, das Bauen schneller zu machen“, erklärte Frank Kamping. Mit Modularbauweise und vorfertigten Teilen zum Beispiel aus Holz oder Aluminium, die ausgelegt sind auf Flexibilität und Wiederverwendbarkeit. Entworfen für die Demontage bieten sie den Vorteil kontinuierlicher Materialkreisläufe durch Leasing- und Rücknahmeprogramme der Hersteller: „Wie wäre es, wenn der, der die Aluminiumprofile anbringt, sie in 30 Jahren wieder abbaut, recycelt und neu – nach neuesten Erkenntnissen gefertigt – wieder anbringt?“, fragte Kamping. Das gehe woanders noch viel weiter: Die Fassade werde nur geleast, also genutzt statt besessen. „Das ist nicht nur nachhaltig, sondern wird langfristig auch günstiger.“ Ziel müsse dabei auch eine Reduzierung der CO2-Emissionen im Bau sein. Der Einsatz natürlicher Baumaterialien trage bei zu einer Verbesserung der Raumluftqualität und des Wohlbefindens der Nutzer. Entscheidend für den Immobilieneigentümer seien aber auch Aspekte wie Lebenszykluskosten: Wie lange können die Bauteile halten? „Mit Pflege und Instandhaltung kann man Gebäude länger in Betrieb halten“, brachte Kamping den Zusammenhang von zielgenauen Investitionen und ihrer Wirtschaftlichkeit auf den Punkt.In den letzten Jahren wurde aber immer klarer, dass nur mit dem Neubau alleine die Optimierung des Energieverbrauchs im Gebäudebestand an Grenzen stößt: „Viele Immobilien in unseren Städten sind in die Jahre gekommen und brauchen dringend eine Sanierung. Nicht immer bietet sich schließlich ein Neubau an“, so der Immobilien-Fachmann, denn: „die alte Architektur kann reizvoll sein oder an dem Standort würde heute solch eine Immobilie nicht mehr genehmigt.“ Mehr zu diesem Thema gibt es hier …

 

 
Nachhaltiges Bauen: eine inderdisziplinäre Aufgabe

Auf die begrünte Dachlandschaft des neuen RAG-Verwaltungsgebäude kommen nur Mitarbeiter. Foto: Petra Grünendahl.

Drees & Sommer hat nachhaltiges Bauen seit den 1980er-Jahren auf dem Programm. Zunächst nur als Beratung, später wurde der Unternehmensleitung klar, dass man hier auch die Planung mit anbieten musste. „Wir sind sehr interdisziplinär aufgestellt: Architekten, Bauingenieure, Haustechniker, Elektroingenieure und spezialisierte Nachhaltigkeitsmanager arbeiten gemeinsam an zukunftsweisenden Lösungen für erfolgreiche Gebäude und lebenswerte Städte“, berichtete Frank Kamping. Für die Nachhaltigkeit von Gebäuden gibt es Zertifizierungen für Baumaterialien wie „Cradle to Cradle Certified™“ und für Gebäudesysteme nach DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen). „Cradle to Cradle“ kommt aus Amerika, von wo Mitbegründer Prof. Dr. Michael Braungart das Designprinzip nach Deutschland gebracht hat: Nicht „weniger schädlich“, sondern „aktiv gesund bauen“ heißt die Devise. Das heißt also: Materialien beim Bau zu verwenden, die aktiv zur Gesundheit beitragen und solche, die man später wieder zurückbauen und recyceln kann.

 

Diplom-Ingenieur Frank Kamping, Geschäftsführer der Kölner Niederlassung von Drees & Sommer. Foto: Petra Grünendahl.

Frank Kamping ist Diplom-Ingenieur für Versorgungstechnik (FH Münster) und hat berufsbegleitend ein Wirtschaftsingenieur-Studium absolviert. Weiter qualifiziert hat er sich noch zum Immobilienökonom (ebs) und Chartered Surveyor (MRICS). 2008 kam er zu Drees & Sommer, wo er als Experte für Generalfachplanung in Köln einstieg: TGA-Planung (Technischen Gebäudeausstattung) mit dem Fokus Gebäudetechnik, Modularität, Digitalisierung, Energiekonzepte, Bauphysik und Fassadentechnik einschließlich aller Randgebiete. Seit 2013 ist er Mitglied der Geschäftsleitung und seit 2015 Geschäftsführer für die Generalfachplanung Köln / Düsseldorf.

 
„Wir betreuen vielschichtige Projekte. Unsere Kunden wollen viele von unseren unterschiedlichen Leistungen aus Beratung, Planung und Entwicklung aus einer Hand haben.“ Das erleichtere natürlich Durchführung von Projekten. „Für große Projekte braucht man als Planer die entsprechende Maschinerie und Man-Power: Kompetente Leute, die die Pläne liefern, die Themen betreuen und das termingerecht.“ Die kann Drees & Sommer mit seinem breiten Spektrum an Standorten und entsprechend qualifizierten Mitarbeitern mit dem nötigen Know-how bieten.

 
Erfahrungen aus Großprojekten flössen natürlich auch in die Projekte ein, die man nicht öffentlichkeitswirksam in den Medien finde, bekräftigte Kamping. „Kleinere Auftraggeber bekommen dasselbe Know-how zur Verfügung gestellt wie die Großen, nur eben in einem herunter gebrochenen Maßstab.“ Auch der Wohnungsbau partizipiert heute von den Erkenntnissen und Erfahrungen aus gewerblichen Projekten.

 

 
RAG Aktiengesellschaft

Mehrfach ausgezeichnet: Das neue Verwaltungsgebäude der RAG im Welterbe Zeche Zollverein wurde nach den neuesten Nachhaltigkeitsstandards geplant und gebaut. Foto: Petra Grünendahl.

Die RAG Aktiengesellschaft wurde 1968 zur Konsolidierung der Steinkohleförderung als Ruhrkohle AG gegründet – mit Sitz in Herne. Sie verlegte 2018 ihren Sitz nach Essen auf das Gelände des UNESCO-Welterbes Zeche Zollverein. Nach dem Ende der Steinkohleförderung in Deutschland 2018 ist sie nun operativ in der Pflicht für die Ewigkeitsaufgaben wie Wasserhaltung und Grundwasserreinigung in den ehemaligen Abbaugebieten, die von der RAG-Stiftung finanziert werden. Die RAG steht damit heute für eine nachhaltige Flächenentwicklung und die Abwicklung von Bergbau-Altlasten.
www.rag.de
Die RAG Montan Immobilien GmbH kümmert sich als RAG-Tochter um Vermarktung, Nachnutzung und Revitalisierung ehemaliger Bergbau-Flächen.
www.rag-montan-immobilien.de

Hier geht es zu unserem Artikel „Drees & Sommer: Nachhaltigkeit und Optimierung im Gebäudebestand – Gebäude von heute sind die Kunden von Morgen“.

 

 
Drees & Sommer
Drees & Sommer mit Hauptsitz in Stuttgart ist ein international tätiges Unternehmen für Beratung, Planung und Projektmanagement im Bau- und Immobiliensektor. Das Unternehmen mit rund 4.000 Mitarbeitern an 46 Standorten weltweit wurde 1970 gegründet. Seit Anfang der 1980er-Jahre organisiert sich Drees & Sommer im Partnermodell mit eigenen Gesellschaften an den Standorten und für Schwerpunktbereiche bzw. Expertenteams. Die Partnergesellschaften agieren als Tochtergesellschaften unter der Holding Drees & Sommer SE (Societas Europaea), einer partnergeführten Europäischen Aktiengesellschaft. Anteilseigner der SE sind aktive und ehemalige Führungskräfte. Das macht die Drees & Sommer-Gruppe unabhängig von Dritten wie (externen) Investoren. Im Jahr 2019 generierte das Unternehmen einen Konzernumsatz von über 500 Mio. Euro mit unterschiedlichsten Dienstleistungen für 4.250 Bauprojekte weltweit. Kunden sind private und öffentliche Bauherren sowie Investoren.

