Lesetipp: Zugänge zum Eisen – Die Geschichte des Landschaftsparks Duisburg-Nord

Heute ein Besuchermagnet: Das ehemalige Meidericher Hüttenwerk zum Anfassen
Von Petra Grünendahl

Hochofenkulisse im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Schon 1758 wurde in der St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld (heute LVR Industriemuseum) Roheisen gewonnen. Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nachdem Koks die Holzkohle bei Roheisengewinnung ersetzte, konnte sich das Ruhrgebiet als Standort für die Eisenhüttenindustrie etablieren: In der Nähe von Steinkohlebergwerken entstanden Hütten- und Stahlwerke. Nach Errichtung eines integrierten Hüttenwerks in Bruckhausen in den 1890er-Jahren plante August Thyssen ein zweites Hochofenwerk, welches er ab 1901 in Meiderich bauen ließ. Es sollte seine Stahlwerke in Bruckhausen und Mülheim beliefern. 1912 ging der letzte der fünf in Reihe stehenden Hochöfen in Betrieb.

Hochofenkulisse im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Der Fokus auf spezielle Eisensorten gab der Hütte den Beinamen „Apotheke des Ruhrgebiets“. 1985 schloss Thyssen das Hüttenwerk, um Überkapazitäten vom Markt zu nehmen. Und mit der Schließung der Hütte stellte sich die Frage: Was tun mit rostenden Stahlgiganten, Betonbunkern und einer 200 Hektar großen belasteten Industriebrache? Interessierte Bürger kämpften gegen eine Demontage und für eine Nachnutzung. Sie wollten die Identität stiftende Wirkung dieser Wahrzeichen der Industrialisierung in der Region erhalten – und kämpfen gegen den Willen vieler Lokalpolitiker schließlich erfolgreich für den Erhalt. Ihnen kam dabei zugute, dass auch die nordrhein-westfälische Landesregierung einen Ansatz zum Strukturwandel suchte, der ab 1988 geplant und umgesetzt wurde. Der Umbau zum Landschaftspark um das Industriedenkmal konnte beginnen. Seit 2000 stehen die meisten Anlagen des Hüttenwerks unter Denkmalschutz. Es ist heute Teil der Route der Industriekultur sowie der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH).

 

Zugänge zum Eisen. Titelbild: Klartext Verlag.

Mit der Geschichte des Meidericher Hüttenwerkes bis zum Landschaftspark Duisburg-Nord, so der Untertitel, beschäftigt sich das Buch „Zugänge zum Eisen“. Das Werk vermittelt in Texten, Fotos und Grafik die geschichtlichen und fachlichen Hintergründe des Hüttenwerks und des heutigen Landschaftsparks Duisburg-Nord, der nach dem Kölner Dom die meistbesuchte Touristen-Attraktion in NRW ist. Im nahezu komplett erhaltenen Hüttenwerk mit drei Hochöfen und technischen wie baulichen Nebenanlagen lässt sich auch heute noch der Weg vom Erz zum Roheisen und die Produktionsabläufe der montanindustriellen Großanlage nachvollziehen. Die Publikation baut eine „Brücke der Orientierung“ von der industriellen Vergangenheit des Werkes zur Neunutzung der Werksanlagen. Dabei konnte das Redaktionsteam rund um Autor Michael Clarke auf historische Fotos vom thyssenkrupp Konzernarchiv sowie Funktionsskizzen zurückgreifen, die Produktionsprozesse veranschaulichen.

 

 
Vom Industrieraum zum Freizeitareal

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Das Buch „Zugänge zum Eisen“ ist thematisch in zwei große Abschnitte gegliedert. Sehr detailliert ist die Aufarbeitung der Geschichte des Hüttenwerks auch im historischen Kontext seiner Zeit und der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen. Das reicht von der Entstehung des Ruhrgebiets im 19. Jahrhundert, der Industrialisierung Duisburgs und dem Unternehmen von August Thyssen über die Weltkriege bis zur ersten großen Stahlkrise, die das Ende des Werks bedeutete. Autor Michael Clarke zeichnet die Entwicklung des Hüttenwerks nach bis zur Stilllegung und zur Diskussion einer Nachnutzung der Flächen.

