Moers: 400 Jahre oranische Befestigung von Schloss und Stadt

Ein Stadtbild prägendes Bauwerk geschichtlich betrachtet
Von Petra Grünendahl

Das Denkmal von Kurfürstin Luise Henriette vor dem Moerser Schloss. Foto: Petra Grünendahl.

Aus dem 12. Jahrhundert datieren die ältesten Teile des Moerser Schlosses, auf dem sich damals das Adelsgeschlecht der Grafen von Moers ansiedelte. Die Stadtrechte bekam Moers 1300 verliehen, erste Befestigungen, Wassergräben und Stadttore entstanden im frühen 15. Jahrhundert. Die Grafschaft fiel durch Erbschaft an das Haus Wied-Runkel (1493) und an die Grafen von Neuenahr (1519). In Folge des Truchsessischen Krieges (1583–1588) besetzten ab 1586 spanische Truppen die Stadt.

Im Luftbild der Moerser Innenstadt erkennt man die Linien der alten Befestigung. Luftbild: Google.

Die zu dieser Zeit im Exil lebende Anna Walburga, die letzte Gräfin von Neuenahr und Moers, vermachte die Ländereien ihrem Verwandten Moritz von Oranien. Dieser belagerte die Stadt und konnte sie 1597 gewaltlos einnehmen. Anna Walburga lebte bis zu ihrem Tod 1600 wieder in Moers. Mit seinem Regierungsantritt als Herr der Grafschaft begann Moritz 1601 mit der Befestigung von Schloss, Alt- und Neustadt Moers, die 1620 vollendet wurde. Die oranische Befestigungsanlage veränderte das äußere Erscheinungsbild der Stadt. Die Festungswerke mit ihrem Wallsystem boten Schutz vor feindlichen Angriffen, aber auch vor dem jährlich auftretenden Hochwasser. Der mäandrierende Rhein hatte hier große Sumpfflächen geschaffen: Der Stadtname Moers leitet sich wohl von Moor oder Morast ab. Einer Belagerung musste die Festungsstadt jedoch nie standhalten. Die Oranier beherrschten Moers bis 1700. 1702 fiel die Stadt im Wege der Erbfolge an Preußen.

 

Grundriss der Festungsanlagen von Schloss und Stadt Moers um 1601/02. Quelle: Geheimes Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin.

Zum 400-jährigen Jubiläum der oranischen Befestigung von Schloss und Stadt legt der Grafschafter Museums- und Geschichtsverein in Moers e. V. (GMGV) ein neues Standardwerk zu Bau und Schicksal der Moerser Festungsanlage vor. Herausgegeben von der Stadthistorikerin Prof. Dr. Margret Wensky dokumentieren fünf Experten unterschiedlicher Fachrichtungen anschaulich die Geschichte dieses kulturellen Erbes. Margret Wensky skizziert die politische Situation der Grafschaft im 16. Jahrhundert, die dazu führte, dass Moritz von Oranien in ihren Besitz kam. Zusammen mit Christine Knupp-Uhlenhaut, der ehemaligen Leiterin des Grafschafter Museums, hat sie zudem Moerser Festungspläne des 16. bis 18. Jahrhunderts zusammengestellt und analysiert: Festungspläne sind weitaus zahlreicher als Darstellungen von Moers erhalten als solche der Stadt. Ein spektakulärer Fund im Geheimen Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin bringt dabei neue wichtige Erkenntnisse zum Planungsbeginn um 1601 und dürfte ein Vorläufer des großen Bauplans der Festung sein, der diese als „work in progress“ zeigt. Während der Besetzung der Stadt im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) ließ der französische Stadt- und Festungskommandant de Sariac einen präzisen Plan anfertigen, kurz bevor Preußenkönig Friedrich II. die Festungswerke 1763/64 schleifen ließ, was das Stadtbild wiederum gravierend veränderte.

 

 
Von den Bauakten des Festungsbaus bis Stadtplanung im 20. Jahrhundert

Stadt, Kastell und ehemalige Festungsanlage Moers, 1831, Umzeichnung des Urkatasters durch Michael Buyx (1795-1882). Quelle: Stadt Moers, Fachdienst Vermessung.

