Niederrheinische IHK: Rheinische Wirtschaft fordert Öffnungsperspektive

Nachhol-Effekte wird es eher nicht geben
Von Petra Grünendahl

Dr. Stefan Dietzfelbinger, Hauptgeschäftsführer der Niederrheinischen IHK. Foto: Michael Neuhaus / Niederrheinische IHK.

„Viele Unternehmer sind verzweifelt, weil ihnen die Lebensgrundlage entzogen wurde“, berichtete Dr. Stefan Dietzfelbinger, Hauptgeschäftsführer der Niederrheinischen IHK. Besonders getroffen hat es Gastronomie, Veranstaltungsbranche, Einzelhandel und personenbezogene Dienstleistungen: „Viele Unternehmer stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Da fließen bei Beratungsgesprächen mit unseren Mitarbeitern auch schon mal Tränen“, so Dietzfelbinger weiter. Die niederrheinische IHK ist sehr bemüht, den Unternehmern zumindest beim Erschließen von Fördermitteln unter die Arme zu greifen. Fördermittel seien sehr wichtig, sagte Dietzfelbinger, aber darüber hinaus bräuchten die Unternehmer Perspektiven für die Zukunft. Allerdings, so räumte er ein: „Nicht alle sind gleich betroffen. Für einige Unternehmer hat sich wenig geändert, andere profitieren sogar.“ Gut behaupten können sich die IT-Branche, Banken und Versicherungen, das Gesundheitswesen und die Baubranche.

 

Die Niederrheinische IHK an der Mercatorstaße. Foto: Petra Grünendahl.

Im Online-Pressegespräch stellte die Niederrheinische IHK den gemeinsamen Konjunkturbericht der Industrie- und Handelskammern im Rheinland vor. Zwischen Aachen und Wuppertal, Kleve und Bonn haben die sieben IHKs zum Jahresbeginn 2021 Unternehmen zur Wirtschaftslage und ihren Erwartungen befragt. Rund 3.200 Betriebe aus Industrie, Handel und Dienstleistungen hatten sich beteiligt. Der so entstandene Konjunkturklimaindex, der Lage und Erwartungen zusammenfasst, liegt bei 97 Punkten, er hält damit trotz Lockdown das niedrige Niveau aus dem Herbst (98 Punkte). Im Frühjahrs-Lockdown 2020 war er von 108 Punkten zum Jahresbeginn 2020 auf 68 Punkte abgestürzt. Der Bericht ist online abrufbar unter http://www.ihk-niederrhein.de/rheinland-barometer.

 

 
Krise hat Verlierer und Gewinner

Lockdownbremst die Erholung der Wirtschaft. Quelle: IHKs im Rheinland.

Die Schere öffnet sich zwischen Verlierern der Pandemie und Unternehmen, die sich behaupten können. Zu den Verlierern zählen neben den vom Lockdown betroffenen Unternehmen auch solche, die von Aufträgen aus diesem Branchen abhängen. Alle Branchen drückt die Sorge vor der rückläufigen Nachfrage. Dietzfelbinger: „Die Nachfrage aus dem Inland, aber auch von den Auslandsmärkten, hat deutlich nachgelassen. Die Unternehmen sind verunsichert und sie planen sehr vorsichtig bei Investitionen und Personal. Diese Zurückhaltung ist eines der größten langfristigen Risiken der Krise.“

 

Auswirkungen auf die Branchen sehr unterschiedlich. Quelle: IHKs im Rheinland.

„Wir verstehen, dass die Politik auf ein dynamisches Pandemiegeschehen auch situativ reagieren muss und auf Sicht fährt. Vielen Unternehmen fehlt aber jede Perspektive. Nach einem Jahr Corona-Pandemie und über 25 neuen Regelungen brauchen die Unternehmen mehr Klarheit“, so Dietzfelbinger. Konkret fordern die IHKs im Rheinland einen Stufenplan, der Kriterien festlegt, wann welche Geschäfte wieder öffnen dürfen. Es sei an der Zeit, einen Weg aus der Krise aufzuzeigen, so die IHKs. Zumal: Zum Öffnen bräuchten die Unternehmen einen Vorlauf. Indikatoren wie Inzidenz, Krankenhaus-Patienten oder die Zahl der Geimpften könnten da Leitschnur für eine vorsichtige Öffnung sein. „Wir werden wohl lernen müssen, mit dieser Pandemie zu leben. Dafür brauchen wir einen Plan, denn das Rheinland ist eine Grenzregion mit vielen Pendlern.“ Dazu brauche es neben Hygienekonzept und Masken auch technische Sicherheitsmaßnahmen wie Luftfilterung.

 

 
Angebot braucht wieder Nachfrage

Lockdownbremst die Erholung der Wirtschaft. Quelle: IHKs im Rheinland.

„Noch sehen wir keine Auffälligkeiten, aber wir stellen uns natürlich die Frage: Wann kommt die Insolvenz-Welle?“, bemerkte der IHK-Hauptgeschäftsführer. „Wir hoffen, dass es dazu nicht kommt. Aber was ist, wenn Fördermittel auslaufen?“ Den Unternehmern fehle die Liquidität. Fördermittel flössen zu langsam. Anträge müssten unbürokratischer werden. Nachhol-Effekte erwarte kaum ein Unternehmen – schon gar nicht in diesem Jahr. Erst 2022 erwarte man, dass die Wirtschaft wieder anlaufe, wenn man die Pandemie rechtzeitig in den Griff kriege. „Wirtschaft ist auch Psychologie“, betonte Dietzfelbinger. Mehr denn je bräuchten Unternehmer Perspektiven zur Planung: Wann kann ich mein Geschäft wieder ans Laufen kriegen? Und wann dürfen Kunden wieder zu mir kommen?

 

 
Niederrheinische IHK
Die Niederrheinische IHK vertritt das Gesamtinteresse von rund 69.000 Mitgliedsunternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen in Duisburg und den Kreisen Wesel und Kleve. Sie versteht sich als zukunftsorientierter Dienstleister und engagiert sich als Wirtschaftsförderer und Motor im Strukturwandel. Zur Gruppe der IHKs im Rheinland zählen neben Duisburg, Wesel und Kleve die Kammerbezirke Krefeld / Mittlerer Niederrhein, Düsseldorf, Wuppertal / Bergisches Land, Aachen, Köln und Bonn / Rhein-Sieg.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Foto: Petra Grünendahl (1), Michael Neuhaus (1)

 

Dieser Beitrag wurde unter Duisburg, Region, Wirtschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen