Dokumentation des Grubenrettungswesens auf Zeche Rheinpreußen ist nun komplett Von Petra Grünendahl
Ex-Grubenwehr-Mann Heinz Bernard mit dem BG4 plus von 2009 in der Grubenwehr-Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl. _______________________________
„Ich habe in meiner aktiven Zeit als Bergmann vier Grubenunglücke auf Rossenray [Kamp-Lintfort] und drei auf der Zeche Walsum erlebt“, erzählte Heinz Bernard, der in seiner aktiven Zeit immer auch Mitglied der Grubenwehr war. Um bei Grubenunglücken Menschenleben zu retten, war es nötig, dass Rettungskräfte auf sauerstoffarmen Strecken Beatmungsgeräte dabei hatten, die ausreichend lange hielten, um noch lebende Bergleute aus der Unglückszone retten zu können. „Im Jahr 1906 beschloss man auf der Zeche Rheinpreußen, eine professionelle Grubenwehr auf die Beine zu stellen“, erklärte André Thissen, Leiter des Arbeitskreises Schacht IV des Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins in Moers (GMGV). Eine erste Geräte-Bestellung sei an die Firma Dräger dann 1907 rausgegangen. Wie nötig eine professionelle Grubenwehr damals war, zeigte das mit 1099 Toten größte Grubenunglück Europas in Courrières (Frankreich) 1906, bei dem die Grubenwehren der Zechen Rheinelbe (Gelsenkirchen) und Shamrock (Herne) bei der Bergung halfen, weil die Franzosen keine geeigneten Atemgeräte hatten. „Die haben damals zwar nur Tote bergen können, haben aber ihre Dräger-Geräte dort gelassen, damit die Franzosen weitersuchen konnten“, wusste Thissen zu berichten. Und tatsächlich: Drei Wochen später hatte man noch drei Überlebende gefunden, die sich mit Tropfwasser am Leben gehalten hatten.
Stellten das BG4 plus von 2009 in der Grubenwehr-Ausstellung vor (v. l.): Markus Heimann, Alex Kalbhaus, Heinz Bernard, André Thissen, Georg Becker mit Freundin Brenda Immink und Alberto Dominguez. Foto: Petra Grünendahl. _______________________________
Das Bergbaumuseum Schacht IV an Industriedenkmal Zeche Rheinpreußen in Moers hat mit einem Exponat der Firma Dräger Medizin- und Sicherheitstechnik seine Sammlung von Bergbau-Rettungsgeräten vervollständigt. Ein Dräger-Kreislaufatemgerät vom Typ BG4 plus aus dem Jahr 2009 übergaben die Dräger-Mitarbeiter Alex Kalfhaus, Teamleiter Service-Werkstatt Deutschland, und Markus Heimann, Servicetechniker Wartung und Instandhaltung. Ein Team des Arbeitskreises Schacht VI des Grafschafter Museum- und Geschichtsvereins (GMGV) übernahm das 2001 entwickelte Gerät im Rahmen eines Pressetermins und wird es in der Winterpause 2026/2027 für die Ausstellung präparieren und im Bereich Grubenrettung im Untergeschoss präsentieren. Es rundet die Sammlung von Geräten ab, die ab dem Jahr 1893 bis in die Gegenwart auf der Zeche Rheinpreußen zum Einsatz kamen. Auch wenn der Standort Rheinpreußen IV bereits 1962 stillgelegt worden ist: In den weitläufigem Grubenfeldern der Zeche Rheinpreußen, die vom linksrheinischen Duisburg (Homberg, Baerl) bis nach Moers reichen, wurde noch bis 2012 zuletzt vom Bergwerk West in Kamp-Lintfort (Zeche Friedrich Heinrich) aus Kohle gefördert.
Bergbau-Arbeitskreis ist bei Dräger offene Türen eingerannt
Industriedenkmal Zeche Rheinpreußen mit Bergbaumuseum Schacht IV in der Fördermaschinenhalle. Foto: Petra Grünendahl. _______________________________
„Ich war bis vor zehn Jahren noch auf der Zeche Auguste Victoria beschäftigt, bevor ich nach deren Stilllegung zu Dräger gewechselt bin“, erklärte Dräger-Teamleiter Alex Kalfhaus seine Affinität zum Bergbau. Zustande gekommen war der Kontakt über die Freundin von Georg Becker, Mitglied im GMGV-Arbeitskreis Schacht IV (Bergbau): Brenda Immink arbeitet bei PCH Technischer Handel für Arbeitsschutz: „Da zählt Dräger natürlich zu den Lieferanten“, erzählte sie. „Wir kommen solchen Nachfragen gerne nach“, so Kalfhaus. Das übergebene Modell des BG4 plus von 2009 ist längst nicht mehr im Handel verfügbar, weil es mittlerweile weiterentwickelte Ausführungen gibt, die zum Beispiel im Salzbergbau in Rheinberg-Borth im Einsatz sind. Ein neues Gerät kostet im vierstelligen Bereich: „Ohne die Spende von Dräger hätten wir uns das als Verein gar nicht leisten können“, so Georg Becker über den neuesten Sammlungszugang.
