„Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt“ Von Petra Grünendahl
Anja Niedringhaus an vorderster Front in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl. _____________________________________
Ihre Fotos erzählen Geschichten aus dem Leben: Von Kriegen, von Soldaten und von Menschen, die versuchen, ihr Leben im Krieg zu führen und sich ein Stück ihrer Normalität zurückzuholen. Diese Fotos dokumentieren die Wirklichkeit eines Krieges, der mehr als nur Kampfhandlungen ist: Zunächst auf dem Balkan, wohin sich die Fotografin Anja Niedringhaus (1965-2014) schon Anfang der 1990er-Jahre schicken lässt. Schon damals trieb sie an: „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“ 2001 ging sie – nach 9/11 – erstmals nach Afghanistan: Ein Land, das sie lieben lernte („das Land, die Menschen, ihre Herzlichkeit“) und welches schließlich ihr Schicksal wurde. Viele weitere Reisen dorthin folgten. Dazu kamen Einsätze im Irakkrieg, in Kuwait, Libyen oder Palestina. Mit einem Blick für das Wesentliche zur Dokumentation und für das Besondere, welches ihre Fotos die Geschichten der Menschen im Bild erzählen lässt. Ihre Mission war, das Leben der normalen Menschen zu zeigen und was der Krieg mit ihnen macht. Sie wollte mit ihren Fotos etwas bewegen, denn, so Niedringhaus: „Es gibt keinen sauberen Krieg.“ Deswegen hat sie zum Beispiel bei ihren wiederholten Afghanistan-Aufenthalten Ortskräfte als Fotografen ausgebildet: Diese konnten auch dort fotografieren und dokumentieren, wo sie als Europäer und als Frau nicht hin kam.
Anja Niedringhaus an vorderster Front in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Ausstellungsplakat.. _______________________________________
Mit über 250 Aufnahmen zeichnet die Schau das vielschichtige Werk der Pulitzer-Preisträgerin, Pressefotografin und Porträtistin Anja Niedringhaus in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen nach. Persönliche Gegenstände wie ihr Blauhelm oder ihre Schutzweste, aber auch Zeitungsseiten mit ihren Fotos im Titel ergänzen die umfassende Bilderschau. Die Leihgaben stammen aus dem Nachlass der Fotografin, der von ihrer Schwester Gide Niedringhaus verwaltet wird, sowie vom Forum Anja Niedringhaus, Höxter (Sportfotografie). Die Ausstellung auf rund 900 Quadratmetern in der Ludwiggalerie ist die bislang umfangreichste Werkschau der Fotografin und reicht von ihren frühen Arbeiten bei der Neuen Westfälischen Zeitung (zu Schulzeiten) und dem Göttinger Tageblatt (während ihres Studiums) bis hin zu ihren Einsätzen als Sportfotografin sowie in Kriegs- und Krisengebieten. Die Ausstellung erstreckt sich über alle drei Etagen: Im Erdgeschoss sind zum einen ihre frühen Arbeiten und Privates zusehen und zum anderen ihre Balkan-Fotos. Im ersten Stock finden sich ihre Bilder aus dem Nahen Osten und im Dachgeschoss die Sportfotografie sowie ein Video-Raum, in dem die aktuelle Film-Dokumentation „Anja Niedringhaus – Die Fotografin und der Krieg“ gezeigt wird. Die Ausstellung wird am Samstagabend mit geladenen Gästen eröffnet und ist ab Sonntag, 10. Mai, fürs Publikum zugänglich.
Die Fotografin und der Katalog
Anja Niedringhaus an vorderster Front in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl. _____________________________________
Anja Niedringhaus (*1965 in Höxter; † 2014 in Banda Khel, Afghanistan) war eine deutsche Fotojournalistin, die aus Kriegsgebieten in Jugoslawien, Palästina, Afghanistan, Kuwait, Libyen und Irak in einzelnen Fotos komplexe Geschichten erzählte. Mit 16, 17 Jahren hatte sie begonnen für die Lokalredaktion der Neuen Westfälischen Zeitung in ihrer Heimatstadt Höxter zu fotografieren. Während ihres Studiums an der Universität Göttingen (Germanistik, Philosophie und Journalismus) schrieb und fotografierte für das Göttinger Tageblatt sowie für andere Tageszeitungen und Magazine. Ihre Fotos vom Fall der Berliner Mauer in Berlin verschafften ihr 1990 eine Anstellung bei der European Pressphoto Agency (EPA). Nach zwei Jahren Sport- und Gesellschaftsfotografie wurde sie 1992 auf eigenen Wunsch in den gerade begonnenen Krieg in Jugoslawien geschickt. Neben ihrer Fotoberichterstattung aus Krisen- und Kriegsgebieten in aller Welt berichtete sie auch immer von großen Sportereignissen: Zum Beispiel in der Leichtathletik oder vom Tennis, von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sowie aus Wimbledon. Für EPA war Anja Niedringhaus bis 2001 tätig und wechselte dann 2002 zur amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Sie erhielt den Pulitzer-Preis (2005 zusammen mit weiteren Kollegen von der AP für die Berichterstattung aus dem Irak-Krieg) und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Am 4. April 2014 wurde sie einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Afghanistan bei einem Attentat erschossen, als sie im Auftrag der AP als Wahlberichterstatterin in Afghanistan unterwegs war. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgestellt in namhaften Museen und Kunstsammlungen. https://de.wikipedia.org/wiki/Anja_Niedringhaus https://www.anjaniedringhaus.com/ (Gedenkseite)
Anja Niedringhaus an vorderster Front in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl. _____________________________________
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog „Anja Niedringhaus an vorderster Front“ mit Texten von Dr. Christine Vogt (Kuratorin Kriegs-/Krisenfotografie) und Kerrin Postert (Kuratorin Sportfotografie). Das reich bebilderte 128-seitige Werk wird herausgegeben von der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen (Selbstverlag) und ist für 30 Euro im Museums-Shop (im Kleinen Schloss) zu haben (ISBN 978-3-932236-55-6).
Impressionen aus der Ausstellung. Fotos: Petra Grünendahl
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Ludwiggalerie Schloss Oberhausen
Anja Niedringhaus an vorderster Front in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl. _____________________________________
Die Sonderausstellung im Großen Schloss läuft bis zum 13. September. Im Kleinen Schloss ist bis zum 31. Mai 2026 der Arbeitskreis Oberhausener Künstler mit „VON HIER 2026“ zu Gast. Ab dem 14. Juni gibt es „VON ADAMAS BIS ZAUBERLEHRLING – Kunst in Oberhausen“ fotografiert von Rainer Schlautmann zu sehen. Das Museum ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr. Montags ist Ruhetag, feiertags sowie Oster- und Pfingstmontag ist jedoch geöffnet. Geschlossen ist am 24., 25. und 31. Dezember sowie 1. Januar. Der Eintritt kostet 12,00 Euro (ermäßigt 6,00 Euro, Familien mit zwei Erwachsenen plus Kindern 22,00 Euro). Außerdem gibt es ein Kombiticket mit dem Gasometer Oberhausen für 19,00 Euro.
Öffentliche Führungen finden im Großen Schloss sonn- und feiertags um 11.30 Uhr statt. Zudem gibt es zur Ausstellung Kuratorenführungen (Dr. Christine Vogt):
Sonntag, 17. Mai 2026 (Internationaler Museumstag), 15 Uhr,
Sonntag, 14. Juni 2026, 15 Uhr,
Sonntag, 29. März 2026, 15 Uhr,
Sonntag, 5. Juli 2026, 15 Uhr, und
Sonntag, 30. August 2026, 15 Uhr.
Anja Niedringhaus an vorderster Front in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl. _____________________________________
Zu Ausstellungen gibt es immer zahlreiche Veranstaltungen und Events sowie Führungen der Kunstvermittlung. Alle Führungen (außer Gruppenführungen) sind im Museumseintritt inklusive. Das Highlight im Rahmenprogramm ist am ersten Öffnungstag (10. Mai, 14 Uhr) eine Gesprächsrunde mit Gide Niedringhaus (Schwester), Jutta Steinhoff (Kollegin und Freundin) und Ludger Haferkemper (Vorstand Forum Anja Niedringhaus, Höxter) mit Museumsdirektorin Dr. Christine Vogt. Das vielfältige Rahmenprogramm umfasst außerdem einen Vortrag von Journalist Jan Jessen (Funke Mediengruppe, Thema: Was bedeutet Kriegsberichterstattung aus Israel, Syrien oder der Ukraine, 30. Mai), ein Gespräch mit Dokumentarfilm-Produzentin Birgit Schulz (Anja Niedringhaus – Die Fotografin und der Krieg, 5. Juli) sowie im Rahmen der Demokratiewoche ein Bericht von Claudia Peppmüller aus den Krisengebieten und aus dem Alltag im Friedensdorf Oberhausen (13. September). Dazu kommen Themenführungen für Erwachsene sowie Kinder & Jugendliche im Rahmen von museumspädagogischen Angeboten (auch als Gruppenführungen). Details zum gesamten Rahmenprogramm zu den Ausstellungen sowie zum museumspädagogischen Angebot gibt es im Flyer zur Ausstellung sowie hier.
Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen ist eines der 21 RuhrKunstMuseen. Sie befindet sich an der Konrad-Adenauer-Allee 46 in 46049 Oberhausen. Anfahrt am besten über die A42, Abfahrt Oberhausen-Zentrum. Weitere Infos unter www.ludwiggalerie.de.
Gedenkhalle im Schloss Oberhausen
Gedenkhalle am Schloss Oberhausen. Foto: Petra Grünendahl. ____________________________________________
Sehr bemerkenswert ist die ebenfalls im Schloss Oberhausen untergebrachte, aber nicht zur Ludwiggalerie gehörige Gedenkhalle. Als städtische Einrichtung in Erinnerung an die Verfolgten des Nationalsozialismus arbeitet die Gedenkhalle seit 1962 gegen das Vergessen und für das Miteinander aller Menschen in Oberhausen. Mit der 2010 erneuerten Dauerausstellung widmet sie sich der Stadtgeschichte zwischen 1933 und 1945 sowie der Zwangsarbeit im Ruhrgebiet während der NS-Zeit. Geöffnet hat die Gedenkhalle ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Da sollte man unbedingt mal vorbei schauen! www.gedenkhalle-oberhausen.de