 

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Im zweiten Teil beschreibt er die technischen und baulichen Anlagen des Hüttenwerks und ihre Funktionen, die Prozesse der Roheisengewinnung sowie Zeche und Kokerei Friedrich Thyssen 4/8, die das Hüttenwerk mit Koks versorgten. Viele dieser Anlagen des Hüttenwerks sind im Landschaftspark Duisburg-Nord noch erhalten, benachbarte Zeche und Kokerei (Friedrich Thyssen 4/8) sind jedoch längst abgerissen. Detailliert beschreibt Clarke auch die Um- und Nachnutzung der Anlage heute.

 

Masselgießanlage des Hüttenwerks im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Mit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) wurde das Meidericher Hüttenwerk 1990 bis 1999 zum Zentrum dieses industriekulturellen Großprojektes und hauchte der Industriebrache neues Leben ein. 1994 wurde erste Bereiche des heutigen Landschaftsparks der Öffentlichkeit übergeben. Projektträger war in den ersten Jahren im Rahmen der IBA Emscher Park die Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen (LEG) im Auftrag der Stadt Duisburg. 1997 wurde dann mit der Landschaftspark Duisburg-Nord GmbH eine stadteigene Gesellschaft gegründet, die fortan die Geschicke des Parks lenkte.

Masselgießanlage des Hüttenwerks im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Petra Grünendahl.

Noch heute wird der Landschaftspark von einer städtischen Betriebsgesellschaft (Duisburg Kontor Hallenmanagement GmbH) gemanagt. Neben Raum für Erholung und verschiedene Freizeitaktivitäten gibt es hier auch immer wieder unterschiedlichste Kulturveranstaltungen und Events. Das Parkgelände ist täglich und rund um die Uhr geöffnet und zu jeder Jahreszeit wirklich sehenswert. Der Eintritt zum Areal ist kostenfrei, der Zugang zu Veranstaltungen nicht unbedingt. Wegen Corona sollten Besucher des Landschaftsparks aber zurzeit die AHA-Regel beachten: Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen.

 

 
 
Buch und Verlag

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Das 144-seitige Buch „Zugänge zum Eisen“ der Duisburg Kontor Hallenmanagement GmbH (Herausgeber) ist im Essener Klartext Verlag erschienen. Das bebilderte Taschenbuch im Format 14 x 21 cm ist für 14,95 Euro im Besucherzentrum des Landschaftsparks Nord, der Tourist Information Duisburg auf der Königstraße sowie im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-8375-2136-8). Verständliche Texte und Grafiken erleichtern auch Einsteigern in die Materie das Verständnis für Prozesse und Zusammenhänge. Gerade bei der Beschreibung der einzelnen Standorte und Anlagen würde man sich vielleicht als Ortsunkundiger mehr Fotos wünschen, um die beschriebenen Gebäude besser einordnen zu können. Eine Karte im Anhang gibt einen geografischen Überblick über Park und Anlagen. Den Plan gibt es online zum Download, man bekommt ihn aber auch als Flyer im Besucherzentrum im ehemaligen Hauptschalthaus. Weitere Informationen rund um den Landschaftspark – auch zu Führungen – gibt es unter www.landschaftspark.de.

 

Zugänge zum Eisen: Blick ins Buch. Foto: Petra Grünendahl

Der Klartext Verlag wurde 1983 gegründet, seit 2007 ist er Teil der Funke Mediengruppe. Seine Heimat liegt im Ruhrgebiet, wo auch der überwiegende Teil seiner Publikationen angesiedelt ist: Freizeitführer, Sachbücher, Kalender und Bildbände. Mit der „Von oben“-Reihe kann man Städte nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in ganz Deutschland aus der Vogelperspektive bewundern. Und mit der Klugscheißer-Reihe (siehe hier: Duisburg für Klugscheißer) lernt der Leser Neues zu verschiedenen Orten, Themen und Fußballvereinen – unterhaltsam und fundiert, denn, so der Verlag: „wir machen Bücher mit Qualität und gerne auch mal einem Augenzwinkern.“
www.klartext-verlag.de

 

Karte mit Infografik: Landschaftspark Duisburg-Nord.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (8), thyssenkrupp Konzernarchiv, Duisburg (historische Fotos), Karte mit Infografik: Landschaftspark Duisburg-Nord, Titelbild und Infografiken: Klartext Verlag

 

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