 
Fünf der Standorte mit rund 300 Mitarbeitern befinden sich in Nordrhein-Westfalen: Köln, Aachen, Düsseldorf, Dortmund und Münster. „Düsseldorf hat sich aus Köln heraus entwickelt“, so Kamping, seit 2015 Geschäftsführer der Generalfachplanung in Köln / Düsseldorf, „aber wir haben festgestellt: Das sind ganz unterschiedliche Märkte: Das Büro-Segment ist in Düsseldorf viel größer, auch der Anteil der Developer ist höher als in Köln.“ Aachen lebe von der Nähe zur RWTH, erklärte Kamping. Dortmund entstand aus dem Verbund zum Ruhrgebiet und Münster ist Universitätsstadt. Der Schwerpunkt für Planung liege aber immer noch in Köln, von wo aus er mit seinem Team das RAG-Gebäude betreut habe, erzählte der Geschäftsführer. Beraten und managen sei von allen Standorten möglich. „Wir haben mittlerweile in Düsseldorf eine eigene Planungsabteilung, denn für das integrierte Planen – wir nennen es „integrated Design“ – brauchen wir spezielle Teams.“ Das bedeute dann eine Planungsmannschaft ab 25, 30 Leuten an dem jeweiligen Standort.

 
„NRW ist ein großer Standort mit Tradition. Wir sind homogen von den Gesamtstrukturen, verfügen über eine breite Kundenlandschaft von universitärer Lehre und Bildung über Immobilienbesitzer und -gesellschaften (Property Companies), Investoren oder die öffentliche Hand bis hin zum Wohnungsbau.“ Und er hob hervor: Hier – in NRW und im Ruhrgebiet – gebe es Transformationsprozesse in der Energiebranche (RWE, Eon, Inogy), die „wir begleiten möchten.“ Dazu zähle auch im Ruhrgebiet der Strukturwandel wie bei der Zeche Zollverein in Essen oder beim Phoenixsee in Dortmund: „Auch das Projekt Phoenixsee haben wir mit Entwicklungsmanagement und Infrastrukturplanung begleitet. Das ist schon ein Aushängeschild in der Größenordnung.“
www.dreso.com

*) rezirkulierbar = recycling-fähig, Kreislaufwirtschaft.
**) Cradle to Cradle (C2C) = engl. „von Wiege zu Wiege“, sinngemäß „vom Ursprung zum Ursprung“, ein Ansatz zur konsequenten Kreislaufwirtschaft.

Hier geht es zu unserem Artikel „Drees & Sommer: Nachhaltigkeit und Optimierung im Gebäudebestand – Gebäude von heute sind die Kunden von Morgen“.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl

 

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Drees & Sommer: Nachhaltigkeit und Optimierung im Gebäudebestand

Gebäude von heute sind die Kunden von Morgen
Von Petra Grünendahl

Bausubstanz aus den 1950er-, 1960er- oder 1970er-Jahren. Foto: Petra Grünendahl.

„Wenn Sie hier aus dem Fenster schauen: Das sind alles Sanierungsobjekte. Die Frage ist nicht ob, sondern wann“, erklärte Diplom-Ingenieur Frank Kamping, Associate Partner am Kölner Standort von Drees & Sommer. „Hier“ ist in der Kölner Innenstadt. Solche Gebäude aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren finden sich aber in jeder größeren Stadt: in Deutschland, im Ruhrgebiet und auch in Duisburg. Viele Immobilien in unseren Städten sind in die Jahre gekommen und bräuchten dringend eine Sanierung und Modernisierung.

Bausubstanz aus den 1950er-, 1960er- oder 1970er-Jahren. Foto: Petra Grünendahl.

„Es gibt zwar die eine oder andere Fassade mit einen Wärmedämmverbundsystem, aber das haben Firmen gemacht, die einfach nur Dämmstoffe verkaufen wollten“, berichtete Kamping. Diese Dämmstoffe aus den frühen Jahren der „energetischen Sanierung“ sind heute Sondermüll. Spätschäden auch an der Gebäudesubstanz seien mitunter ganz erheblich: Schimmelpilzbildung oder die Versottung* von Mauerwerken könnten auch gesundheitliche Auswirkungen haben. Für eine nachhaltige Sanierung, die letztendlich sogar Kosten spart, brauche es, so der Experte, einen konzeptionellen Ansatz, der sämtliche Prämissen von der Bausubstanz bis zum Energiebedarf berücksichtige. „Beim Bauen im Bestand erlebt man immer wieder Überraschungen, aber es macht natürlich Spaß, insbesondere historische Bauaufgaben zu begleiten“, so Kamping. Als Beispiel führte er die Generalsanierung des Polizeipräsidiums in Düsseldorf an, welches wie das Polizeipräsidium in Duisburg aus den frühen 1930er-Jahren stammt, allerdings sogar unter Denkmalschutz steht.

 

Diplom-Ingenieur Frank Kamping, Geschäftsführer der Kölner Niederlassung von Drees & Sommer. Foto: Petra Grünendahl.

Drees & Sommer berät Immobilieneigentümer und Bauherren im Gebäudemanagement sowie bei der Planung von Neubauten und Sanierung. Ziel ist der nachhaltige Neubau oder die kosteneffiziente Sanierung, die modernsten technischen und ökologischen Standards entspricht und sich durch einen wirtschaftlichen Umgang mit Ressourcen und Energie auszeichnet. Das international tätige Beratungs- und Planungsunternehmen hat nachhaltiges Bauen seit den 1980er-Jahren auf dem Programm. Zunächst nur als Beratung, aber: „Uns wurde klar, dass nur das Projekt zu managen nicht Ziel führend ist“, so der Diplom-Ingenieur. „Man muss sich mit den Gebäuden auseinander setzen und mit Simulationswerkzeugen ihren Energiebedarf zu ermitteln. Damit wir in die Inhalte von Gebäuden eingreifen konnten, übernahmen wir schließlich mehr und mehr auch die Planungsaufgaben“, beschrieb der Diplom-Ingenieur Versorgungstechnik den Aufbau von erweiterten Kompetenzen bei Drees & Sommer und die Expansionsstrategie, in diese Aufgabenbereiche hinein zu wachsen.

 

 
Die Projekte von Morgen stehen schon: Neues Leben für alten Baubestand

Das Polizeipräsidium Düsseldorf stammt aus den frühen 1930er-Jahren und steht unter Denkmalschutz. Foto: Petra Grünendahl.

Schließlich wurde vor allem die „Optimierung im Bestand“ ein ganz großes Thema, denn Fortschritte in Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit von Immobilien lassen sich nur erzielen, wenn auch im Gebäudebestand saniert wird: „Das haben wir schon vor zehn Jahren als etwas Eigenes erkannt: Wir kriegen die Nachhaltigkeitsziele nur hin, wenn Gebäude nach und nach saniert werden.“ – „Die Neubauquote bei gewerblichen Gebäuden liegt zurzeit bei einem Prozent im Jahr: Das ist viel zu niedrig!“, so der Experte. „Wir bräuchten mindestens das Doppelte, um die Energiefresser – und das sind diese alten Gebäude bis in die 1970er-Jahre hinein – zu eliminieren: Klimaanlagen, unhygienische Luftbefeuchter, ungedämmte Fassaden und einfach verglasten Fenster kosten viel Energie.“

 

Das Polizeipräsidium Düsseldorf stammt aus den frühen 1930er-Jahren und steht unter Denkmalschutz. Foto: Petra Grünendahl.