Stellten das BG4 plus von 2009 in der Grubenwehr-Ausstellung vor (v. l.): Alex Kalbhaus, Heinz Bernard, André Thissen und Alberto Dominguez. Foto: Petra Grünendahl. _______________________________
„So ein Atemgerät ist etwa 13 kg schwer“, erklärte der ehemalige Grubenwehr-Mann Heinz Bernard. Vier bis fünf Mal im Jahr habe er mit seinen Kollegen Einsatzübungen gemacht, um für den Erstfall gerüstet zu sein. Im Gegensatz zu den Standard-Sauerstoffgeräten der Feuerwehr sind die Kreislaufatemgeräte der Grubenwehren für lange Einsatzzeiten konzipiert: Die Geräte reichen für bis vier Stunden Luftzufuhr, die besonders dann nötig ist, wenn man in sauerstoffarmer Umgebung erst einmal an den eigentlichen Einsatzort gelangen muss. Neben dem Bergbau kommen diese Geräte zum Beispiel bis heute im Tunnelbau sowie in der Industrie zum Einsatz. Neben Atemgeräten für den industriellen Einsatz produziert Dräger Atemschutz- und Beatmungsgeräte für medizinische Anwendungen. Das Lübecker Familienunternehmen ist mit rund 18.000 Mitarbeitern weltweit tätig. Wettbewerber für Rettungsgeräte ist das amerikanische Unternehmen MSA Safety (gegründet 1912 als Mining Safety Appliances), dessen Wurzeln im Bergbau liegen.
Das Grubenrettungsgerät von 1908 ist nun ein Ausstellungsstück im Deutschen Bergbau-Museum in Bochum. Foto: Petra Grünendahl. _____________________________
„Bislang haben wir insgesamt neun Grubenrettungsgeräte und zwei Pressluftatmer bis zum Jahr 1966 in der Sammlung. Dazu kommt der Rauchhelm von 1893“, erzählte Schacht4-Arbeitskreisleiter Thissen. „Unser ältestes Grubenrettungsgerät von 1908 haben wir allerdings vor ein paar Jahren an das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum abgegeben, weil es stark restaurierungsbedürftig war und wir die Aufbereitung hier nicht leisten konnten.“ Die Grubenrettungs-Sammlung bildet nun die gesamte Historie ab: „Wir müssen nun die Präsentation über die Winterpause 2026/2027 ein wenig überarbeiten“, so Thissen. In die Ausstellung integrieren will er auch Übernahmen aus der Bergbausammlung Rheinhausen, die sich im vergangenen Jahr aufgelöst hat.
Grafschafter Museums- und Geschichtsverein in Moers e. V.
Das Denkmal von Kurfürstin Luise Henriette vor dem Moerser Schloss. Foto: Petra Grünendahl.
Der Museums- und Geschichtsverein in Moers (GMGV) möchte die Geschichte und Kultur der Grafschaft Moers schützen und erhalten – und das seit 1904. In diesem Jahr gründete Dr. Hermann Boschheidgen den „Verein für Heimatkunde“. Seitdem werden vom Verein, der heute „Grafschafter Museums- und Geschichtsverein“ heißt, Gegenstände aus dem Alltag und dem Leben der Moerser Bevölkerung zusammengetragen und im Moerser Schloss ausgestellt. Dadurch soll gemeinsam mit der Stadt Moers interessierten Bürgern die Geschichte der Grafschaft und des Altkreises Moers nahe gebracht werden. Den kulturellen und historischen Wert des Schlossparks stärker bewusst zu machen und zu erhalten ist ebenfalls ein Ziel der Arbeit des GMGV. Der heutige Vorsitzende, Peter Boschheidgen, ist ein Enkel des Vereinsgründers.
Industriedenkmal Zeche Rheinpreußen mit Bergbaumuseum Schacht IV. Foto: Petra Grünendahl. _______________________________
Als weiterer Schwerpunkt der Vereinstätigkeit kam später die Geschichte des Bergbaus mit dem Nutzungsrecht für das „Industriedenkmal Rheinpreußen Schacht IV“ hinzu, mit der Verpflichtung, das Maschinenhaus von 1906 zu erhalten. Der Bergwerks-Standort war 1962 stillgelegt worden. Unter dem langjährigen Vereinsvorsitzenden Andreas Eichholtz übernahm der GMGV Ende der 1990er-Jahre als Bauherr mit finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, des Landes NRW und der Nordrhein-Westfalen-Stiftung die Renovierung. Das Denkmal und die restaurierte Technik kann im alten Maschinenhaus besichtigt werden. Ehrenamtlich tätige ehemalige Bergleute erklären die Fördertechnik und führen durch die Sammlung. Geöffnet ist Bergbaumuseum an der Zechenstraße 50 in Moers-Hochstraß von Mai bis Ende Oktober jeden Sonntag von 13 bis 16 Uhr. Gruppenführungen sind auch außerhalb der Öffnungszeiten nach Vereinbarung möglich. Kontakt unter Telefon 02841 / 889108 (mittwochs 9 bis 12 Uhr) oder per Mail an schacht4(at)gmgv-moers.de.