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Anhand von erhaltenen Bauakten rekonstruiert Heike Preuß den Bau der Befestigung in den Jahren 1601 bis 1620. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die daran beteiligten Unternehmer und Arbeiter. Als Berater für den Bau der Festung beauftragte Moritz von Oranien den flämischen Mathematiker, Physiker und Bauingenieur Simon Stevin, der seit 1593 in seinem Diensten stand und diesem mehrere Festungen entwarf. Der große Bauplan der Festungsanlage, der sich heute im NRW-Landesarchiv in Duisburg befindet, stammt möglicherweise aus seiner Feder. Seinem Leben und Werk geht Hajo Hülsdunker nach. Mit der Schleifung der Wehranlagen erreichte die Stadtbefestigung bis 1800 ein Erscheinungsbild, welches bis zur Wende zum 20. Jahrhundert Bestand hatte.

 
 

Überlagerung des Sariac-Plans von 1762 mit dem aktuellen Katasterplan der Stadt Moers. Quelle: Stadt Moers, Fachbereich 6.

Thorsten Kamp geht dem wechselvollen Schicksal der ehemaligen Festungsanlage seit dem frühen 20. Jahrhundert nach. Er stellt die zum Teil massiven Veränderungen des Stadtbildes und die stadtplanerischen Vorhaben vor, wie sie im Laufe des Jahrhunderts vollzogen wurden – oder Planung blieben, aber immer auch die ehemaligen Festungsanlagen betrafen. Sein Beitrag ist zugleich ein Appell zum sorgsamen Umgang mit diesem bedeutenden flächigen Baudenkmal der Stadt.

 

 
Ein Standardwerk für Moers-Interessierte

Joan Blaeu d. Ä. (1596-1673), Grundriss der Festung Moers, 1649. Quelle: Grafschafter Museum im Moerser Schloss.

„Der Grafschafter Museums- und Geschichtsverein ist froh, ein derartiges Großprojekt zum 400. Jubiläumsjahr der das Stadtbild prägenden oranischen Befestigungsanlage gestemmt zu haben“, sagt Peter Boschheidgen, Vorsitzender des GMGV. „Das Werk wird wegen seiner lebendigen und abwechslungsreichen Darstellung nicht nur die Fachleute begeistern, sondern jeden Leser, der sich mit der Stadt Moers und ihrer Geschichte verbunden fühlt.“ 91 Abbildungen, zum Teil bislang unveröffentlichte Pläne, Dokumente und Ansichten aus in- und ausländischen Archiven, Bibliotheken, Museen und Sammlungen, ergänzen und illustrieren die Beiträge. Das Buch „400 Jahre oranische Befestigung von Schloss und Stadt Moers 1620–2020“ (Herausgeber Prof. Dr. Margret Wensky, Veröffentlichung des Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins in Moers e.V.) mit festen Einband und 156 Seiten kostet 29,50 Euro. Zu erwerben ist es bei der Moers Marketing GmbH oder im Moerser Schloss (Grafschafter Museum) ebenso wie im lokalen Buchhandel (ISBN 978-3-948252-01-4).

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Foto: Petra Grünendahl, Luftbild: Google
Pläne und Grundrisse: Geheimes Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin (1), Grafschafter Museum im Moerser Schloss (1) und Stadt Moers (2)

 

Über Petra Grünendahl

"Mich kann man nicht beschreiben, mich muss man erleben ;-)" . . . . . . . . . . . . Freie Journalistin aus Duisburg (Ruhrgebiet, Deutschland). . . . . . . . . . . . . . . . . IN*TEAM Redaktionsbüro Duisburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auto-Testberichte, Verkehrssicherheit, Binnenschifffahrt & Logistik, . . . . . . . Wirtschaft & Verbraucherthemen und vieles mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, Strategien & Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Foto: Petra Grünendahl)
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2 Responses to Moers: 400 Jahre oranische Befestigung von Schloss und Stadt

  1. Doris Michel sagt:

    Ein sehr aufschlussreicher Artikel. Persönliche Bemerkung: Auf dem Plan sieht Moers interessanter aus als es mir heute erscheint.

  2. Pingback: Grafschafter Museums- und Geschichtsverein: 400 Jahre Moerser Festungsanlagen | Duisburg am Rhein – Betrachtungen …

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