Man könne natürlich immer überlegen: Baut man so etwas neu? Oder will man diese mitunter historische Substanz in den Städten erhalten? In der engen Bebauung der Innenstädte bieten sich Abriss und Neubau nicht immer an. An mancher Stelle würde man heute keine Baugenehmigung mehr bekommen für das, was dort schon steht (Bestandsschutz). Zumal Abriss und Neubau mehr Ressourcen und Energie benötigen als eine Revitalisierung, die auch unter diesem Gesichtspunkt deutlich nachhaltiger sein kann. Neben einer energetischen Sanierung und dem Einbau modernster Technik kann man die Gebäude auch optisch durch eine Neugestaltung der Fassaden modernisieren. „Mit diesen Maßnahmen kann man im Bestand ein neues Gebäude schaffen.“

 

Das Dreischeibenhaus neben dem Schauspielhaus in Düsseldorf wurde 1957 bis 1960 erbaut und in den Jahren 2012/2013 grundlegend saniert und revitalisiert. Foto: Petra Grünendahl.

Zu seinen Highlights an Revitalisierungen zählt Frank Kamping neben dem Polizeipräsidium auch das Dreischeibenhaus in Düsseldorf. Erbaut wurde das markante Hochhaus nach Entwürfen der Architekten HPP zwischen 1957 und 1960 für die Phoenix Rheinrohr (ab 1964 Thyssen). Als thyssenkrupp 2010 seine Hauptverwaltung im thyssenkrupp-Quartier in Essen konsolidierte, wurde das Gebäude an einen Investor verkauft. Völlig veraltet waren Klimatechnik und technische Ausstattung, so dass das denkmalgeschützte Gebäude vor einer Neuvermietung umfassend saniert und modernisiert werden musste. Zusammen mit den Architekten HPP hat Drees & Sommer die Revitalisierung geplant: „Über Machbarkeitsstudien haben wir uns überlegt: Wie kann man die Immobilienuhr in diesem Gebäuden zurück drehen? Für welche Nutzung soll es am Markt positioniert werden?“ Ziel der umfassenden und tief greifenden Revitalsierung 2012/2013 war die Nutzung durch viele unterschiedliche Mieter, die entsprechend kleinteiligere Zuschnitte von Büroflächen brauchten als der Thyssen-/thyssenkrupp-Konzern als Gesamtnutzer des Gebäudes. Heute entspricht es modernsten Standards technischer und energetischer Gebäudeausstattung, was rasch zu einer vollständigen Vermietung aller Flächen führte. Unter anderem zog Alltours 2014 vom Innenhafen weg ins Dreischeibenhaus.

 

 
Revitalisierung bietet Chance auf Neupositionierung am Markt

Das Dreischeibenhaus in Düsseldorf wurde 1957 bis 1960 erbaut und in den Jahren 2012/2013 grundlegend saniert und revitalisiert. Foto: Petra Grünendahl.

„Selbst wenn man Gebäude nur mit einer Fassaden-Dämmung energetisch sanieren will, braucht man einen gründlichen Fahrplan für Bauphysik und Energieansatz“, erklärte Frank Kamping. Das biete großes Potenzial für die angestrebte CO2-Reduzierung, werde aber meist nur auf Handwerker-Ebene gemacht statt auf einem Energiemanagement-Level mit einem ganzheitlichen Ansatz. Überwiegend den Neubauten ist es zu verdanken, dass der Energieverbrauch in Gebäuden immer weiter runter gegangen ist über die Jahre: „Da sind wir Weltmeister! Wir machen die Dinge immer effizienter, wir müssen jetzt aber auch sehen, dass wir auch Bestandsimmobilien rezirkulierbar** machen“, so der Immobilien-Experte. Es tut sich allerdings noch ein weiteres Problem auf, wenn man an Immobilien im Bestand geht: Es wurden früher massiv Schadstoffe verbaut wie Asbest, Mineralfaser oder PCB, um hier nur ein paar Beispiele zu nennen. Die gilt es zu identifizieren, auszubauen und fachgerecht zu entsorgen: Vollständig, wenn das Gebäude abgerissen soll, oder – bei einer Sanierung – alles, was nicht verkapselt ist (und damit keine Gefahr für Gebäude-Nutzer darstellt).

 

Das Dreischeibenhaus in Düsseldorf wurde 1957 bis 1960 erbaut und in den Jahren 2012/2013 grundlegend saniert und revitalisiert. Foto: Petra Grünendahl.

Viel Energie ist in bestehenden Gebäuden gebunden: In Form von Material und dem Aufwand des Baus. Dieses Gebäude weiter zu nutzen, ist nachhaltiger als Abriss und Neubau. „Dazu muss man sich aber auch anschauen: Ist die Marktpositionierung noch richtig? Ist die Immobilie unter Marktgesichtspunkten überhaupt sanierungsfähig?“, brachte der Revitalisierungs-Fachmann weitere Aspekte ins Spiel. Was damals mit niedrigen Geschosshöhen gebaut wurde, entspreche heute nicht mehr dem Standard, wo lichte Höhen gefragt sind. „Da beraten wir: Wie sind die Sanierungspotenziale? Mit welchen Budgets können wir arbeiten? Lohnt sich das überhaupt?“ Denn außer Gebäudeschadstoffen wird auch Brandschutz bei einer Sanierung zum Thema. Da müsse man überlegen: Was kann man da überhaupt noch verwerten. Oft würden solche Gebäude bis auf dem Kern zurück gebaut und wieder neu aufgebaut, erzählte Kamping. Wichtig sei auch, Architekten für die Gebäude-Gestaltung mit einzubinden: „Da werden aus der alten Grundsubstanz dann ganz neue Bauten.“

 

Bausubstanz aus den 1950er-, 1960er- oder 1970er-Jahren. Foto: Petra Grünendahl.

In vielen Fällen seien Gebäude-Nutzer die treibende Kraft für eine Sanierung: „Es zieht, die Fassade ist klapprig, die Klimaanlage funktioniert nicht mehr richtig, es fehlen Digitalisierungsmöglichkeiten“, zählte der Immobilien-Planer auf. Das mindere die Attraktivität einer Immobilie und mache Investitionen für den Eigentümer interessant.

Günstig und langlebig, aber nicht nachhaltig: Fassadenplatten aus Asbestzement. Foto: Petra Grünendahl.

„Bei Machbarkeitsstudien stellen wir dann auch fest, welche Instandhaltungsstaus dort ohnehin bestehen. Wir beraten da nicht nur Einzeleigentümer, sondern auch institutionelle Anleger, die ganze Portfolios haben, wie man am besten sanieren kann.“ Und: „Manchmal bezieht man auch die Mieter in die Revitalisierungsstrategie ein: Wir vereinbaren neuen Mietpreis, setzen aber dafür auch Sonderwünsche um.“ Vor allem eines sollten Immobilieneigentümer beachten, so Kamping: „Der Anspruch an revitalisierte Immobilien ist nicht geringer als an Neubauten. Wer da zu kurz springt, nur eine ‚Revitalisierung light’ macht, hat hinterher kein wettbewerbsfähiges Produkt gegenüber einem Neubau.“

 
Cradle to Cradle (C2C)*** macht Investition nachhaltig

Bausubstanz aus den 1950er-, 1960er- oder 1970er-Jahren. Foto: Petra Grünendahl.

Großes Thema beim „Cradle to Cradle“-Designprinzip ist die Nachhaltigkeit der bereits investierten Energie beim Bau: Beton ist in der Herstellung unheimlich energieintensiv, so dass es ein großer Gewinn ist, wenn der entkernte Rohbau eines Objektes stehen bleibt. „Und auf die Gestaltung solcher Revitalisierungsobjekte haben sich mittlerweile auch gute Architekten spezialisiert“, betonte Frank Kamping. „Uns als Drees & Sommer treibt der Gedanke einer ‚blue City’, die sich ökologisch und ökonomisch rechnet: Innovation mit bestmöglicher Rendite.“ Eine Revitalisierung könne ganze Stadtquartiere nachhaltig aufwerten.

Hier geht es zu unserem Artikel „Drees & Sommer: Nachhaltiges und innovatives Bauen – Wenn Gebäude Rohstsoff-Depots und recycling-fähig werden“.

 

 
Drees & Sommer
Drees & Sommer mit Hauptsitz in Stuttgart ist ein international tätiges Unternehmen für Beratung, Planung und Projektmanagement im Bau- und Immobiliensektor. Das Unternehmen mit rund 4.000 Mitarbeitern an 46 Standorten weltweit wurde 1970 gegründet. Seit Anfang der 1980er-Jahre organisiert sich Drees & Sommer im Partnermodell mit eigenen Gesellschaften an den Standorten und für Schwerpunktbereiche bzw. Expertenteams. Die Partnergesellschaften agieren als Tochtergesellschaften unter der Holding Drees & Sommer SE (Societas Europaea), einer partnergeführten Europäischen Aktiengesellschaft. Anteilseigner der SE sind aktive und ehemalige Führungskräfte. Das macht die Drees & Sommer-Gruppe unabhängig von Dritten wie (externen) Investoren. Im Jahr 2019 generierte das Unternehmen einen Konzernumsatz von über 500 Mio. Euro mit unterschiedlichsten Dienstleistungen für 4.250 Bauprojekte weltweit. Kunden sind private und öffentliche Bauherren sowie Investoren.

 
Fünf der Standorte mit rund 300 Mitarbeitern befinden sich in Nordrhein-Westfalen: Köln, Aachen, Düsseldorf, Dortmund und Münster. „Düsseldorf hat sich aus Köln heraus entwickelt“, so Kamping, seit 2015 Geschäftsführer der Generalfachplanung in Köln / Düsseldorf, „aber wir haben festgestellt: Das sind ganz unterschiedliche Märkte: Das Büro-Segment ist in Düsseldorf viel größer, auch der Anteil der Developer ist höher als in Köln.“ Aachen lebe von der Nähe zur RWTH, erklärte Kamping. Dortmund entstand aus dem Verbund zum Ruhrgebiet und Münster ist Universitätsstadt. Der Schwerpunkt für Planung liege aber immer noch in Köln, von wo aus er mit seinem Team das RAG-Gebäude betreut habe, erzählte der Geschäftsführer. Beraten und managen sei von allen Standorten möglich. „Wir haben mittlerweile in Düsseldorf eine eigene Planungsabteilung, denn für das integrierte Planen – wir nennen es „integrated Design“ – brauchen wir spezielle Teams.“ Das bedeute dann eine Planungsmannschaft ab 25, 30 Leuten an dem jeweiligen Standort.

 
„NRW ist ein großer Standort mit Tradition. Wir sind homogen von den Gesamtstrukturen, verfügen über eine breite Kundenlandschaft von universitärer Lehre und Bildung über Immobilienbesitzer und -gesellschaften (Property Companies), Investoren oder die öffentliche Hand bis hin zum Wohnungsbau.“ Und er hob hervor: Hier – in NRW und im Ruhrgebiet – gebe es Transformationsprozesse in der Energiebranche (RWE, Eon, Inogy), die „wir begleiten möchten.“ Dazu zähle auch im Ruhrgebiet der Strukturwandel wie bei der Zeche Zollverein in Essen oder beim Phoenixsee in Dortmund: „Auch das Projekt Phoenixsee haben wir mit Entwicklungsmanagement und Infrastrukturplanung begleitet. Das ist schon ein Aushängeschild in der Größenordnung.“
www.dreso.com

*) Versottung von Mauerwerk = Durchdringung mit Wasser, Teer und Säuren.
**) rezirkulierbar = recycling-fähig, Kreislaufwirtschaft.
***) Cradle to Cradle (C2C) = engl. „von Wiege zu Wiege“, sinngemäß „vom Ursprung zum Ursprung“, ein Ansatz zur konsequenten Kreislaufwirtschaft.

Hier geht es zu unserem Artikel „Drees & Sommer: Nachhaltiges und innovatives Bauen – Wenn Gebäude Rohstsoff-Depots und recycling-fähig werden“.

 
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Fotos: Petra Grünendahl

 

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Ratssitzung in Duisburg: Matthias Börger zum neuen Beigeordneter gewählt

Duisburg wird “sicherer Hafen”
Von Petra Grünendahl

Der Stadtrat wählte einstimmig: Oberbürgermeister Sören Link gratulierte dem neuen Beigeordneten Matthias Börger. Foto: Petra Grünendahl.

Zwar stand die Wahl eines neuen Beigeordneten für das Dezernat VI erst auf TOP 91 im Nachtrag zur Ratssitzung, aber tradtionell werden solche Punkte natürlich in des Stadtrates konnte sich dann Matthias Börger auf seinen Amtsantritt am 1. Mai freuen. Für acht Jahre gewählt übernimmt er das Dezernat VI mit den Bereichen Umwelt und Klimaschutz, Gesundheit, Verbraucherschutz und Kultur. Der bisherige Beigeordnete Dr. Ralf Krumpholz wurde hier in seiner letzten Sitzung von Oberbürgermeister Sören Link verabschiedet.

 

Sitzung es Rates der Stadt Duisburg in der Mercatorhalle. Foto: Uwe Köppen / Stadt Duisburg.

Zur zweiten Sitzung in diesem Jahr traf sich der Rat der Stadt Duisburg in der Mercatorhalle. Die Tagesordnung war zwar über 100 Punkten lang, wurde aber ohne große Diskussionen abgearbeitet. Beschlüsse zu Vorlagen der Verwaltung waren zumeist einstimmig, teils auch mit überwältigender Mehrheit. Anträge bekamen klare Mehrheiten oder eben auch klare Ablehnung. Anfragen werden aktuell erst im Nachgang fürs Protokoll beantwortet, um die Ratssitzung in Corona-Zeiten nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Abgesegnet wurde unter anderem die Bewerbung für das Modellprojekt Smart Cities, die Planfeststellung für die Deponie Lohmannsheide, die die Umgehung Hamborn/Walsum sowie der Flächennutzungsplan Süd mit dem Bebauungsplan Rahmerbuschfeld. Ebenso beschloss der Rat auf gemeinsamen Antrag von SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke, die Duisburg zum „Sicheren Hafen“ für Geflüchtete zu machen.

 

 
Und dann war da noch: ein dotierter Sitz im Aufsichtsrat

Sitzung es Rates der Stadt Duisburg in der Mercatorhalle. Foto: Uwe Köppen / Stadt Duisburg.

Verzögerungen gab es zur Tagesordnung an sich und bei der Wahl des Aufsichtsrates für die Netze Duisburg GmbH. Diese Aufsichtsratsposten sind wohl gut dotiert im Gegensatz zu anderen politischen Gremien, denn die AfD beantragte hier eine (sehr aufwändige) geheime Abstimmung, die den Sitzungsverlauf massiv verzögerte. Ziel war, Stimmen für ihre Kandidaten von nicht öffentlich bekannten Unterstützern zu bekommen. Diese Strategie hatte die Fraktion ja bereits in der vorletzten Sitzung im Dezember erfolgreich angewandt.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (1), Uwe Köppen (2)

 

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Lesetipp: Zugänge zum Eisen – Die Geschichte des Landschaftsparks Duisburg-Nord

Heute ein Besuchermagnet: Das ehemalige Meidericher Hüttenwerk zum Anfassen
Von Petra Grünendahl

Hochofenkulisse im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Schon 1758 wurde in der St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld (heute LVR Industriemuseum) Roheisen gewonnen. Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nachdem Koks die Holzkohle bei Roheisengewinnung ersetzte, konnte sich das Ruhrgebiet als Standort für die Eisenhüttenindustrie etablieren: In der Nähe von Steinkohlebergwerken entstanden Hütten- und Stahlwerke. Nach Errichtung eines integrierten Hüttenwerks in Bruckhausen in den 1890er-Jahren plante August Thyssen ein zweites Hochofenwerk, welches er ab 1901 in Meiderich bauen ließ. Es sollte seine Stahlwerke in Bruckhausen und Mülheim beliefern. 1912 ging der letzte der fünf in Reihe stehenden Hochöfen in Betrieb.

Hochofenkulisse im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Der Fokus auf spezielle Eisensorten gab der Hütte den Beinamen „Apotheke des Ruhrgebiets“. 1985 schloss Thyssen das Hüttenwerk, um Überkapazitäten vom Markt zu nehmen. Und mit der Schließung der Hütte stellte sich die Frage: Was tun mit rostenden Stahlgiganten, Betonbunkern und einer 200 Hektar großen belasteten Industriebrache? Interessierte Bürger kämpften gegen eine Demontage und für eine Nachnutzung. Sie wollten die Identität stiftende Wirkung dieser Wahrzeichen der Industrialisierung in der Region erhalten – und kämpfen gegen den Willen vieler Lokalpolitiker schließlich erfolgreich für den Erhalt. Ihnen kam dabei zugute, dass auch die nordrhein-westfälische Landesregierung einen Ansatz zum Strukturwandel suchte, der ab 1988 geplant und umgesetzt wurde. Der Umbau zum Landschaftspark um das Industriedenkmal konnte beginnen. Seit 2000 stehen die meisten Anlagen des Hüttenwerks unter Denkmalschutz. Es ist heute Teil der Route der Industriekultur sowie der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH).

 

Zugänge zum Eisen. Titelbild: Klartext Verlag.

Mit der Geschichte des Meidericher Hüttenwerkes bis zum Landschaftspark Duisburg-Nord, so der Untertitel, beschäftigt sich das Buch „Zugänge zum Eisen“. Das Werk vermittelt in Texten, Fotos und Grafik die geschichtlichen und fachlichen Hintergründe des Hüttenwerks und des heutigen Landschaftsparks Duisburg-Nord, der nach dem Kölner Dom die meistbesuchte Touristen-Attraktion in NRW ist. Im nahezu komplett erhaltenen Hüttenwerk mit drei Hochöfen und technischen wie baulichen Nebenanlagen lässt sich auch heute noch der Weg vom Erz zum Roheisen und die Produktionsabläufe der montanindustriellen Großanlage nachvollziehen. Die Publikation baut eine „Brücke der Orientierung“ von der industriellen Vergangenheit des Werkes zur Neunutzung der Werksanlagen. Dabei konnte das Redaktionsteam rund um Autor Michael Clarke auf historische Fotos vom thyssenkrupp Konzernarchiv sowie Funktionsskizzen zurückgreifen, die Produktionsprozesse veranschaulichen.

 

 
Vom Industrieraum zum Freizeitareal

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Das Buch „Zugänge zum Eisen“ ist thematisch in zwei große Abschnitte gegliedert. Sehr detailliert ist die Aufarbeitung der Geschichte des Hüttenwerks auch im historischen Kontext seiner Zeit und der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen. Das reicht von der Entstehung des Ruhrgebiets im 19. Jahrhundert, der Industrialisierung Duisburgs und dem Unternehmen von August Thyssen über die Weltkriege bis zur ersten großen Stahlkrise, die das Ende des Werks bedeutete. Autor Michael Clarke zeichnet die Entwicklung des Hüttenwerks nach bis zur Stilllegung und zur Diskussion einer Nachnutzung der Flächen.

 

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Im zweiten Teil beschreibt er die technischen und baulichen Anlagen des Hüttenwerks und ihre Funktionen, die Prozesse der Roheisengewinnung sowie Zeche und Kokerei Friedrich Thyssen 4/8, die das Hüttenwerk mit Koks versorgten. Viele dieser Anlagen des Hüttenwerks sind im Landschaftspark Duisburg-Nord noch erhalten, benachbarte Zeche und Kokerei (Friedrich Thyssen 4/8) sind jedoch längst abgerissen. Detailliert beschreibt Clarke auch die Um- und Nachnutzung der Anlage heute.

 

Masselgießanlage des Hüttenwerks im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Mit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) wurde das Meidericher Hüttenwerk 1990 bis 1999 zum Zentrum dieses industriekulturellen Großprojektes und hauchte der Industriebrache neues Leben ein. 1994 wurde erste Bereiche des heutigen Landschaftsparks der Öffentlichkeit übergeben. Projektträger war in den ersten Jahren im Rahmen der IBA Emscher Park die Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen (LEG) im Auftrag der Stadt Duisburg. 1997 wurde dann mit der Landschaftspark Duisburg-Nord GmbH eine stadteigene Gesellschaft gegründet, die fortan die Geschicke des Parks lenkte.

Masselgießanlage des Hüttenwerks im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Noch heute wird der Landschaftspark von einer städtischen Betriebsgesellschaft (Duisburg Kontor Hallenmanagement GmbH) gemanagt. Neben Raum für Erholung und verschiedene Freizeitaktivitäten gibt es hier auch immer wieder unterschiedlichste Kulturveranstaltungen und Events. Das Parkgelände ist täglich und rund um die Uhr geöffnet und zu jeder Jahreszeit wirklich sehenswert. Der Eintritt zum Areal ist kostenfrei, der Zugang zu Veranstaltungen nicht unbedingt. Wegen Corona sollten Besucher des Landschaftsparks aber zurzeit die AHA-Regel beachten: Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen.

 

 
 
Buch und Verlag

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Das 144-seitige Buch „Zugänge zum Eisen“ der Duisburg Kontor Hallenmanagement GmbH (Herausgeber) ist im Essener Klartext Verlag erschienen. Das bebilderte Taschenbuch im Format 14 x 21 cm ist für 14,95 Euro im Besucherzentrum des Landschaftsparks Nord, der Tourist Information Duisburg auf der Königstraße sowie im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-8375-2136-8). Verständliche Texte und Grafiken erleichtern auch Einsteigern in die Materie das Verständnis für Prozesse und Zusammenhänge. Gerade bei der Beschreibung der einzelnen Standorte und Anlagen würde man sich vielleicht als Ortsunkundiger mehr Fotos wünschen, um die beschriebenen Gebäude besser einordnen zu können. Eine Karte im Anhang gibt einen geografischen Überblick über Park und Anlagen. Den Plan gibt es online zum Download, man bekommt ihn aber auch als Flyer im Besucherzentrum im ehemaligen Hauptschalthaus. Weitere Informationen rund um den Landschaftspark – auch zu Führungen – gibt es unter www.landschaftspark.de.

 

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Der Klartext Verlag wurde 1983 gegründet, seit 2007 ist er Teil der Funke Mediengruppe. Seine Heimat liegt im Ruhrgebiet, wo auch der überwiegende Teil seiner Publikationen angesiedelt ist: Freizeitführer, Sachbücher, Kalender und Bildbände. Mit der „Von oben“-Reihe kann man Städte nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in ganz Deutschland aus der Vogelperspektive bewundern. Und mit der Klugscheißer-Reihe (siehe hier: Duisburg für Klugscheißer) lernt der Leser Neues zu verschiedenen Orten, Themen und Fußballvereinen – unterhaltsam und fundiert, denn, so der Verlag: „wir machen Bücher mit Qualität und gerne auch mal einem Augenzwinkern.“
www.klartext-verlag.de

 

Karte mit Infografik: Landschaftspark Duisburg-Nord.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (8), thyssenkrupp Konzernarchiv, Duisburg (historische Fotos), Karte mit Infografik: Landschaftspark Duisburg-Nord, Titelbild und Infografiken: Klartext Verlag

 

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GEBAG präsentiert Siegerentwurf „Am Alten Güterbahnhof“ in Duisburg

Die Stadt von Morgen:
Duisburgs neue Visitenkarte

Von Petra Grünendahl

Am Alten Güterbahnhof. Visualisierung: CKSA.

„Wohnen, Arbeiten und Leben werden sich verändern. Die Stadt von Morgen wird ganz anders aussehen als heute“, brachte GEBAG-Geschäftsführer Bernd Wortmeyer das Ergebnis des Wettbewerbs auf den Punkt. Der Entwurf von den „Duisburger Dünen“ war in der Bürgerbeteiligung bei den Duisburgern am besten angekommen. Der Entwurf für das schmale, lang gezogene Gelände des alten Güterbahnhofs in der Duisburger Innenstadt stellte die Planer mit seinem Zuschnitt vor Herausforderungen. Mit einer Gewerbebebauung entlang der Bahngleise, daneben ebenfalls in Nord-Süd-Ausrichtung ein Zug von Wohnbebauung, dem sich schließlich eine breit angelegte Parkanlage als Lärmdämmung zur Autobahn hin anschließt, deren strukturierte Oberfläche mit dünen-ähnlichen Erhebungen dem Projekt seinen Arbeitstitel gab. Ein See in der Parkanlage vermittelt Aufenthaltsqualität. Der Entwurf des Teams von CKSA Christoph Kohl Stadtplaner Architekten und fugmann-janotta und Partner mbH (beide Berlin) kam nicht nur bei Duisburgern gut an, sondern gewann auch mit Abstand das einstimmige Votum einer neunköpfigen Fach-Jury.

 

Am Alten Güterbahnhof. Foto: Screenshot.

Insgesamt sieben Teams aus Architektur und Landschaftsplanung hatten im Rahmen der zweiten Wettbewerbsphase ihre Konzepte überarbeitet. Den Siegerentwurf und das weitere Verfahren stellten in einem digitalen Pressegespräch Bernd Wortmeyer, Oberbürgermeister Sören Link und Planungsdezernent Martin Linne vor: Zusammen mit Jörg Faltin (Faltin + Sattler, Düsseldorf, zuständig für die Durchführung und Moderation des Wettbewerbsverfahrens)

Verkehrsanbindung Am Alten Güterbahnhof. Skizze: CKSA.

und dem Juryvorsitzenden Prof. Johannes Ringel sowie Prof. Christoph Kohl (CKSA) und Harald Fugmann (fugmann-janotta) als Vertreter des siegreichen Teams. „Das wird eine neue Visitenkarten für die Stadt“, freute sich Sören Link. An der Zufahrt zur Innenstadt soll sie ein positives Bild vermitteln und das Image der Stadt fördern. Prof. Johannes Ringel erläuterte die Entscheidung der Jury: „Der Entwurf überzeugt durch seine charismatische Idee, einen großzügigen Park bis zur Innenstadt zu führen. Der Entwurfsidee gelingt es, die notwendigen Vernetzungen im Stadtgefüge zu leisten und bietet im Vergleich zu anderen Entwicklungsgebieten ein Alleinstellungsmerkmal für die Stadt Duisburg.“ Er freute sich, dass die Meinung der Bürger mit denen der Jury übereinstimmte, was bei solchen Wettbewerben nicht unbedingt die Regel ist.

 

 
Wohnen, Arbeiten und Leben: Neues Quartier soll Raum für alle Generationen bieten

Lageplan Am Alten Güterbahnhof. Skizze: CKSA.

„Hier entsteht eine neues Stück Duisburg, maßgeschneidert und ideal für die Zukunft aufgestellt“, lobte Bernd Wortmeyer den Entwurf. Die GEBAG als Eigentümer hat hier die Zügel in der Hand. Sie will das Areal möglichst kleinteilig vermarkten. Investoren können sich hier mit ihren Entwürfen um einzelne Projekte bewerben. „Wir hoffen auf viele Architekten, die hier mitbauen“, sagte Christoph Kohl, dessen stadtplanerischer Entwurf erst dadurch zum Leben erweckt wird.

Die Loveparade-Gedenkstätte am Alten Güterbahnhof. Skizze: CKSA.

„Was wir heute bauen, muss beständig sein und darf keiner Wirtschaftlichkeit geopfert werden“, wünschte er sich. Ein besonderes Anliegen war ihm die Loveparade-Gedenkstätte: Sie soll seitlich wieder geöffnet werden – möglicherweise sogar auf die ursprüngliche Breite –, um sich zum Gelände hin zu öffnen, damit man sie in die Gestaltung mit einbeziehen kann. Auch die Unterführung Karl-Lehr-Straße wird – soweit möglich – frei gelegt und an das Quartier angebunden und integriert.

 

Am Alten Güterbahnhof. Modellfoto: photoprop.

„Der ausgewählte Siegerentwurf bildet nun die Grundlage für die weiteren Planungen für den städtebaulichen Rahmenplan. Das Bauleitplanverfahren soll im Herbst nach dem entsprechenden Aufstellungsbeschluss starten“, erklärte Martin Linne das weitere Vorgehen. „Bis dahin ist noch alles veränderbar. Aber die Kernelemente dieses Siegerentwurfs sollen nicht in Frage gestellt werden.“ Die GEBAG rechnet aktuell damit, dass der Bebauungsplan im Jahr 2023 Rechtskraft erlangen wird und ab 2024 gebaut werden kann. Martin Linne avisiert rund 1.000 Wohneinheiten sowie Gewerbeeinheiten für 8.000 bis 10.000 Arbeitsplätze. Das sei aber flexibel, so der Planungsdezernent. Das Projekt wird voraussichtlich im Jahr 2032 abgeschlossen sein.

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GEBAG
Die Duisburger Gemeinnützige Baugesellschaft AG (GEBAG) wurde 1872 gegründet und zählt zu den ältesten Baugesellschaften Deutschlands. Seit 2012 ist die heutige GEBAG Duisburger Baugesellschaft mbH mit aktuell über 12.300 Wohnungen das größte Immobilienunternehmen der Stadt. Sie bietet rund 35.000 Duisburgern ein Zuhause: Bezahlbar und in einer guten, zeitgemäßen Qualität. Die GEBAG ist das kommunale Immobilienunternehmen der Stadt Duisburg und beschäftigt rund 190 Mitarbeiter. Seit mehr als 140 Jahren prägt sie die Gestaltung und Entwicklung der Stadt Duisburg maßgeblich mit. www.gebag.de

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Screenshots (3), Skizzen: CKSA (4), Modellfotos: photoprop (2)

 

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IHK-Handelsforum Ruhr: Innenstädte unter Druck

Ein Jahr nach dem ersten Lockdown sind neue Konzepte gefragt
Von Petra Grünendahl

Boris Hedde (l.) und Dr. Fritz Jaeckel begrüßten zum IHK-Handelsforum Ruhr. Foto: Screenshot.

Nicht erst seit Corona stehen die Innenstädte im Ruhrgebiet unter Druck. Corona und der Lockdown beschleunigen jedoch die Abwärtspirale, die mehr Käufer in den Online-Handel abwandern lässt, der nicht nur corona-konform, sondern auch 24/7 zur Verfügung steht. Händler und Dienstleister sehen sich seit dem ersten Lockdown vor einem Jahr vor großen Problemen: Vor allem inhabergeführte Geschäfte und kleine Selbstständige leiden und können fehlende Einnahmen nicht auffangen. „Die Menschen sind verzweifelt, weil sie ihre Rücklagen angreifen müssen, um zu überleben“, berichtete Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen mit Sitz in Münster / Gelsenkirchen. Wenn die Wirtschaft wieder öffnen darf, wird sich zeigen, welche Geschäfte wieder öffnen: Nicht jeder wird einen Neubeginn schaffen, was unvermeidlich zu einer Insolvenzwelle führen dürfte. Das erhöht die ohnehin vorhandene Zahl der Leerstände, für die Konzepte gefunden werden müssen, um Innenstädte als Verweil- und Erlebnisräume für Menschen wieder attraktiv zu machen. Denn dass sich die Leute nach einem Ende des Lockdowns und eine Rückkehr zu so etwas wie Normalität sehnen, steht außer Frage.

 

Diplom-Kaufmann Jörg Lehnerdt (r.) präsentierte die Ergebnisse des Handelsreports 2021. Foto: Screenshot.

Was nicht auf den ersten Blick im Stadtbild zu sehen ist, zeigt der neue IHK-Handelsreport Ruhr. Der Report, den die sechs Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets alle zwei Jahre erstellen, lieferte reichlich Stoff für eine Diskussion über die Zukunft der Innenstädte, die über 120 Handelsexperten und Stadtplaner beim IHK-Handelsforum Ruhr online führten. „Die Corona-Pandemie hat den Handlungsdruck extrem erhöht“, unterstrich Fritz Jaeckel. Der bereits seit einigen Jahren laufende Prozess von Strukturveränderungen im Handel, der sich an leerstehenden oder anderweitig genutzten Ladenlokalen ablesen lasse, sei durch die Pandemie enorm beschleunigt worden. „Auf die Innenstädte im Ruhrgebiet kommen tiefgreifende Veränderungen zu, die wir nicht einfach laufen lassen können, sondern gemeinsam positiv gestalten müssen“, forderte Jaeckel. Dipl.-Kaufmann Jörg Lehnerdt von der BBE Handelsberatung GmbH (Köln), der die Ergebnisse des IHK-Handelsreports Ruhr präsentierte, unterstützte Jaeckel: „Noch prägen die großen Fashion-Anbieter die Innenstädte und Shoppingcenter des Ruhrgebiets, allerdings hat der Rückzug aus der Fläche als Folge des boomenden Onlinehandels bereits begonnen. Corona wird diesen Trend beschleunigen.“ Als Frequenzbringer für Innenstädte und Ortszentren sind demnach dringend neue Konzepte gefragt.

 

 
Trends und strategische Entwicklungsperspektiven

Podiumsdiskussion online (v. o. l.): Moderator Boris Hedde, Dr. Jan Heinisch, Ariane Breuer und David Schraven. Foto: Screenshot.

Traditionsgemäß stand eine „Podiumsdiskussion“ im Mittelpunkt der Veranstaltung, bei der Experten Ideen und Perspektiven aus unterschiedlicher Sichtweise darstellten. Die nötige Vielfalt der Perspektiven brachten Dr. Jan Heinisch, Staatssekretär im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW, Ariane Breuer, Initiatorin „Die Stadtretter“ und Geschäftsführerin von „Clever expandieren“, sowie David Schraven, Mitbegründer der Marktviertel-Initiative in Bottrop, auf das Podium.

 
„Der Lockdown bedroht zunächst Handel und Dienstleistungen im Stadtzentrum, dann die Vitalität der Innenstädte insgesamt“, warnte Jan Heinisch vor den weitergehenden Konsequenzen der Entwicklung. Die Experten waren sich deshalb einig, dass die Innenstädte und Ortszentren der Zukunft multifunktional aufgestellt sein müssten. „Stadt ist nicht nur Handel: Stadt ist Leben, also auch Wohnen, Gastronomie, Kultur und Mobilität. Eine Stadt müsse als Erlebnisort konzipiert werden, als Begegnungsstätte und Raum der Kommunikation. Da, wo sich der Einzelhandel aus den Innenstädten zurückziehe, müssten andere Nutzungen rein, betonte Jörg Lehnerdt. Dafür müssten aber auch Immobilienbesitzer mitziehen, die bislang wegen höherer Mieterträge lieber an den Handel vermieteten.

 
„Die Menschen müssen wieder gerne in die Stadt kommen und dort verweilen“, sagte Ariane Breuer, Sprecherin der „Stadtretter“-Initiative. Und das auch an Sonntagen, wenn der Handel nicht offen habe, ergänzte Jan Heinisch. David Schraven, Mitbegründer der Marktviertel-Initiative aus Bottrop, ist überzeugt davon, dass die Zukunft der Zentren von Kunden und ihrem Engagement vor Ort abhängt. „Wir brauchen mehr davon in den Innenstädten.“ Er appelliert, den Fokus verstärkt auf die Unterstützung für lokale Marketingmaßnahmen zu richten, die Publikum anlocken. Aktuelle Förderprogramme der Landesregierung wie das Sofortprogramm zur Stärkung unserer Innenstädte und Zentren in Nordrhein-Westfalen gingen dabei schon in die richtige Richtung.

 

 
Initiativen und Konzepte müssen Kunden mitnehmen

Abschließende Umfrage unter den Teilnehmern des IHK-Handelsforums Ruhr. Foto: Screenshot.

„Ad hoc-Hilfen sollen besonders betroffene Kommunen entlasten, während neue Investitionsspielräume ebenso wie gemeinsam mit Kommunen, Händlern und Stadtplanern entwickelte Zukunftskonzepte vitale, digitale und kreative Perspektiven schaffen“, so Dr. Jan Heinisch über geplante Unterstützungsmaßnahmen. Er wies darauf hin, dass noch Fördergelder in Höhe von 30 Millionen Euro aus dem Sofortprogramm Innenstadt zur Verfügung stehen. Kommunen könnten noch bis Ende April Anträge stellen. Zukünftig wird es nach Ansicht der Experten unerlässlich sein, Förderprogramme zu verstetigen und alle Beteiligten mit in den Stadtentwicklungsprozess einzubeziehen. „Niemand schafft es allein, unsere Innenstädte und den Einzelhandel wiederzubeleben“, betonte Ariane Breuer.

 
IHK-Hauptgeschäftsführer Jaeckel resümierte: „Nur durch eine enge Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung, Standortgemeinschaften und Unternehmen sowie von Eigentümern und lokaler Immobilienwirtschaft wird es gelingen, attraktive und zukunftsfähige Innenstädte und Ortszentren zu erhalten oder wiederherzustellen.“ All diese Akteure gelte es nun jeweils vor Ort an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam neue Ideen für die Innenstadt von morgen zu entwickeln und umzusetzen. Dabei dürften auch die Verbraucher nicht vergessen werden: „Den Menschen vor Ort muss noch stärker bewusst gemacht werden, dass sie mit ihrem Einkaufsverhalten direkten Einfluss darauf haben, wie ihre Innenstadt oder ihr Ortszentrum in Zukunft aussieht“, betonte der Hauptgeschäftsführer der derzeit federführenden Ruhr-IHK Nord Westfalen. Jede Stadt müsse Konzepte für ihre eigenen Stärken entwickeln und umsetzen, so Ariane Breuer. „Die Initiative Stadtretter hat großen Zuspruch, bislang sind 650 Kommunen dabei, die voneinander lernen und sich miteinander austauschen.“ Die Maßnahme für alle Städte gebe es nicht. Was macht uns aus und wo wollen wir hin? Die Frage nach ihrer eigenen Identität und Alleinstellung müsse letztendlich jede Kommune für sich beantworten.

 
Den Handlungsdruck verdeutlichte auch das Ergebnis der abschließenden Umfrage unter den Teilnehmern der Veranstaltung. 77 Prozent der Teilnehmer „machen sich Sorgen“, wenn sie an die Zukunft ihrer Innenstadt denken, nur 15 Prozent sagen, dass sie „gut aufgestellt“ ist.

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IHK-Handelsreport Ruhr
Der IHK-Handelsreport Ruhr und eine Aufzeichnung des IHK-Handelsforums Ruhr wird im Internet veröffentlicht unter www.ihkhandelsreport.ruhr.

Vor zwei Jahren war die Niederrheinische IHK in Duisburg Gastgeber im Lehmbruck Museum: In der Rückschau von heute durchaus mit beachtenswerten Inhalten.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)

 

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„Internationale Wochen gegen Rassismus“ in Duisburg vom 15. bis 28. März

Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung setzen
Von Petra Grünendahl

Lesung von Alice Hasters im Programm der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Foto: Screenshot.

„Eigentlich wollten wir ja schon im vergangenen Jahr dabei sein, aber dann kam uns Corona dazwischen“, erzählte Marijo Terzic, Leiter des Kommunalen Integrationszentrums der Stadt Duisburg. „Dieses Mal wollten wir es uns nicht nehmen lassen, obwohl lange nicht klar war, ob wir die Veranstaltungen real oder nur digital machen können“, erklärte Benjamin Wilde. Jetzt wird die hybrid: Ein paar Veranstaltungen mit Präsenz soll es corona-konform geben, alle Veranstaltungen alle werden auf der Webseite http://www.iwgrdu.de abgebildet und können dort – teilweise auch interaktiv – begleitet werden. Ein großer Aktionstag in der Innenstadt, der eigentlich hätte Bestandteil sein sollen, muss aber zum Bedauern der Organisatoren vom Kommunalen Integrationszentrum entfallen. Dafür ist es aber gelungen, viele Organisationen und Institutionen als Anbieter eines vielfältigen Programms zu gewinnen, welches, so Britta Söntgerath, „bundesweit einzigartig umfassend ist.“ Und noch immer melden sich Akteure, die mitmachen wollen. Mit dabei sind unter dem Motto „DU gegen Rassismus und Diskriminierung“ zum Beispiel der Stadtsportbund Duisburg, der Jugendring Duisburg, der DGB Niederrhein, Aufstehen gegen Rassismus, der Flüchtlingsrat Duisburg, aric NRW, Amnesty International, die Seebrücke Duisburg, das Deutsche Rote Kreuz, Heroes Duisburg (Jungs e. V.), die Polizei Duisburg und viele mehr.

 

Die Pressekonferenz zu den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ fand online statt. Von links: oben Marijo Terzic und Julia Rombeck, unten Britta Söntgerath und Benjamin WIlde. Foto: Screenshot.

Duisburg beteiligt sich in diesem Jahr erstmals an den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ (IWgR), die schon seit 26 Jahren – getragen von der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus und dem Arbeitskreis ECCAR (European Coalition of cities against racism), dem Duisburg seit Ende 2016 angehört, – immer im März stattfinden. Das Format und die geplanten Veranstaltungen stellte Marijo Terzic zusammen mit Julia Rombeck und Benjamin Wilde vom Kommunalen Integrationszentrum sowie Britta Söntgerath vom Flüchtlingsrat vor. Die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ (IWgR) finden in diesem Jahr in der Zeit vom 15. bis 28. März unter dem Motto „Solidarität.Grenzenlos“ statt. Dem Aufruf zur Beteiligung gegen Rassismus und Diskriminierung sind bereits über 35 Duisburger Organisationen und Akteure gefolgt, hinter denen viele weitere Mitwirkende stehen. Als Highlight wird ein Aktionstag am Samstag, 27. März, von 13 bis 18 Uhr als digitale Messe gestaltet.

 

 
Vielfältige Akteure bieten einmaliges Programm

Flyer zu den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“.

„Wir wären natürlich viel lieber am großen Aktionstag in der Innenstadt auch auf Passanten zugegangen und mit ihnen ins Gespräch gekommen“, erzählte Julia Rombeck. Denn: „Mit dem reinen Veranstaltungsprogramm erreicht man ja eher die Leute, die sich ohnehin schon mit der Thematik Rassismus und Diskriminierung auseinander setzen.“ Allerdings hofft man durchaus, mit einer groß angelegten Öffentlichkeitskampagne auch in den sozialen Medien doch mehr Leute über diesen Kreis hinaus zu erreichen.

 
Mit Veranstaltungen, Lesungen und Berichten aus der Arbeit der unterschiedlichsten Organisationen, Diskussionen in (angemeldeten) Gruppen (u. a. mit der Polizei Duisburg), Videos, Konzerten und künstlerischen Veranstaltungen zum Teil auch mit Diskussionsmöglichkeiten will man mit Menschen ins Gespräch kommen, auch wenn es weitestgehend nur digital geht: Über Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung auf individueller, institutioneller, struktureller und diskursiver Ebene. Am 27. März soll ein Aktionstag als digitale Konferenz zwischen 13 und 18 Uhr ein Forum zum Mitmachen und Mitdiskutieren bieten.

 
Der Programmflyer listet schon eine ganze Reihe an Veranstaltungen, das Programm wird aber auf der Webseite der Veranstaltung laufend aktualisiert und erweitert. Ab dem 15. März kann man dort auch an den Aktionen – teils auch interaktiv – teilnehmen. Das Kommunale Integrationszentrum Duisburg findet man unter www.wir-sind-du.de.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

 

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Rat der Stadt Duisburg beschloss Neuzuschnitt der Dezernate

Ersatz für Cölve-Brücke einen Schritt weiter
Von Petra Grünendahl